21.05.2009 · Beides ist erlaubt: Steinmeiers öffentliches Bekenntnis auf dem Kirchentag - das ist gut evangelisch. Frau Merkels Widerwille dagegen, das Innere nach außen zu kehren, ist auch gut protestantisch. Doch wie steht es mit der Politisierung der Religion?
Von Reinhard BingenerMensch, schön dass Du da bist“, plakatiert die SPD auf dem Evangelischen Kirchentag. Das dachte sich auch Frank-Walter Steinmeier; er nutzte das Grußwort beim Eröffnungsgottesdienst vor 50.000 Christen zu einer fulminanten Wahlkampfrede und zum Bekenntnis zu seinem evangelisch-reformierten Glauben. Kanzlerin Merkel, Steinmeiers Gegnerin im Herbst, mied bei ihrem Auftritt dagegen sowohl die Parteipolitik als auch das öffentliche Bekenntnis.
Beides ist erlaubt: Steinmeiers öffentliches Bekenntnis - das ist gut evangelisch. Frau Merkels Widerwille dagegen, das Innere nach außen zu kehren, ist auch gut protestantisch. Doch wie steht es mit der Politisierung der Religion? Die Bühne eines Gottesdienstes für Politik zu nutzen ist mehr als schlechter Stil. Hat sich Steinmeier ein Vorbild an denjenigen evangelischen Bischöfen Deutschlands genommen, die meinen, ihre Kirchenreformen den Gemeinden im Namen des Heiligen Geistes von der Kanzel herab rechtfertigen zu dürfen? Dennoch ist es nicht nur naiv, sondern steht auch im Widerspruch zum Evangelium, zu meinen, Politiker sollten ihr Parteibuch abgeben, sobald sie sich den Kirchentagsschal umlegen. Weil der Glaube das ganze Leben durchwirken soll, darf die Politik keine Ausnahme machen. Bedenklich wird es nur dort, wo bestimmtes Handeln religiös verbrämt wird.
Religiöse Rhetorik angepasst
Der Kirchentag in Bremen macht zu Recht darauf aufmerksam, dass die Wirtschaftskrise, die nicht nur im Hirn, sondern jetzt auch in der Seele der Menschen Platz genommen hat, überdies eine geistliche Dimension hat. Das ist auch für die Politik bedeutsam.
Man kann sich nur wundern, wie schnell Unionspolitiker ihre religiöse Rhetorik an die veränderten Umstände angepasst haben. Vor wenigen Jahren noch sollte ihnen der christliche Glaube dazu dienen, neue Risiken mit glaubensheiterer Gelassenheit hinzunehmen. Nun rufen auch sie im Namen des Glaubens zu mehr Gemeinschaft in der Gesellschaft auf.
Kann der Kirchentag dahin gehend etwas bewirken? Vermutlich nicht durch Appelle, Mahnungen und Warnungen, die es wieder zuhauf gibt. Der Kirchentag wirkt über die 100.000 Christen, die Tag für Tag in Bremen miteinander diskutieren, singen und beten. Sie werden berührt und - vermutlich - verändert in ihre Familien, Firmen und Gemeinden zurückkehren.