15.08.2006 · Im Anfang stand die Arbeitersolidarität. Gemeinsam bot man den Kapitalisten die Stirn. Heute dienen die Gewerkschaften den Arbeitern nur noch wenig.
Von Hans D. Barbier„Papa, warum haben wir Gewerkschaften? Wegen der Mitbestimmung. Und die Löhne? Die macht der Staat. Was sagen die Gewerkschaften dazu? Die haben das so gewollt. Und was machen sie nun? Am 1. Mai gehen sie in den Bundestag. Um zu reden? Nein, um zu hören. Was zu hören? Die Lohnzahl des Jahres.“
Im Sommer 2006 ist dieser Dialog eine Verbalkarikatur der aktuellen Debatte über Lohn und Arbeit. Für das Jahr 2010 könnte es die vorweggenommene Beschreibung der Wirklichkeit sein, falls der Gesetzgeber sich dazu überreden läßt, Mindestlohn und Kombilohn in den Dienst der Suche nach Strategien für mehr Beschäftigung zu stellen. Der Weg der Gewerkschaften vom sozialen Gegenmachtfaktor auf dem Arbeitsmarkt des Frühkapitalismus zum bürokratischen Machtfaktor im korporatistischen Institutionengeflecht des Spätkapitalismus wäre zu seinem unrühmlichen Ende gekommen.
Ungleiche Verhältnisse
Vom Beginn ihrer Geschichte an ist der Motivations- und Handlungshintergrund der deutschen Gewerkschaften eine soziale Kategorie gewesen: die „Arbeitersolidarität“. Das meint Schulterschluß ohne Klassenkampf. Die ökonomische Umwelt wird akzeptiert, die Teilhabe am Gesamtprodukt der kapitalistischen Produktionsweise aber soll durch „Assoziation“, durch Zusammenschluß, gesichert werden.
Der deutsche Ökonom Erich Preiser (1900 bis 1967) hat die Begründung und die Wirkungsweise solcher Zusammenschlüsse in den einprägsamen Satz gekleidet: „Der Arbeiter kann nicht warten.“ Im Feilschen um den Lohn kann der Kapitalist gegenüber jedem einzelnen auf Zeit spielen. Der Arbeiter aber muß sich morgens verdingen, um abends den sehnlichst erwarteten Lohn nach Hause zu bringen.
Jedenfalls waren dies die nicht untypischen Bedingungen im Frühkapitalismus. An die Stelle des dem einzelnen nicht möglichen Wartens tritt durch die Gewerkschaftsgründung die gebündelte Verhandlungsmacht der Arbeiterassoziation: Macht und Ohnmacht des Wartens geraten in ein für die Arbeiter erträglicheres Verhältnis. Das findet seinen Niederschlag im Lohn des einzelnen und in der Lohnquote der Gesamtwirtschaft.
Das Gegengewichts-Modell
Es wundert nicht, daß ein solches Modell mitsamt seiner moralischen Begründung attraktiv ist. Der Amerikaner John Kenneth Galbraith (1908 bis 2006) hat es zur Grundlage eines weit über Lohnverhandlungen hinausgreifenden Konzepts der „countervailing power“, der gegengewichtigen Macht in der Gesellschaft, erweitert. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lieferte es bis in Teile des deutschen Liberalismus hinein die Argumente für die Ablösung des Wettbewerbsmodells durch ein System von Gegenkräften und paritätisch besetzten Entscheidungsgremien. Galbraith hinterläßt seine Spuren in den Aufsichtsräten deutscher Kapitalgesellschaften.
Ein valider Ersatz für die Leistungen des Marktes und des Wettbewerbs sind solche Gegengewichtsmodelle nie geworden. Sie können es auch nicht sein. Denn sie sind nicht in der Lage, die Suchleistung des Marktes gerade dann zu imitieren, wenn diese Leistung besonders dringend gebraucht wird: in Phasen der produktiven Unruhe durch das Hinzutreten neuer Wettbewerber, in Situationen ökonomisch bedeutsamer Grenzöffnungen, in Schüben des kostensenkenden und des produktinnovativen technischen Fortschritts.
Der Grund für die Unfähigkeit aller Modelle gegengewichtiger, organisierter Marktmacht, mit Neuerungen zurechtzukommen, liegt unauflösbar in ihnen selbst. Ihnen fehlt, gemessen an den Möglichkeiten des Wettbewerbs, die Vielfalt der Deutungen, der Hypothesen über die Zukunft, der Reaktionen auf bruchartige Änderungen; ihnen fehlt - gerade wegen der Verteidigung von Kollektivität - die Fähigkeit der Suche nach guten Lösungen durch ein möglichst hohes Maß an Offenheit für Versuche. Ihnen fehlt mithin das, was letztlich die Überlegenheit des Marktes ausmacht: der durch keine Kollektivität imitierbare, sich selbst bildende Ausleseprozeß, der die richtigen von den falschen Antworten auf neue Herausforderungen trennt.
Neue Herausforderungen, alte Rezepte
Daß die Antwort auf die steigende Arbeitslosigkeit, vor allem auf die Arbeitslosigkeit in den unteren Qualifikationsstufen, nicht ein kollektiv ausgehandelter oder gar staatlich vorgeschriebener Mindestlohn sein kann, müßte den Gewerkschaften einsichtig sein. Denn unter dem Regime eines Mindestlohns würden die Beschäftigungschancen in diesen Bereichen noch geringer, und die finanzielle Last der aus Steuern oder aus Lohnzusatzkosten zu bezahlenden Lohnersatzleistungen würde noch schwerer. Auch die Risiken - oder besser: die absehbaren Gewißheiten - des aus Steuern zu zahlenden Kombilohns müßten den Gewerkschaften geläufig sein.
Sie wissen sehr wohl, daß ein tariflich ausgehandelter, für allgemeinverbindlich erklärter Mindestlohn alsbald auch die Zuschüsse zum Kombilohn in die Höhe treibt, weil die Arbeitslosigkeit steigt und weil die Vermittlung von Langzeitarbeitslosen in vollbezahlte Beschäftigungsverhältnisse immer schwieriger wird. Sie müssen wissen, daß durch die absehbare Eigendynamik des Mittelbedarfs für den Kombilohn die öffentlichen Etats abermals belastet werden. Sie können nicht behaupten, sie wüßten nicht, daß am Ende dieses Prozesses weitere Steuererhöhungen stehen. Der „Lage der Arbeiterschaft“, dem erklärten Ziel aller Gewerkschaftsbemühungen seit ihrer Gründungszeit, kann das alles nicht dienlich sein.
Wenn aber die Marktlösung die bessere ist, warum haben wir dann Gewerkschaften? Die Antwort der Gewerkschaften lautet: „Weil die Arbeitnehmer wissen, daß wir etwas Gutes für sie tun.“ Darüber mag man ins Grübeln geraten. In seinem Buch „Arbeit und menschliche Würde“ vertritt der Sozialphilosoph Oskar Negt die These, Arbeitslosigkeit sei ein Gewaltakt, weil er Millionen Menschen um ihre Würde bringe und weil dies geschehe, obwohl die Industriestaaten heute so reich seien wie nie zuvor.
Für eine ökonomische Analyse ist der Satz nicht sonderlich hilfreich. Aber die Gleichsetzung von unfreiwilliger Arbeitslosigkeit und Entwürdigung sollte die Gewerkschaften nachdenken lassen: Gilt dieser Zuruf nicht auch ihnen? Drängt sich ihnen nie der Verdacht auf, daß die Massenarbeitslosigkeit auch das Ergebnis ihrer Lohnstrategie sein könnte? Einer Lohnstrategie, die das Arbeitsangebot um des höheren Lohnes willen verknappt und die sich um die Alimentation des Überschusses, vor allem in der Kategorie der Langzeitarbeitslosigkeit, keine eigenwirtschaftlichen Gedanken machen muß, weil dafür die steuerzahlende Allgemeinheit zu haften hat? Die Würde der Ausgesonderten aber hält der öffentliche Etat nicht feil.
Die deutschen Gewerkschafter sind keine Brutalos. Die mit Marlon Brando zum Kult gewordene „Faust im Nacken“ hätte als deutscher Film über die Gewaltbereitschaft und die Ausbeutungspraktiken zynischer Gewerkschaftsbosse nicht gedreht werden können. So etwas gibt es hier nicht. Die leise wirksame Gewalt einer marktwidrigen Preissetzung aber ist schlecht zu verfilmen. Warum also gibt es immer noch Gewerkschaften? Darum vielleicht? Ja, auch darum wohl. Aber nicht nur deswegen.
Eine kleine Geschichte
1848: In der Märzrevolution wird die Association der Cigarrenarbeiter Deutschlands in Berlin gegründet (Vorläuferorganisation einer Gewerkschaft).
1865: In Leipzig wird der Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein gegründet, erste zentral organisierte Gewerkschaft in Deutschland.
1869: Gewerbe- und Koalitionsfreiheit im Norddeutschen Bund; Welle der Gründung von Gewerkschaften.
1871: Gewerbe- und Koalitionsfreiheit gelten im ganzen Deutschen Reich.
1920: Große Teile der Gewerkschaftsbewegung wehren mit einem Generalstreik den Kapp-Putsch ab.
1933: Am 2. Mai werden die Gewerkschaften von den Nationalsozialisten zerschlagen.
Nach 1945: Bundesrepublik Deutschland: Der erste DGB-Vorsitzende Hans Böckler strebt eine parteipolitisch ungebundene Einheitsgewerkschaft an, die nach dem Prinzip der Industriegewerkschaft in Branchenorganisationen gegliedert und unter einem starken Dachverband zusammengefaßt ist. Böckler scheitert in zwei Punkten: Der Dachverband ist nicht stark, und es bilden sich - mit der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft DAG, dem Beamtenbund und dem nie zu einer wirklichen Macht heranwachsenden Christlichen Gewerkschaftsbund CGB Organisationen, die nicht unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB stehen.
DDR: Freier Deutscher Gewerkschaftsbund FDGB, parteigesteuert und ohne innere Demokratie.
Deutsche Einheit: Zunächst starker Anstieg der Mitgliederzahlen des DGB. Dann Mitgliederschwund. Die 16 DGB-Gewerkschaften fusionieren zu 8 Branchengewerkschaften: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften GEW, Gewerkschaft der Polizei GdP, IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), IG Bergbau-Chemie-Energie (IG BCE), IG Metall, transnet, Ver.di (mit Integration der DAG).
Heute: Etwa 20 Prozent der Arbeitnehmer sind gegenwärtig in den DGB-Gewerkschaften organisiert. Anhaltender Mitgliederschwund.
sozial - unsozial
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