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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Ellen Johnson Sirleaf und Leymah Gbowee Eine wie Thatcher, eine wie Mahatma Gandhi

 ·  Die beiden liberianischen Friedensnobelpreisträgerinnen haben nur ihr Engagement für die Rechte der Frauen gemein. In der Wahl ihrer Mittel sind sie gänzlich verschieden.

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Die beiden liberianischen Friedensnobelpreisträgerinnen Ellen Johnson-Sirleaf und Leymah Roberta Gbowee könnten unterschiedlicher nicht sein: Die Präsidentin des Landes ist kämpferisch und nicht immer zimperlich in der Wahl ihrer Methoden. Die Frauenrechtlerin ist ruhig und auf Ausgleich bedacht, dabei aber nicht weniger entschlossen. Gemein sei ihnen der „friedliche Kampf für die Sicherheit von Frauen und deren Recht, am politischen Prozess teilzunehmen“, wie der Präsident des norwegischen Nobel-Komitees, Thorbjoern Jagland, die Entscheidung begründete.

Die 72 Jahre alte Ellen Johnson Sirleaf gilt als die „Margaret Thatcher Westafrikas“, und sie pflegt diesen Ruf. Seit 2005 regiert sie als erstes weibliches Staatsoberhaupt Afrikas das ehemalige Bürgerkriegsland Liberia und hat dabei ihrem Ruf als eiserne Lady, die wenig Rücksicht auf afrikanisches Konsensdenken nimmt, bislang alle Ehre gemacht. Eine ihrer ersten Amtshandlungen bestand darin, die gesamte Belegschaft des korrupten Finanzministeriums zu feuern.

„Ma Ellen“ ist eine eiserne Lady

Die Ökonomin mit Harvard-Abschluss, die zuvor stellvertretende Direktorin der privaten „Equator Bank“ war, bevor sie ab 1997 die Afrika-Abteilung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen mit Sitz in Abidjan leitete, galt bei ihrer Wahl 2005 als Wunschkandidatin der internationalen Gemeinschaft. Damals lag ein 14 Jahre währender Bürgerkrieg (1989 bis 2003) hinter Liberia, der das Land weitgehend verwüstet und mutmaßlich 250000 Menschen das Leben gekostet hatte.

Nur die eiserne Lady mit dem wirtschaftlichen Sachverstand schien in der Lage, die enorme Aufgabe des Wiederaufbaus in Angriff nehmen zu können. Sechs Jahre später sind Liberia zwar die Auslandsschulden von 4,6 Milliarden Dollar erlassen worden, es gibt auch wieder fließendes Wasser und gelegentlich Strom in der Hauptstadt Monrovia. Doch davon abgesehen hatten sich die Liberianer wesentlich mehr von „Ma Ellen“, wie Ellen Johnson Sirleaf genannt wird, versprochen.

Am Dienstag wird in Liberia gewählt

Politisch kommt die Verleihung des Friedensnobelpreises deshalb für die Präsidentin gerade zu rechten Zeit. Am kommenden Dienstag wählt Liberia ein neues Staatsoberhaupt. Die Chancen für Frau Johnson Sirleaf, die für eine zweite Amtszeit kandidiert, stehen zwar gut - ihres Sieges sicher sein kann sie sich aber nicht. Wie nervös die Präsidentin inzwischen ist, zeigt ein Vorfall aus der vergangenen Woche, als der Chef des staatlichen Rundfunks kurzerhand entlassen wurde, weil er ein Interview mit einem Oppositionskandidaten geführt hatte. Er wurde durch einen Getreuen der Präsidentin ersetzt.

So beliebt Ellen JohnsonSirleaf im Ausland ist, so umstrittenen ist sie in Liberia. Es ist nicht nur der schleppende Wiederaufbau, der Kritik verursacht. Der Staatschefin wird auch vorgeworfen, zu wenig für die Aussöhnung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu tun, insbesondere im Konflikt zwischen den „American-Liberians“ und den „Einheimischen“. Als Liberia 1822 als erste Republik Afrikas von ehemaligen schwarzen Sklaven aus Amerika gegründet wurde, hatten diese nichts Besseres zu tun, als in der neuen Heimat genau das gleiche System aufzubauen, unter dem sie in Amerika so gelitten hatten. Das Selbstverständnis, mit dem die „American-Liberians“ und ihre Nachfahren seither glauben, das Land regieren zu dürfen, war ursächlich für den Bürgerkrieg. Ellen Johnson Sirleaf ist eine „American-Liberian“, wenn auch eine mit deutschen Vorfahren: Ihr Großvater mütterlicherseits war ein deutscher Händler aus Greenville in der Provinz Sinoe.

Zeitweilig war sie dem Diktator Charles Taylor nah

Dass die Präsidentin nicht nur Bewunderer in Liberia hat, hat auch mit ihrer zeitweiligen Nähe zu dem ehemaligen Diktator Charles Taylor zu tun, der sich wegen seiner Verwicklung in den Bürgerkrieg in Sierra Leone inzwischen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten muss. Als Taylor sich Ende der achtziger Jahre anschickte, Monrovia von dem zum Präsidenten aufgestiegenen Sergeanten Samuel Doe zu erobern, dröhnte Ellen Johnson Sirleaf, die „Stadt muss brennen“. Für diese Bemerkung hat sie sich mehrfach entschuldigt. Gleichwohl kam der Bruch mit dem Weggefährten Taylor erst 1997, als dieser in einer Farce von Wahl zum Präsidenten gemacht wurde und Ellen Johnson Sirleaf abermals außer Landes fliehen musste. Trotzdem schienen nicht alle Brücken zu dem ehemaligen Diktator, der 2003 von seinen afrikanischen Amtskollegen ins nigerianische Exil gezwungen worden war, abgebrochen worden zu sein. Für die Stichwahl gegen den Fußballstar George Weah 2005 jedenfalls hatte sich Frau Johnson Sirleaf die Unterstützung von Jewel Howard-Taylor gesichert - der Ehefrau Taylors, die für einen Parlamentssitz kandidierte.

Die nach dem Krieg eingesetzte liberianische Wahrheits- und Versöhnungskommission sprach sich in ihrem Abschlussbericht im Jahr 2009 dafür aus, „Ma Ellen“ vor die Türe zu setzen. Ellen Johnson Sirleaf wurde in diesem Bericht als eine von rund 90 Personen genannt, denen aufgrund der politischen und ideologischen Nähe zu Taylor für die kommenden 30 Jahre kein politisches Amt mehr anvertraut werden sollte. Einen Tag nach Vorlage dieses Berichtes kündigte Johnson Sirleaf an, für eine zweite Amtszeit zu kandidieren.

Leymah Gbowee ist das Gegenteil von Johnson-Sirleaf

Eines der Mitglieder dieser Friedens- und Wahrheitskommission war Leymah Roberta Gbowee, die zweite liberianische Friedensnobelpreisträgerin. Wenn man so will, ist sie das genaue Gegenteil der kämpferischen Machtpolitikerin. Leymah Gbowees Idole sind nicht wilde Kämpfer, sondern ebenso friedfertige wie sture Köpfe nach dem Vorbild eines Mahatma Gandhi. Zudem, und das ist der entscheidende Unterschied, gehört Leymah Gbowee nicht zur privilegierten Gruppe der „American-Liberians“, sondern ist eine Kpellé und damit Angehörige einer der zahlreichen „einheimischen“ Volksgruppen, denen die „American-Liberians“ lange Zeit jede Teilhabe an der Macht verweigert haben.

Gbowees Waffe ist der friedliche Widerstand. Sie ist die Gründerin einer Friedensgruppe namens „Women Peace and Security Network Africa“ (Wipsen-Africa), die während des liberianischen Bürgerkrieges entstand und ausschließlich aus Frauen bestand, die sich regelmäßig in weißen Gewändern zum Gebet für den Frieden trafen. Damit die Botschaft auch gehört wurde, griffen die Damen allerdings zu ungewöhnlichen Mitteln: Die Frauen verweigerten ihren Männern so lange den Geschlechtsverkehr, solange die nicht mit dem Kämpfen aufhörten.

Leymah Gbowees Antrieb dabei war, der „Vernunft“ wieder Achtung zu verschaffen. „Wir waren eine Armee von Frauen in weißen Kleidern, die zu einem Zeitpunkt aufgestanden sind, als dies niemand wagte, doch wir hatten keine Angst, weil die schlimmsten Dinge, die man sich nur vorstellen kann, uns längst passiert waren“, schreibt sie in ihrer Autobiographie „Pray the Devil Back to Hell“ (Bete den Teufel zurück in die Hölle). Während des Krieges besuchte die Bürgerrechtlerin beispielsweise nahezu täglich die Militärlager in Liberia, wo Kinder zu Killern gemacht wurden. „Das Einzige, was die Dinge vom Bösen zum Guten wenden kann, sind wir: die Mütter dieser Kinder“, sagte sie damals. Die Bewegung wurde schließlich so einflussreich, dass Taylor sie in die letztlich gescheiterten Friedensgespräche einbinden musste.

Heute lebt die 39 Jahre alte Leymah Gbowee mit ihren sechs Kindern in Ghana. Liberia hatte sie nach der Wahl von Ellen Johnson Sirleaf 2005 verlassen.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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