Home
http://www.faz.net/-gpc-110hc
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

FAZ.NET-Fernsehkritik Western von gestern

08.11.2008 ·  Hugo Egon Balder moderiert für Sat.1 neue Spielshows, bei denen sich alle verkleiden müssen. Zum Auftakt gab's Seilspringen, Hüteschießen und Bullenreiten in „Peng! Die Westernshow“ - ein Segen für alle, die vorm Fernseher friedlich wegdösen möchten.

Von Peer Schader
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (3)

Wenn die Sat.1-Spielshow-Erfinder von ihren Recherchereisen zurückkommen, sich zusammensetzen und von den Kindergeburtstagen berichten, die sie besucht haben, können das keine besonders langen Treffen sein. Der eine sagt: Lass uns doch eine Show mit einem ganz bestimmten Motto machen, bei dem sich alle verkleiden. Ein anderer sagt: Und Hugo Egon Balder nehmen wir als Moderator. Während der dritte schon Barbara Schöneberger am Telefon hat, um sich bestätigen zu lassen, dass sie als Gast dabei sein wird und verspricht, pro Sendung acht- bis zehnmal gut gelaunt zu quietschen. Um Inhalte muss sich dann niemand mehr groß kümmern. Wozu haben die Redakteure schließlich vorher die Kindergeburtstage besucht?

Seit Freitagabend testet Sat.1 eine neue Reihe „themenbezogener Eventshows“, in denen Prominente in „witzigen und spannenden Bühnenspielen“ gegen drei Kandidaten aus dem Publikum antreten, jedenfalls verspricht das der Sender. „Peng! Die Westernshow“ hieß das zum Auftakt, durch die Kulissen huschten ständig irgendwelche albern angemalten Indianer und vorne stand tatsächlich Hugo Egon Balder, um seine beiden Teams gegeneinander im Seilspringen, Kartenhausbauen, Bullenreiten und Hütewegschießen antreten zu lassen. Und sonst? Nix sonst. Das war's schon. Nein, Moment mal: aus ungeklärten Gründen durfte zwischendurch ein Guido-Westerwelle-Double auftreten, um zu stammeln: „Ich freu mich, hier im Nahen Osten, äh, Wilden Westen zu sein.“ Zum Schluss nur ein Trostpreis.

Saloon-Schlägerei und Frau Schöneberger auf dem Plastikbullen

Zugegeben, mit der Dekoration hat sich der Sender Mühe gegeben, auf einer großen Videoleinwand Westernhintergründe abgewechselt, eine Saloon-Schlägerei inszeniert und einen Lassowerfer ins Studio eingeladen. Aber glaubt bei Sat.1 ernsthaft jemand, das reiche schon, um zwei Stunden Fernsehunterhaltung zu machen? Das - und Frau Schöneberger dabei zuzusehen, wie sie großen Spaß daran hat, nach drei Sekunden von einem rüttelnden Plastikbullen runterzufliegen?

Ihre Kollegen Oliver Petszokat und Ingo Naujoks haben sich angestrengt, gute Stimmung zu verbreiten. Die Kandidaten aus dem Publikum hingegen, die ihnen gegenüber saßen, zogen es vor zu schweigen und ein Spiel nach dem nächsten zu verlieren, so dass es zum Schluss nur einen Trostpreis von 500 Euro für jeden gab. Genauso gut hätte man den Fernseher ausmachen, die Lavalampe anknipsen und gegen die Wand starren können - das wäre auch farbig gewesen und genauso unterhaltsam. Wenn es tatsächlich stimmt, dass Hugo Egon Balder sich das alles ausgedacht hat, und nicht irgendwelche müden Redakteure, müssten wir dringend mal ein Wörtchen mit ihm reden.

Natürlich lässt sich das Fernsehen nicht ständig neu erfinden. Aber man muss sich doch wenigstens Mühe geben, wie vor zwanzig Jahren, als Balder bei „Alles Nichts Oder?!“ auf RTL zwar auch Kindergeburtstag veranstaltete, aber die Spiele auf den eingeladenen Gast zugeschnitten waren und in den meisten Fällen eine Pointe hatten. „Schlotter!“, „Muh!“, „Aloha!“, „Holladriöh!“ Alle großen Showideen passen auf einen Bierdeckel: Als Frank Elstner „Wetten dass…?“ erfand, war das in einem Satz erklärt (auch wenn Elstner in der ersten Sendung etwas länger dafür brauchte). Und selbst „Schlag den Raab“ funktioniert ja mit Tischtennis oder Dosenwerfen - aber auch nur, weil es in der Sendung um einen Millionengewinn geht und zwischendurch zu spektakulären Außenaktionen geschaltet wird.

Spektakulär dämlicher Titel

Das einzige, was sich an „Peng! Die Westernshow“ spektakulär finden ließ, war der dämliche Titel. Immerhin da ist Sat.1 konsequent und hat sich schon mal „Schlotter! Die Gruselshow“, „Muh! Die Bauernshow“ und „Aloha! Die Südseeshow“ ausgedacht, 27 Shownamen an der Zahl. Gestern lief schon der Trailer für „Holladriöh! Die Alpenshow“, für die der Sender in der nächsten Woche „Riesenschafe, Schweizer Käse, große Glocken“ verspricht. Das ist alles nicht sonderlich schlimm für Zuschauer, denen es genügt, beim Fernsehprogramm friedlich wegzudösen. Aber für alle, die ernsthaft vorhatten, hinzusehen und sich zwei Stunden unterhalten zu lassen, wird es heikel. Es reicht, um zu überleben.

Vielleicht geht es nicht anders, wenn man von Finanzinvestoren beherrscht wird, vielleicht schwindet mit der Aussicht auf ein angemessenes Budget auch die Lust, Neues auszuprobieren und sein Publikum zu überraschen. Bei Sat.1 hat man derzeit das Gefühl, der Sender stopfe sein Programm bloß noch zu, anstatt es zu planen. Morgens „Frühstücksfernsehen“, mittags Gerichtsshows, anschließend ein paar Ermittler-Serien, und dann fehlt halt noch was, um die Zeit zu überbrücken, bis das „Frühstücksfernsehen“ wieder los geht.

„Das Ganze ist nicht ernst zu nehmen“

Immerhin 1,86 Millionen Zuschauer haben sich davon nicht beirren lassen und am Freitagabend „Peng!“ gesehen, der Marktanteil in der jungen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen lag bei unterdurchschnittlichen 9,7 Prozent. Glücklich wird Sat.1 damit nicht. Aber es reicht, um zu überleben. Für die Werbepausen lässt sich das nicht gerade behaupten: Zwischen der vielen Eigenwerbung für die Sat.1-Spiele-Website, den SMS-Chat im Teletext, die konzerneigenen Pay-TV-Kanäle und die zu Pro Sieben Sat.1 gehörende Online-Angebote musste man die bezahlten Spots in „Peng!“ fast schon suchen. „Das Ganze ist natürlich nicht ernst zu nehmen“, sagte Hugo Egon Balder zu Beginn der Show. Er hat Recht behalten. Leider.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Live-Ticker Bundesliga
Um diesen Sportticker sehen zu können müssen Sie mindestens Flash 8 verwenden. Die aktuelle Flash Version finden Sie hier

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7