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FAZ.NET-Frühkritik: Ärztepfusch Meine Meinung, deine Meinung

 ·  Vom Rückenleiden bis zum Darmkrebs: Bei „Maischberger“ stritten Insider und Außenseiter über Risiken und Nebenwirkungen der Vorsorge.

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Das Internet hat auch eine Amateur-Kultur hervorgebracht, die es den Fachleuten schwer macht, Fachleute zu bleiben. Jeder Schüler, jeder Gläubige, jeder Patient weiß es im Zweifel besser als der Lehrer, der Pfarrer oder der Arzt. Weil sich im Internet stets eine zweite, dritte, hundertste Meinung einholen lässt, ist die Autorität des Fachmanns gleichsam digitalisiert.

Wen wundert es da, wenn ein Fachbereich wie die Medizin, in dem von Hause aus so viel schief läuft, inzwischen vom Thema Ärztepfusch beherrscht wird? Die Ärzte selber machen sich den Angriff der Amateure zu nutze, indem sie damit werben, es jeweils besser zu machen als die pfuschende Kollegenschaft.

Wie beispielsweise der Orthopäde Martin Marianowicz, ein Spezialist für das Volksleiden Rückenschmerzen, der sich bei „Maischberger“ mit der Aussage positionierte, achtzig Prozent aller Operationen in diesem Bereich seien überflüssig. Und gegen den behaupteten Eifer der Operateure, die sich ihren Bedarf selbst schaffen, die „Marianowicz-Methode“ (so der Buchtitel des Geschäftsmodells) setzt.

Ein Buch ist wiederum ein Ticket für die Talk-Show, und so kommt es, dass aus den Heerscharen von Orthopäden, aus der digitalen Flut von Tips und Gegentips zum Thema Rücken plötzlich eine Heilsgestalt herausragt, die über den hundert Meinungen steht: eben Doktor Martin Marianowicz.

Die Vorzeige-Patientin und der Operateur

Ihm zur Seite wurde bei „Maischberger“ eine von ihm geheilte Patientin gesetzt, die zuvor schon vier vergebliche Bandscheibenoperationen hinter sich gebracht hatte, bevor auch sie endlich den Weg zu Doktor Marianowicz fand und das Leid alsbald ein Ende. Bei dieser Konstellation bedurfte es weiter gar keines fachlichen Nachweises als der schlichten Darlegung, dass Rückenschmerzen in mancherlei Gestalt auftreten und viele Gründe haben können: Es gibt sie als steifen Nacken, als Kreuzschmerzen und als Ischias, zu den Ursachen zählen Entzündungen, Arthrose, Bandscheibenvorwölbung oder Bandscheibenvorfall, Narben und Einengungen.

Was daraus geradewegs folgt, ist wiederum der Gang zu Doktor Marianowicz, der verspricht, nicht gleich zu operieren, sondern erst einmal in Ruhe sich mit dem Patienten zu unterhalten. Sie sei dadurch aus einem Teufelskreis befreit worden, versichert die Vorzeige-Patientin. Da sah der zugeschaltete Operateur der herkömmlichen Schule alt aus.

Abnehmen oder Ableben?

Auf diese Weise bleibt Erkenntnis aus, obwohl viel und ausdauernd geredet wird. Der Arzt Günter Frank versuchte, dem performativen Gefängnis dadurch zu entkommen, dass er sich als Außenseitermeinung darstellte - eigentlich ein fachliches Verdikt, aber im Meinungscocktail bei „Maischberger“ (meine Meinung, deine Meinung) ein schlauer Kunstgriff, um eigene Autorität zu erlangen.

Herrlich, wie Günter Frank aus seiner dankbar angenommenen Außenseiterposition heraus ein ums andere Mal den Medizin-Talker Karl Lauterbach auflaufen ließ. Hat Lauterbach in einer Studie wirklich Medikamente zum Abnehmen empfohlen, die später zum Ableben der Patienten führten? Lauterbach dementierte, aber sein mehrfach geäußerter Zusatz, das alles sei doch nun schon fünfzehn Jahre her, hielt den ganzen Vorgang in einer unheimlichen Schwebe.

Risiken der Prävention

Eindrucksvoll in der Schilderung der jeweiligen Krebs-Schicksale Christa Maar, die Chefin der Felix-Burda-Stiftung, und der Schauspieler Walter Kreye. Am Beispiel der Magenspiegelung erörterten sie Risiken und Nebenwirkungen des Präventionsgedankens. Hier zeigten Amateure, was die Fachleute bei „Maischberger“ nicht zu Wege brachten: medizinische Aufklärung der besten Art.

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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