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Ende der Privatsphäre? Nur das Schöne kann uns noch retten

 ·  Wenn eine Rettung der Privatsphäre gelingt, dann kommt sie nicht aus der Technik heraus: Der Internetvordenker David Gelernter versucht die technologische Ideologie durch den Sinn für Schönheit zu brechen.

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Das Leidige am intellektuellen Konsens über den Schutzbedarf der Privatsphäre ist der Permanente Widerspruch durch die Praxis. Umsonst die vielen Hinweise, welche bösen Überraschungen der freizügige Umgang mit persönlichen Auskünften bereiten kann: Die wenigsten kümmert es. Der Künstler und Informatiker David Gelernter, der Profession nach Computerwissenschaftler in Yale und dem Ruf nach einer der bedeutendsten Ideengeber des Internets, war ans Deutsch-Amerikanische Institut in Heidelberg gekommen, um diesen Widerspruch an der Wurzel zu packen. Gelernter, der sich seit langem vom Computerpionier zum Technologieskeptiker gewandelt hat, gehört zu den raren Figuren, denen ihre Mehrfachqualifikation aus technologischem Erfolg, universaler Bildung und humanistischem Ethos es erlaubt, ohne Rücksicht auf Diskurspflichten zu reden.

In ernstem Ton gab er sich als Mahner zu erkennen, der die letzten Mauern des Privaten bröckeln sieht. Vielleicht sei das Urteil über die Privatsphäre schon gesprochen, und wenn es noch Rettung gebe, dann liege sie nicht in der Technik, sondern in einem Mentalitätswandel. Das Soziale schreitet voran, die Technik soll ihren dienenden Charakter behalten. Man ist schon zu sehr an den Gedanken gewöhnt, dass unsere sozialen Normen in den Händen von Softwareingenieuren liegen und Fortschritt nur ein Update ist, um davon nicht überrascht zu sein. Die ideologische Barriere, die vorher zerbrechen muss, ist allerdings auch nicht klein. „Wir leben in einem Zeitalter technologischer Orthodoxie, so, wie das Spätmittelalter unter der religiösen Orthodoxie gestanden hat.“

An den Anfang seiner von den Füßen auf den Kopf gestellten Technik-Ontologie stellt Gelernter die Kultur des öffentlichen Bekenntnisses, die er mit Rousseau beginnen und mit jeder Medienepoche an Macht und Masse gewinnen sieht. Radio und Fernsehen legten den Grundstein für den Celebrity-Kult. Das Privatfernsehen schuf jedem die Chance zu schnell vergänglichem Ruhm. In der Massenkultur des Internet öffnet die Furcht vor dem Bedeutungsverlust im Meer der Meinungen die privaten Schleusen. Die Sucht nach Klatsch, die bei Gelernter manchmal wie eine anthropologische Konstante wirkt, hat also ihre medialen Verstärker. Und das Pathos der Einsamkeit, das Gelernter mit Glenn Gould und Alberto Giacometti ihr entgegenhält, ist in der Praxis nur die Sache weniger. Es fällt schwer, den Boom des Seelenstrips nicht als Geschichte von Medieneffekten zu verstehen.

Gelernter vergaß nicht das Gute, den Fall bürgerlicher, besonders sexueller Tabus. Staatlichen Stellen hielt er vor, zu viele Daten viel zu lange einzubehalten und so die Schwellen abzubauen. Heute fröstele es niemanden mehr, wenn er frontal von Kameras angestarrt werde. Gelernters persönliche Definition von Privatsphäre: Niemand darf ins Haus, der nicht eingeladen ist. Weil Mobiltelefone und Computer längst zur Zweitwohnung geworden sind, ist eine neue Inneneinrichtung mit sicherer und individueller Software zu empfehlen.

Die Rettung liegt für Gelernter in der ästhetischen Utopie. Die Kunst sei, in der religiösen Orthodoxie des Mittelalters wie in der heutigen technologischen, ein Lichtstrahl gegen ideologische Verfinsterung. Der Hebel liege in den Departments der Computerwissenschaften, die ästhetisch in die Pflicht zu nehmen seien. Wenn im Kopf des Programmierers Künstler, Architekt und Ingenieur zusammenkämen, dann komme die Rettung vielleicht auch aus der Technik heraus. Ein Gelegenheitsdichter erhob sich aus dem Auditorium, um diesen schönen Ausblick in Verse zu kleiden.

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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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