Bundespräsident Joachim Gauck hat Sven Felski bei seinem letzten Auftritt als Bürger eine „Ikone“ des Eishockeys genannt. Der 37 Jahre alte Berliner hat schon 987 Spiele für die Eisbären bestritten. Am Ende der Playoffs, die an diesem Dienstag (19.30) mit dem ersten Viertelfinalspiel gegen die Kölner Haie beginnen, soll die sechste Meisterschaft stehen.
Können Sie nach 20 Profijahren sagen, was Platz eins nach der Vorrunde für die Play-offs bedeutet - wieder den Titel für die Eisbären?
Nein, kann ich leider nicht. Es ist jedes Jahr immer wieder anders. Dieses Jahr ist es extrem eng. Vor dem letzten Spieltag hatten fünf Mannschaften die Möglichkeit, noch auf Rang sechs zu kommen.
Und auch während der Saison können Sie mit Ihrer Erfahrung nicht abschätzen, wo die Mannschaft landen wird?
Wir hatten dieses Jahr viele verletzte Spieler. Das wurde immer wieder als Grund angeführt, wenn wir mal eine Phase hatten, in der wir nicht gewonnen haben. Aber ich sehe das nicht so. Wir hatten drei, vier Spieler, die waren die ganze Saison über verletzt, die kann man dann nicht mehr dazu rechnen. Unser Problem war eher, dass immer wieder, wenn ein Spieler zurückkam, ein anderer ausgefallen ist. Wir hatten ständig Rotation und konnten uns - bis auf eine Reihe - nicht richtig einspielen. Wir haben jedoch einen tiefen Kader mit vielen verschiedenen Spielertypen, aber alle versuchen, das gleiche Grundprinzip zu spielen, deswegen haben wir das sehr gut hinbekommen. Das ist es, was ist feststelle, nicht mehr.
In manchen Zeitungen steht, dass man gerade den besten Felski aller Zeiten sieht. Glauben Sie das noch - in Ihrem Alter?
Das ist totaler Quatsch. Vor zwei, drei Jahren habe ich genauso gespielt. Aber man wird ja leider immer an Toren und Vorlagen gemessen.
An zwölf Toren und zwanzig Vorlagen in der Vorrunde...
Aber wenn man genauso spielt und weniger Tore erzielt, heißt es: der kommt nicht mehr klar. Ich gebe auf all diese Sprüche nichts. Wenn es gut läuft, bekommt man zwar noch mehr Selbstvertrauen, aber ich ändere mich doch nicht als Spielertyp. Ich bin nicht besser, aber auch nicht schlechter wie vor ein paar Jahren - und noch genauso spritzig.
Sie haben noch nicht gespürt, dass Alter zur Last wird?
Überhaupt nicht. In der Sommerzeit muss ich zwar ein bisschen mehr machen, das ist es aber auch schon. Aber wenn ich merken sollte, dass ich zu langsam bin, es körperlich nicht mehr schaffe oder keine Lust mehr aufs Training habe - dann bin ich der Erste, der sagt: „Jungs, seid mir nicht böse, aber das war´s.“ Ich muss niemanden etwas beweisen, auch mir nicht.
Haben Sie den Zustand erreicht, indem der Zuwachs an Erfahrung nichts mehr bringt - oder hält das Eishockey schon gar keine neuen Erfahrungen mehr für Sie bereit?
Es gibt auch jetzt immer noch Situationen, von denen ich sage: „Das haste ja noch nie erlebt.“ Und jüngere Spieler ziehen mich mittlerweile mit, das ist auch eine Erfahrung, die ich nicht kannte. Andererseits merke ich natürlich, wie die jüngeren Spieler von meiner Erfahrung profitieren. Der größte Teil, wie Erfahrung weitergegeben wird, passiert auf dem Eis. Die Jüngeren schauen schon genau hin: „Wie macht der das jetzt? Jetzt rennt er brutal schnell, da schaut er lieber.“ Sie beobachten und ziehen ihre Schlüsse daraus.
Welche Schlüssen sollten sie ziehen?
Ruhig spielen, nie hektisch werden. Ich bin früher auch ein extremer Heißsporn gewesen und wollte verschiedene Dinge gleichzeitig machen, aber das ist Unsinn. Man muss ruhig und gelassen bleiben, das ist das Wichtigste. Ich bin natürlich auch weiter mit dem Herzen dabei, sonst wäre ich ja nicht mehr auf dem Eis, aber man muss auch mal Druck rausnehmen, um nicht selbst zu verkrampfen.
Wenn Sie auf dem Eis stehen, hören Sie nach all den Jahren noch die Rufe „Ost-, Ost-, Ost-Berlin?“
Ehrlich gesagt nicht, aber es scheint ja auch weniger geworden zu sein. Ich habe das nie gut gefunden. Dynamo hat Tradition, das soll auch so bleiben. Aber das „Ost-Berlin“ ist Unfug. Erstens ist das jetzt über zwanzig Jahre her. Zweitens wollen wir ein Berliner Verein sein, dann muss man auch danach handeln. Man muss sich klar machen, dass wir der einzig erfolgreiche gesamtdeutsche Verein des Landes geworden sind. Dass es so gekommen ist, kann ich aber immer noch nicht richtig erklären, auch wenn es mein Heimatverein ist. Jetzt sind wir sogar ein international anerkannter Klub. Ich habe hier ja ganz andere Zeiten erlebt, wir hatten damals mit Dynamo und Weißwasser nur zwei Vereine in der Liga. Und die Leute, die dann dem Verein geholfen haben, die kamen nicht aus dem Osten, das darf man nicht vergessen.
Auch wenn es schon über zwei Jahrzehnte her ist, von Ihrer Ausbildung in Hohenschönhausen profitieren Sie immer noch?
Wir haben hier die bestmögliche sportliche Ausbildung bekommen, und wenn man, wie ich, sieben Jahre Eiskunstlaufen gemacht hat, und dann zum Eishockey kommt, dann kann man eben perfekt Schlittschuh laufen. Bei vielen Vereinen im Westen hat man zwar Eishockey gespielt, aber man hat nicht so eine Ausbildung bekommen, was das Schlittschuhlaufen angeht. Das merke ich heute noch.
Wie wirkt sich der Unterschied aus zwischen sehr gut Schlittschuhlaufen - und perfekt Schlittschuhlaufen?
Es gibt Situationen, die kehren ständig wieder. Einer fällt vor dir hin - und du springst einfach drüber, ohne auch nur darüber nachzudenken. Andere zögern da vielleicht eine Sekunde - und die Situation ist vorbei.
Sie sind seit ihrer Kindheit im Klub, man nennt Sie hier den Bürgermeister. Steckt in der Treue zum Verein auch Furcht - vor Veränderung etwa?
Zunächst einmal: Ich bin heimatverbunden, meine Familie und alle meine Freunde leben hier. Und ich glaube, dass es wichtig ist, dass man alles, was man von seinem Verein bekommt, auch zurückgibt - und nicht auf ein paar Taler schaut, um söldnerhaft woanders hinzugehen. Aber hier hat sich sehr viel verändert, ich habe sehr verschiedene Seiten kennengelernt, die Zeiten, wo der Verein fast Konkurs war, und jetzt die letzten zehn Jahre, wo sportlich alles super läuft und sich alles professionalisiert hat. Da gibt es keinen Grund, zu wechseln. In meiner Zeit ist die neue Arena entstanden, ich habe zwanzig Trainer erlebt, so viele Spieler sind gekommen und gegangen. Hier hat sich soviel verändert, da musste ich nicht gehen.
Sie können nun ihren sechsten Titel gewinnen und in den Play-offs die 1000-Spiele-Marke knacken - was ist das emotionalere Ziel?
Jede Meisterschaft hat erstmal ihren eigenen Charakter. Die erste war sehr emotional, eine andere war sportlich einfach, weil wir zu gut waren, die letzte war erkämpft. Auch diese Meisterschaft wäre nicht eine unter vielen - aber den Titel im 1000. Spiel zu holen, das wäre eine richtig gute Geschichte.
Und dann hören Sie auf?
Ich weiß es noch nicht. Ich will diese Saison erst mal zu Ende bringen, dann sehen wir weiter. Ich weiß, dass jedem Profisportler etwas fehlt, wenn er aufhört. Aber ich weiß auch, dass wir bei den Eisbären eine Altherren-Mannschaft haben. Da wäre ich dann wenigstens mal der Jüngste.
Das Gespräch führte Michael Horeni.
