Home
http://www.faz.net/-gpc-76g17
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Elke Heidenreich zum Siebzigsten Pinguine der Leidenschaft

Sie ist ein anatomisches Wunder, denn das Herz liegt ihr im Mund. Das hat sie vor vier Jahren ihre ZDF-Sendung gekostet. Heute feiert Elke Heidenreich ihren siebzigsten Geburtstag.

© dapd Vergrößern Elke Heidenreich auf der Frankfurter Buchmesse 2010

Wie soll man es auch wissen, was die Liebe ist, wenn es einem keiner sagt, wenn die Eltern grausam sind und kalt, gewalttätig und böse? Können die Bücher helfen? Die Jungs aus der Klasse, das Theater, die Musik? „Liebe“ heißt die erste Erzählung in Elke Heidenreichs erstem Erzählungsband „Kolonien der Liebe“, und darin erzählt Sonja ihre Geschichte. Eine Geschichte der Lieblosigkeit, in der auf wenigen Seiten zwingend schön und grauenvoll genau das Naturgesetz der Liebe beschrieben wird, die auch da ist, wenn sie fehlt. Gerade dann.

Volker Weidermann Folgen:  

Sonja ist vierzehn und hat nicht die leiseste Ahnung, was diese sogenannte Liebe sein kann, aber ein kleiner, mächtiger Magnet zieht sie von Erlebnis zu Erlebnis, von Kuss zu Kuss. Die Erzählung ist nur fünfzehn Seiten lang, sie beginnt mit einem rasanten Todessturz und endet mit einem anderen, und dazwischen lernt ein junger, trauriger, sehnsuchtsvoller Mensch das Leben kennen.

Ihre Leidenschaft und Energie haben schon manchen umgeworfen

Kommt die Liebe, wenn die Eltern tot sind? Ist Hansi mit dem Mäuschenmund schon die Liebe? „Ich las alle Bücher, in denen etwas mit Liebe vorkam, besonders aufmerksam, aber es war kein System zu erkennen, wie Liebe denn nun funktionierte.“ Die Mutter sagt, sie solle mit den „saublöden Liebesgeschichten“ aufhören und lieber Schularbeiten machen, denn diese Liebe sei ein „gigantischer Scheißdreck und ein Schwindel“. Am Ende ist Hansi verrückt, die beste Freundin tot, und es könnte sein, dass die Mutter einfach recht hat.

Am heutigen Freitag wird Elke Heidenreich siebzig Jahre alt, und einen guten Teil ihres öffentlichen Lebens hat sie damit zugebracht, zu beweisen, dass diese Mutter nicht recht hat. Elke Heidenreich ist in jeder der unendlich vielen Rollen, in denen man sie in Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften erlebt, von einer Leidenschaft, Direktheit und Energie, die schon manchen umgeworfen hat. Das hatte sie schon, ziemlich am Anfang ihrer Karriere, in ihrer Rolle als Zungenfertigkeitskönigin Else Stratmann, auf die Spitze getrieben und im weiteren Verlauf des Lebens dann locker variiert.

Bücher empfahl sie so missionarisch wie unterhaltsam

Als Talkshow-Moderatorin, in der sie auf heute kaum noch vorstellbare Weise Fragen zu stellen schien, die sie tatsächlich interessierten (und dabei vielleicht etwas zu oft sich selbst interviewte), als „Brigitte“-Kolumnistin, Journalistin, Erzählerin. Immer mit märchenhaftem Erfolg. Ihr erster Erzählungsband wurde in viele Sprachen übersetzt und allein in Deutschland mehr als eine Million mal verkauft, das hat sie selbst nur mit ihrem Katerbuch „Nero Corleone“ noch übertroffen.

Den Höhepunkt ihres öffentlichen Erfolges und Ansehens erreichte sie jedoch mit ihrer Büchersendung „Lesen!“ im ZDF, in der sie ebenso unterhaltsam wie missionarisch Bücher zur Lektüre empfahl. Die Zuschauer folgten ihren Empfehlungen wie hypnotisiert, als gehorchten sie einem geheimen Befehl.Auf die erschütterte, ratlose, ungläubige Nachfrage eines Literaturkritikers, was das Geheimnis ihres Erfolges sei, antwortete sie knapp und genau: „Glaubwürdigkeit.“

Sie wetterte gegen „verknöcherte Bürokarrieristen“

Die 1943 in Korbach geborene, aber seit vielen Jahren in Köln lebende Elke Heidenreich ist ein Musterbeispiel des anatomischen Wunders, das bei der rheinischen Urbevölkerung häufig anzutreffen ist: einer direkten Verbindung von Herz zum Mund. Damit kommen manche Leute nicht gar so gut zurecht. Und als die Verbindung vom Herz, vor viereinhalb Jahren, sich einmal direkt zur Tastatur weiterschaltete, hat sie das ihre Sendung gekostet.

Als sie in einem Artikel für diese Zeitung dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki zur Seite sprang, der soeben den Fernsehpreis für sein Lebenswerk abgelehnt hatte, da lobte sie nicht nur euphorisch den Mann, von dem sie die „Leidenschaft für Kultur im Fernsehen“ gelernt hatte, sondern sie schimpfte sich auch in einen Furor gegen die „verknöcherten Bürokarrieristen“ des Senders hinein, die „alles Spontane, alles Menschliche und die Kultur“ längst verlernt hätten. Und sie fügte den fatalen Satz hinzu: „Von mir aus schmeißt mich jetzt raus.“

Mehr zum Thema

Das ließen sich die Herren dann nicht zwei Mal sagen. Sie, die von Heidenreichs Leidenschaft, Direktheit, Euphorie jahrelang profitiert hatten, hatten nicht die Größe, über diese Attacke hinwegzugehen. Hatten nicht die Größe, zu erkennen, dass zu diesem mitunter unkontrollierten Temperament manchmal eben auch die direkte Attacke gehört. Ja, dass das eine ohne das andere nicht zu haben ist. Elke Heidenreich hat sich danach immer wieder entschuldigt, hat Briefe geschrieben. Aber der Sender blieb hart. So klein ist die Welt. Ob das ZDF zurzeit eine Literatursendung ausstrahlt, ist weitgehend unbekannt.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.02.2013, 12:23 Uhr

Unter Schmerzen

Von Berthold Kohler

Im Grundsatz sind sich Union und SPD einig: Man darf Putin den Angriff auf die Prinzipien der europäischen Friedensordnung nicht durchgehen lassen. Daran ändert auch die groteske Verdrehung der Tatsachen durch die Linkspartei nichts. Mehr 164

Möbel aus Belgien Belgique Magnifique

Alle zwei Jahre treffen sich Designer und Hersteller zur Herbstmesse Interieur in Kortrijk. Dort zeigt das kleine Land, wie groß sein Design ist. Mehr Von Peter-Philipp Schmidt

Mercedes AMG GT Die Tiefstapler vom anderen Stern

Mercedes klebt seinen neuen Sportwagen an die Straße und AMG drauf. Das hat Folgen. Eine erste Probefahrt in dem wie immer harten GT. Mehr Von Holger Appel 10 21

Kolumne „Nine to five“ All die tollen jungen Doktoren

Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt sich ohne ihr: Manch einer der promoviert hat, trägt seinen Doktortitel gerne vor sich her. Anderen hingegen ist das hochnotpeinlich. Mehr Von Ursula Kals