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Eschwege in Nordhessen Guter Geist vertreibt böse Fee

 ·  Tausend Fachwerkhäuser gibt es in Eschwege in Nordhessen und dazu eine Landschaft wie aus einem Märchen der Brüder Grimm. Warum nur wollen das so wenige Menschen sehen?

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© IMAGO Vergrößern Keine Fassade ohne Schnitzkunst: Eschwege ist eine Schatztruhe des Fachwerks.

Bitte Türe schließen“ steht am Einlass in der alten Sandsteinmauer. Sie knarrt und leistet sanften Widerstand, und dann stehen wir im Sophiengarten. Schmale Wege führen über Stufen zu Kräutern, Heilpflanzen und altmodischen Blumen. „Akelei“ und „Ehrenpreis“ steht auf handbemalten Schildchen, „Nachtkerze“ oder „Weinraute“, „Günsel“, „Mädchenauge“, „Phlox“. Jeder kann in diesen Zaubergarten eintreten, und doch ist er ein verschwiegener Ort mit Blick auf Ziegeldächer, Türme und verwitterte Mauern. Das Glockenspiel unten am Markt hört man bis hier, Schmetterlinge taumeln durch die Lüfte, die Natur feiert einen Blütenrausch. Wir sind auf dem Cyriakusberg in Eschwege mitten in der nordhessischen Provinz. Auf wunderbare Weise ist der Garten einfach da, naiv, beseelt, großartig und bescheiden, erfreut die Menschen, die ihn unentgeltlich gestalten - für diejenigen, die sich an ihm erfreuen. Eine schöne Illusion in einer Welt, in der Pflanzen oft kaum mehr sind als Glieder der Wertschöpfungskette, und eine schöne Geste an Sophia.

Tochter der Kaiserin Theophanu war sie. Ihr Vater, Kaiser Otto II., hatte die Siedlung Eskinivvach mit dem fränkischen Königshof auf dem Cyriakusberg seiner Gattin geschenkt. Sophia gründete um das Jahr tausend ein Stift, dessen Kirche hoch über das Werratal ragte. Lange Zeit war sie Äbtissin und Herrin der Stadt.

Vom Schrecken des Sensenmannes

Auch die Dame in Zimmermannskluft, die zwischen den Kräuterbeeten mit einem Paar in Englisch plaudert, hat es von weit her ins Werratal verschlagen. Aus Russland kommt sie, spricht mehrere Sprachen und staunte, als sie hier ankam. Die Stadt, seit einigen Jahren ihr Zuhause, gefiel ihr gleich, sie liebt Geschichte und Architektur. Gute Voraussetzungen sind das für eine Fremdenführerin. Einen anderen Blick brachte sie mit für den Ort, dessen Attraktionen vielen Einheimischen zu geläufig sind. Sie aber kann Fremde dafür begeistern. Aus Großbritannien sind ihre heutigen Gäste angereist.

Die Herrschaften aus London freuen sich, dass sie ihnen die fröhliche Raffinesse des Eschweger Fachwerks näherbringen kann: Flachschnitzereien als Lebensbäume, fiedelnde Engel, pummelige Nixen, Basilisken mit Fischschwänzen und Bärenköpfen, goldene Frösche. Um das zu entdecken, bedurfte es der jungen Dame, Fachwerk ist ihr Spezialthema. Voller Begeisterung stellt sie ihren Gästen das prächtigste Fachwerkhaus vor. Hier empfing für Jahrhunderte der Gasthof Krone am alten Handelsweg in die nahe Reichsstadt Mühlhausen Gäste. Heute heißt es „Raiffeisenhaus“, ist ein wunderschönes Exemplar der Zimmererkunst und erzählt ein Stück Stadtgeschichte. Von Krieg und Frieden, Leben und Tod - der Sensenmann ins Holz geschnitzt, Krieger, die Figur des Kind fressenden Mannes, Allegorien für die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, als die Stadt niedergebrannt wurde. Goldgeschmückt sind geschnitzte Eckfiguren in Szene gesetzt - der Bauherr und ein Bärtiger als Hermenpilaster. Hier zeigt sich selbstbewusst die Bürgerschaft des Wiederaufbaus, das ist der Glanz der neuen Zeit. Von dem ist das meiste noch vorhanden.

Frau Holle kennt kein Erbarmen

Aber wo liegt Eschwege überhaupt? An der Autobahn von Frankfurt nach Dresden taucht der Name auf, und da ist man auch schon vorbei. Nur Wald, denkt man, ist da sonst noch etwas? Ja, mehr als tausend Fachwerkbauten allein in der Altstadt, weiß man seit der Sanierung vor dreißig Jahren. Mehr noch sind es in Goslar und Quedlinburg, Weltkulturerbe sind sie und gesuchte Reiseziele. Aber wo sonst? Dass sich hier an der Werra so viel Sehenswertes versteckt, wer soll das wissen. In Eschwege wusste man das ja selbst nicht. Eine Anlaufstelle für Reisende gibt es erst seit dem Deutschen Wandertag 1987, der auf dem sehr malerischen Marktplatz stimmungsvoll ausklang. Damals verstand man sich noch als Industriestadt. Manufakturen für Tuch und Leder sowie Tabakproduktion hatten für Epochen die Stadt geprägt, später Pharmaindustrie und Maschinenbau. Spätestens nach der Wende war nicht wenig davon verschwunden - Pleiten, Werksschließungen, Umzug wegen besserer Förderung in den Osten.

Eine Kulisse wie aus dem Märchenbuch ist das Werratal hier, und wie im Märchen ist hier manchmal die böse Fee zu Hause. Die gibt die Demographie in diesem Land der Frau Holle. Vor vier Jahren errang Eschwege den zweifelhaften Ruhm, die deutsche Fachwerkstadt mit dem größten Leerstand an Läden und Wohnungen zu sein, Tendenz steigend. Die Stadt schrumpfte schon ein paar Jahre lang vor sich hin. Und dann gab es auch keinen Bahnhof mehr. War’s das?

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28.06.2013, 07:50 Uhr

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