Home
http://www.faz.net/-gpc-13tlb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Einsatz in Afghanistan Die Furcht vor dem Schuss

22.09.2009 ·  Die Bundeswehr muss sich an eine neue Erfahrung gewöhnen und mit ihr die deutsche Gesellschaft: Was heißt es, einen Feind getötet zu haben? Von Marco Seliger

Von Marco Seliger
Artikel Lesermeinungen (0)

Die Taliban bewegten sich auf Motorrädern parallel zur Patrouille der Fallschirmjäger. Die deutschen Soldaten waren 400 Meter von ihnen entfernt, eine ideale Schussentfernung für ein Maschinengewehr. In dem Führungsfahrzeug, einem gepanzerten „Dingo 2“, überprüfte der Bordschütze durch seine Zieloptik noch einmal, ob die Gestalten auf den Zweirädern wirklich bewaffnet sind. „Identifizierung eindeutig“, meldete er dem Patrouillenführer. „Feuererlaubnis!“ lautete die Reaktion des Hauptfeldwebels. Mit den ersten Schüssen des Hauptgefreiten am Maschinengewehr eröffneten die Soldaten das Gefecht. „Zwei Taliban habe ich eindeutig getroffen, ein dritter fiel durch die Waffe eines Kameraden“, berichtete der Bordschütze später. Die Aufständischen versuchten, in der nahe gelegenen Ortschaft Deckung zu finden, wurden aber vom Feuer der Fallschirmjäger getroffen. Als die Waffen schwiegen, waren sieben Taliban tot.

„Ich habe nur meinen Job gemacht“, sagte der MG-Schütze nach der Rückkehr in die Heimat. Doch die Fallschirmjäger hatten das Gefecht mit den Taliban an jenem Tag bewusst gesucht. Sie wollten den Gegner stellen und ihm nicht mehr nur ausweichen, so wie sie das zuvor stets getan hatten. Eine Zäsur im Kundus-Einsatz der Bundeswehr: Seitdem gehen die deutschen Soldaten auch offensiv gegen den Gegner vor, einen Gegner, der in den Taktiken des Guerrillakampfes geschult ist und sehr koordiniert vorgeht. Immer öfter greifen Taliban die Patrouillen der Bundeswehr an. Ihre Taktik ist der koordinierte Hinterhalt. Sprengfallen (IED) sollen ein Patrouillenfahrzeug und dessen Besatzung außer Gefecht setzen, in die Verwirrung der übrigen Soldaten hinein erfolgt dann der Angriff. Gefährlich sind vor allem die schultergestützten Panzerfäuste RPG-7 der Taliban. Ein Hauptgefreiter wurde in einem Transportpanzer „Fuchs“ von einem solchen Geschoss tödlich getroffen. Feuerkraft, Ausrüstung, taktisch kluges Verhalten sowie Glück verhinderten bislang, dass es in diesem Jahr zu weiteren tödlichen Verlusten durch Beschuss kam. Allerdings liegt die Zahl der Verletzten in Kundus seit Beginn der offensiveren Vorgehensweise der Bundeswehr im Mai bei mindestens zwanzig. Der Kampf ist Alltag geworden für die Soldaten. Und damit eine alte Lehre des Gefechts: Es gewinnt und überlebt, wer schneller schießt und besser trifft.

Ein Spätsommertag im Gefechtsübungszentrum des Heeres in Letzlingen in Sachsen-Anhalt: Die Schnelle Eingreiftruppe (Quick Reaction Force 4, kurz: QRF) befindet sich in der Endphase ihrer Vorbereitung auf den Afghanistan-Einsatz. Zehn Fahrzeuge patrouillieren in einem fiktiven Aufstandsgebiet. Zwei Explosionen und das Führungs- sowie das Schlussfahrzeug sind wegen explodierter Sprengfallen manövrierunfähig. Dann folgt der Angriff der „Taliban“. Sie feuern aus Gewehren und Panzerfäusten. Die Gefechtssituation, in welche die Schwarzenborner Jäger hier geraten sind, wirkt echt. Die Maschinengewehre setzen ein, aus den Dachluken der „Fuchs“-Transportpanzer suchen die Soldaten durch die Zieloptiken ihrer Gewehre den Angreifer. Den Feind „niederhalten“ lautet die Anweisung des Patrouillenführers an die Schützen, damit die anderen Soldaten aus ihren Fahrzeugen springen und in Deckung gehen können. Dann erwidert die Patrouille koordiniert das Feuer, setzt den Angreifern nach und wehrt die Attacke ab. Die Ausbilder loben anschließend die Soldaten. Sie hätten sich gegen einen „klar erkannten Gegner“ vorschriftsmäßig verhalten. Sie haben geschossen und erschossen - simuliert mit Übungsmunition.

In Afghanistan jedoch stecken in den Magazinen echte Gefechtspatronen. Der Feind, auf den sie im Kampf abgefeuert werden, ist kein Pappkamerad wie im Schießtraining, sondern ein Mensch. „Niemand kann garantieren, dass ein Soldat, der in der Ausbildung stets richtig reagiert hat, im Gefecht tatsächlich abdrückt“, sagt ein Offizier des Jägerregiments 1, das mit seinen Soldaten bis zum kommenden Frühjahr die QRF in Nordafghanistan stellen wird. Knapp neun Monate lang werden die Soldaten aus dem hessischen Schwarzenborn trainiert haben, wenn sie im Oktober ihre Kameraden in Kundus und Mazar-i-Sharif ablösen. Intensive Wochen liegen hinter ihnen: Patrouillen, Erste Hilfe, Fahrtraining, Kampftaktik, Landeskunde - und Schießausbildung. In manchen Situationen reagieren die Schwarzenborner Jäger inzwischen nahezu automatisch. Doch für eines haben sie keine Handlungsanweisung erhalten: Wie legen sie ihre Angst vor dem Töten ab?

Untersuchungen in den amerikanischen Streitkräften ergaben, dass Soldaten mehr Angst vor dem Töten als vor dem Getötetwerden haben. Das sei die wichtigste Ursache für individuelles Versagen im Kampf. Deutsche Soldaten mussten sich darüber jahrzehntelang kaum Gedanken machen. 35 Jahre lang waren sie dazu da, um den Krieg gegen den Warschauer Pakt nur durch bloße Existenz zu verhindern; das blutige Geschehen am Persischen Golf und auf dem Balkan Anfang der neunziger Jahre verfolgten sie weitgehend aus der Ferne. In Afghanistan jedoch rückte der Feind von Jahr zu Jahr näher.

Heute stehen die Soldaten im Nahkampf, und der ist nicht abstrakt, sondern eine Realität, mit deren Folgen sich das Heer erst zu beschäftigen beginnt. Dabei dürfte eines besonders klarwerden: Wenn Soldaten im Nahkampf töten, kann das traumatische Folgen für sie haben. Doch selbst in den kampferfahrenen Infanterieverbänden der Amerikaner gibt es bislang kaum Untersuchungen über die psychischen Nachwirkungen des Tötens.

Bundeswehr-Soldaten sagen, dass sie sich mit dem Thema Töten auseinandersetzen. „Ja, das ist Teil der Ausbildung“, sagt ein Offizier. Mehr will er nicht sagen. Das Thema ist nicht nur ihm unangenehm, auch wenn es zum Beruf gehört. Als Teil einer zivilisierten Gesellschaft scheinen sich selbst Soldaten mitunter vor der Einsicht zu drücken, dass Schießen und Töten im militärischen Kampf oft eins sind. In den Vorschriften des amerikanischen Heeres heißt es, Soldaten dürften nicht über die Beschaffenheit eines Zieles nachdenken, wenn es um Leben und Tod geht. „Wir“, sagt ein Bundeswehr-Offizier, „halten unsere Männer indes dazu an, vor dem Schießen den Kopf einzuschalten.“ Es seien die Einsatzregeln und der Verstand, die dem Waffengebrauch des Soldaten enge Grenzen setzten. Deutsche Militärführer betonen, sie wollten keine „Killermaschinen“. Ein Gefecht aber müssten ihre Soldaten trotzdem erfolgreich führen können. Und dazu, äußert ein Infanterist, gehöre eben auch, mental darauf eingestellt zu sein, dass das Töten Teil des Kampfes ist.

Außerhalb der Streitkräfte ist diese Einsatzrealität noch nicht angekommen. Nicht nur in Deutschland: Dave Grossman, Psychologieprofessor an der amerikanischen Militärakademie in West Point und Offizier, schrieb vor 14 Jahren in seinem Buch „On Killing“: „Wenn die Gesellschaft Soldaten darauf vorbereitet, ihren Widerstand gegen das Töten zu überwinden, und sie in eine Umgebung versetzt, in der sie töten werden, dann hat sie die Pflicht, sich anschließend offen, intelligent und moralisch mit ihrer psychischen Situation auseinanderzusetzen.“ Das war als Mahnung an die amerikanischen Streitkräfte und die amerikanische Gesellschaft zu verstehen, sich stärker um traumatisierte Soldaten, die aus dem Irak oder aus Afghanistan zurückkehren, zu kümmern. Die amerikanische Armee registriert eine wachsende Zahl von Kriegsveteranen, die mit der psychischen Belastung, Menschen im Einsatz getötet zu haben, nicht allein fertig werden - mit Folgen für den Rest der Gesellschaft. Eine ähnliche Entwicklung, warnen Psychologen, sei auch in Deutschland nicht auszuschließen.

Die Bundeswehr versucht dem entgegenzuwirken. Sie setzt etwa auf den „Teamspirit“, wie ein Offizier das nennt, den intensiven Zusammenhalt der Soldaten in den Kampfverbänden, um traumatische Erfahrungen zu verarbeiten. Erlebnisse sollen in der Gemeinschaft - wenn nötig auch mit Psychologen - direkt nach der Rückkehr von einer Operation besprochen und verarbeitet werden. Das setzt großes Vertrauen in die Kameraden voraus, was nebenbei, wie ein Offizier sagt, Soldaten auch dabei hilft, im Kampf Angst und Furcht zu überwinden. Es sei dies nicht nur die Angst vor dem eigenen Sterben, sondern auch die Furcht vor dem Schuss. „Schießen und Töten gehören zum Wesen des Soldatenberufs“, sagt ein Hauptgefreiter, der vor kurzem aus Afghanistan zurückgekehrt ist. Er sagt, er habe dort nicht nur einmal „auf den Feind geschossen“.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Eine Zweiklassengesellschaft

Von Christoph Ruhkamp

Europas Autoindustrie teilt sich in zwei Lager: Die Premiumhersteller, deren Geschäfte florieren, und die Massenhersteller. Ihr Geschäft läuft äußerst schlecht. Mehr 24 17

23.05.2012 15:27 Uhr
  Vortag
Dax 6.341,37 −1,46%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.388,65 −1,38%
Dow Jones 12.502,80 −0,01%
EUR/USD 1,2662 −0,17%
Rohöl Brent Crude 107,11 $ −1,05%
Gold 1.582,50 $ 0,00%