http://www.faz.net/-gpc-6yyn7

Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.NET-Homepage?

FAZ.NET-Frühkritik : Gott in der Hosentasche

Viel heiße Luft bei den Sinnfragen: Die Gastgeberin Anne Will Bild: dpa

Fuchteln mit der Inquisition: Bei „Anne Will“ bekam man eine Ahnung davon, was es mit dem Relativismus-Ekel Joseph Ratzingers auf sich hat.

          Was für ein seltsam formuliertes Thema diesmal bei Anne Will: „Alle auf Sinnsuche - Hat die Kirche noch Antworten?“. Wahrscheinlich wollte man fragen: Bringen es die Antworten der Kirche noch? Oder: Wer mag die Antworten der Kirche noch hören? Denn dass die Kirche Antworten gibt, kann im Ernst ja nicht in Frage stehen. So verwurschtelt setzte sich das Thema dann auch in der Sendung fort.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Runde sollte diskutieren, ob sie einen kurzen Aufenthalt im Kloster gut oder schlecht findet. Der politische Aufhänger für diese Frage: Wulff und Seehofer hätten so etwas ja neulich gemacht. Aber was kann man dagegen haben, wenn sich jemand für einen Abstecher ins Kloster entscheidet? Nicht viel, so steht zu befürchten. „Find ich prima“, antwortet Heiner Geißler auf die Frage: „Wie finden Sie das?“ Ja, prima, meinten auch die anderen, mit Ausnahme der bekennenden Atheistin Angelika Kallwass, die ganz allgemein „Unterwerfung“ nicht gut findet.

          Man bekenne die Allmacht oder verlasse die Kirche!

          Man hatte sich in der Redaktion offenbar erhofft, über die Wie-find-ich-Klostertage?-Frage die Wie-find-ich-Kirche?-Frage irgendwie ventiliert zu bekommen. Ventiliert wurde aber nur die heiße Luft der Befindlichkeit. Matthias Matussek gab sich einmal mehr als pausbäckiger Fraglos-Katholik, der den lieben Gott in der Hosentasche trägt und die Theologie meidet wie der Teufel das Weihwasser. „Irrsinn, Irrsinn, Gott und Hitler in einem Atemzug zu nennen“, schrie er Angelika Kallwass nieder, als sie gefragt hatte, wie die Allmacht und Güte Gottes mit Auschwitz zu vereinbaren sei.

          Der Irrsinn liegt natürlich bei Matussek – bei dem, der der Kallwass berserkerhaft die Worte im Munde verdreht. Das kommt davon, wenn die selbsternannte Orthodoxie so tut, als gebe es bei den „Grundwahrheiten“ des Glaubens, so auch bei den Attributen Gottes, nichts zu interpretieren: Man bekenne Allmacht und Güte Gottes oder verlasse die Kirche! Ein Fuchteln mit der Inquisition, aufgeblasen und albern.

          Altöttings mangelhafter Kosmopolitismus

          Und so bekam man bei dieser Anne Will-Runde eine Ahnung davon, was es mit dem Relativismus-Ekel Joseph Ratzingers auf sich hat. Er muss eine derart appetitlose Verfrühstückung des Christentums vor Augen haben, wie wir sie gestern Abend im Fernsehen erleben konnten. Da war kein Versuch, zu irgendwelchen Gehalten jenseits der durchgeknallten Erlebnis-Perspektiven vorzustoßen. Andreas Altman breitete seine eklesiogene Neurose aus, die er sich in seinem Heimatort Altötting gefangen habe, in jener bayerischen Wallfahrtsstätte, die über ihrer Frömmigkeit ungehindert den Kosmopolitismus vernachlässige.

          Wahrheit in der Kirche, Trost beim Sex

          Auch Arnulf Baring (er war nach der letzten Anne Will-Sendung offenbar einfach im Studio sitzengeblieben und jetzt wieder mit von der Partie) verfiel in den gefälligen Befindlichkeitston, er schwärmte davon, als Protestant seit dreißig Jahren hinter katholischen Klostermauern Einkehr zu suchen. Eine anthropologische Konstante (Achtung: Analyse!) liege in der Sehnsucht, „die Kleinheit des eigenen Ichs zu übersteigen“. Deshalb werde Sex getrieben, gekokst oder eben ins Kloster gegangen. Barings funktionaler Religionsbegriff machte sich lieblich-grinsend in der Runde breit. Trost sei es, den er im Kloster suche und finde. Da hatte der verstorbene Romancier Walker Percy genauer hingeschaut. In der Kirche suche er Wahrheit, schrieb er, und Trost finde er beim Ficken. Wer hier die Begriffe sauber trennt, so darf man folgern, hat zumindest den besseren Sex.
           

          Weitere Themen

          Trumps Rede bei den Vereinten Nationen Video-Seite öffnen

          Livestream : Trumps Rede bei den Vereinten Nationen

          Mit Spannung wird die Rede Donald Trumps Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen erwartet - sucht er in der Iranpolitik die Konfronatation mit den Europäern?

          Klinik unter Psalmen

          Mallorca : Klinik unter Psalmen

          Manchmal geschehen noch Wunder, und dann ist es sogar auf Mallorca sehr still – wenn man sich auf eine Nacht im Kloster einlässt. Ein Reisebericht.

          Das Mauerpanorama in Berlin Video-Seite öffnen

          Ein Novembertag 1980 : Das Mauerpanorama in Berlin

          Am einstigen Grenzübergang Checkpoint Charlie steht ein 360-Grad-Panorama des Künstlers Yadegar Asisi. Es zeigt das Leben im Schatten der Mauer an einem Novembertag im Jahr 1980. Ein Magnet für Berlin-Touristen.

          Topmeldungen

          Kauders Niederlage : Lame duck Merkel

          Der überraschende Sieg von Ralph Brinkhaus soll Angela Merkel zeigen: Es geht zu Ende. Weder sie noch Volker Kauder hatten offenbar eine Ahnung davon, wie groß die Unzufriedenheit ist. Ein Kommentar.

          Katholische Kirche : Ein tiefer Blick in die dunkle Vergangenheit

          Die Ergebnisse eines Forschungsprojekts über den Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche erschüttern selbst die erfahrensten Wissenschaftler. Die Reaktion der Kirche: Sie will sich bessern – wieder einmal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.