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Euro-Leitzins Warten auf die Worte Trichets

05.10.2006 ·  Beobachter sind sich sicher: An diesem Donnerstag wird der EZB-Rat eine weitere Anhebung des Euro-Leitzinses beschließen. Sie werden an den Lippen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hängen, um Hinweise auf die weitere Geldpolitik herauszuhören.

Von Benedikt Fehr
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Beobachter der Europäischen Zentralbank (EZB) sind sich sicher: An diesem Donnerstag wird der EZB-Rat auf seiner Sitzung in Paris eine weitere Anhebung des Euro-Leitzinses beschließen, von 3 auf 3,25 Prozent. Doch obwohl insofern keine Spannung herrscht, werden die Analysten auf der anschließenden Pressekonferenz an den Lippen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hängen.

Sie erhoffen sich von ihm Hinweise auf die weitere Geldpolitik der EZB. Denn was die Zinspolitik im kommenden Jahr angeht, herrscht große Unsicherheit. Das Meinungsspektrum reicht von weiter steigenden bis wieder fallenden Leitzinsen.

Erwähnung der Schlüsselwörter

Weithin einig sind sich die Fachleute allerdings für die Entwicklung bis Ende dieses Jahres: Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters erwarten derzeit 71 von 80 befragten Volkswirten, daß Anfang Dezember ein weiterer Trippelschritt auf der Zinsleiter nach oben folgt, auf dann 3,5 Prozent. Offiziell wird Trichet diese Entscheidung auf der Pressekonferenz zwar offenhalten, doch könnte er ein deutliches Signal in diese Richtung geben.

Der Markt warte auf die Formulierung, daß der EZB-Rat die Inflationsrisiken „sehr aufmerksam beobachte“, erläutert Elga Bartsch, Europa-Volkswirtin bei der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley. Denn zuletzt habe stets gegolten, daß der Rat nach Erwähnung dieser Schlüsselwörter den Leitzins zwei Monate später angehoben habe.

Beruhigte Währungshüter

Wie die Mehrheit der EZB-Beobachter erwartet Bartsch dieses Signal und einen Leitzins in Höhe von 3,5 Prozent im Dezember. Damit aber dürfte der Höhepunkt im EZB-Leitzinszyklus erreicht sein, meint sie. Denn in den Projektionen für 2007 und 2008, die das Euro-System Anfang Dezember veröffentlicht, dürften die Experten sowohl ihre Prognosen für die Inflation als auch für das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum etwas zurückschrauben.

Der niedrigere Ölpreis werde den Preisauftrieb dämpfen, die vergleichsweise restriktive Fiskalpolitik in Deutschland und Italien das Wirtschaftswachstum bremsen, nennt Bartsch als Hauptargumente für ihre Einschätzung. Hinsichtlich der Inflationsgefahren dürfte die Währungshüter zudem beruhigen, daß sich die Inflationserwartungen in letzter Zeit wieder auf Werte knapp oberhalb von 2 Prozent zurückgebildet haben.

Keine „Zweitrundeneffekte“ akzeptieren

Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa bei der Deutschen Bank in London, sagt hingegen für Februar 2007 eine weitere Anhebung des Euro-Leitzinses voraus, auf dann 3,75 Prozent. Sein Hauptargument: Die EZB dürfte mit dieser geldpolitischen Straffung den Gewerkschaften signalisieren, daß sie bei den anstehenden Lohnverhandlungen keine „Zweitrundeneffekte“ akzeptieren werde.

Mayer hat dabei im Auge, daß die einflußreiche IG Metall im kommenden Februar ihre Lohnforderungen stellt. Die Währungshüter befürchten, daß die Gewerkschaft versuchen könnte, dabei einen Ausgleich für die gestiegenen Energiekosten sowie die Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes von 16 auf 19 Prozent durchzusetzen. Das könnte dann den Auftakt einer inflationstreibenden Lohn-Preis-Spirale bilden.

„Im ersten Quartal 2008 wieder bei 3 Prozent.“

Sollte die Wirtschaft des Euro-Raums im kommenden Jahr weiterhin stark wachsen, dürfte die EZB zur Abwehr von Inflationsgefahren den Leitzins auf 4 und mehr Prozent anheben, sagt Mayer. Sein Hauptszenario geht freilich von einer deutlichen Abschwächung des Wachstums auf nur noch 0,6 Prozent aus.

Darauf werde die EZB vom dritten Quartal 2007 an mit einer schrittweisen Absenkung ihres Leitzinses reagieren, sagt Mayer voraus: „Im ersten Quartal 2008 liegt der Leitzins dann wieder bei 3 Prozent.“ Auch Bartsch hält für gut möglich, daß die EZB ihre Geldpolitik im zweiten Halbjahr 2007 lockert.

EZB-Rat bezeichnet seine Geldpolitik als „locker“

An den Zins-Terminmärkten ist ein Leitzins von 3,5 Prozent im Dezember bereits eingepreist, eine Anhebung auf 3,75 Prozent im Laufe des ersten Halbjahres 2007 gilt als ziemlich wahrscheinlich. Hinweise auf die Geldpolitik im kommenden Jahr erhofft sich Bartsch von den Pressekonferenzen im November und Dezember.

In letzter Zeit habe der EZB-Rat seine Geldpolitik stets als „akkommodierend“, also als „locker“, bezeichnet, stellt sie heraus. Werde diese Formulierung fallengelassen, deute dies auf ein nahendes Ende der Zinserhöhungen hin. Weiter habe der Rat stets klargemacht, daß es bei Eintreffen seiner Wachstumsprognosen „erforderlich“ sei, die Lockerung der Geldpolitik zu vermindern. „Wird diese Aussage abgeschwächt, ist dies ebenfalls ein Signal, daß der Höhepunkt im Zinszyklus naheliegt“, meint die EZB-Beobachterin.

Quelle: F.A.Z., 05.10.2006, Nr. 231 / Seite 25
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