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Dürren und Fluten

15.08.2002 ·  Petra Döll und Joseph Alcamo befassen sich am Zentrum für Umweltsystemforschung an der Universität Kassel mit Fragen nach dem Zusammenhang zwischen der Klimaentwicklung und dem Aufkommen von Dürren und Hochwassern.

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KASSEL, 14. August. Petra Döll und Joseph Alcamo befassen sich am Zentrum für Umweltsystemforschung an der Universität Kassel mit Fragen nach dem Zusammenhang zwischen der Klimaentwicklung und dem Aufkommen von Dürren und Hochwassern. Sie kennen die Komplexität der Vorgänge in der Natur und wissen, daß die Zukunft ganz wesentlich von Menschen mitbestimmt wird. Angesichts der Fülle der Variablen, der mannigfachen Wechselwirkungen und der Unbestimmtheit des künftigen Geschehens folgern die Wissenschaftler, wagen die Forscher keine Vorhersage, sondern entwerfen Bilder von "plausiblen Zukünften". Dazu gehört, daß sie eine Häufung von hundertjährlichen Hochwassern errechnet haben für jene Region, die in diesen Tagen von der Katastrophe am stärksten getroffen ist: Mitteleuropa. Doch einstweilen mahnen die Wissenschaftler zur Nüchternheit. Alcamo, der Leiter des Zentrums, sagt, es sei normal, daß im Laufe von hundert Jahren ein bis fünf gravierende Hochwasser über die Menschen hereinbrechen. In manchen Gegenden, wie an Mosel oder Rhein, kämen Hochwasser sogar häufiger vor. Auch werde das Hochwasser für den Menschen spürbarer, je näher er seine Häuser an die Flüsse und Auen heranbaue, je mehr er mit wachsendem Wohlstand durch eine Überschwemmung verliere. Unabhängig davon, ob sich das Wettergeschehen global ändere, überraschten die Hochwasser als seltenes, aber verheerendes Ereignis immer. Petra Döll sagt, man solle auch nicht das andere Extrem vergessen, die Dürren. Sie bauten sich langsam auf, träfen nicht mit der plötzlichen Wucht eines Dammbruchs, lieferten nicht die spektakulären Fernsehbilder - aber sicherlich kämen mehr Menschen dabei ums Leben als bei einer der bisher erlebten Fluten. Dürren und Fluten seien zwei Seiten des Klimawandels, sagen die Wissenschaftler. Dazwischen spannt sich der "Wasserstreß", das Mißverhältnis zwischen Wasserangebot und Wassernachfrage. Die Frage, ob der Regen im Hochsommer dieser Tage eine Folge der Klimaveränderung sei, würden Alcamo und Döll so niemals stellen. Aber die Hydrologin sagt, die Erderwärmung sei nachgewiesen. Erstmals sei auch ein Zusammenhang zwischen Erderwärmung und der Zunahme der "Starkregenereignisse" nachgewiesen. Doch Alcamo schränkt ein, dies sei noch kein Beweis dafür, daß die Regenfälle der vergangenen Tage und das abfließende Hochwasser die Folgen der Klimaverschiebung seien, um sogleich fortzufahren, daß der Zusammenhang zwischen der Nutzung fossiler Energieträger, der Freisetzung der Treibhausgase und einer Zunahme von Starkregenereignissen "konsistent" sei. Die Treibhausgase erhöhten die Temperatur auf der Erde. Es verdunste mehr Wasser von der Meeresoberfläche, das anderswo niederregne. Die Dynamik des Wettergeschehens steige. Das, was zur Zeit in Sachsen, Bayern, der Tschechischen Republik, Italien oder Rußland passiere, sei womöglich ein Blick in die Zukunft. Bei aller Vorsicht, mit der sich die Wissenschaftler der Zukunft nähern, sprechen ihre Szenarien der plausiblen Zukünfte für eine Änderung des Verhältnisses von Dürren und Fluten in Europa. Die Forscher gründen ihre Zukünfte auf Annahmen. Weil es mehrere plausible Annahmen und daraus abgeleitete unterschiedliche Modelle gibt, beziehen sie die besten Modelle in ihre Arbeit ein. Sie wollen nicht die "eine Antwort" geben, denn die gebe es nicht. Um den Klimawandel in ihre Prognose einzubeziehen, greifen die Kasseler auf zwei Klimamodelle anderer Institute zurück. Eines stammt vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, das andere vom Hadley-Centre for Climate Prediction and Research im britischen Bracknell. Beide Modelle seien nach den heutigen Möglichkeiten die besten. Dennoch seien beide mit "hoher Unsicherheit" behaftet. Beide zeigten einen Temperaturanstieg und wachsende Niederschlagsmengen im globalen Mittel an, aber eine unterschiedliche regionale Verteilung des Regens. Das liege an der Komplexität des Wettergeschehens, das der Mensch noch nicht entschlüsselt habe. Zum Beispiel sei die "Wolkenphysik" noch unklar. Ein weiterer Mangel sei die nur grobe Auflösung der Klimamodelle in der Fläche von meist nur 500 mal 500 Kilometern. Die Klimaforscher schichteten ihre Modelle naturgemäß vertikal. In dem groben Flächenraster gingen die Strukturen der Erdoberfläche unter. Zum Beispiel sei der Harz für die Niederschlagsmenge in weiten Teilen Deutschlands entscheidend, denn westlich des Harzes regne es mehr als östlich des Gebirges. In einem solch groben Raster, wie es in den Klimamodellen verwandt werde, sei der Harz aber nicht abgebildet. Die Daten der Klimamodelle verbanden die Kasseler nun mit ihrem "globalen hydrologischen Modell", das sie von 1996 an entwickelt, intensiv getestet und zahlreichen Organisationen wie der World Water Commission oder dem World Water Council zur Verfügung gestellt haben. Das Auge des "Globalen hydrologischen Modells" überzieht die Erde mit einem 0,5-Grad-Rechennetz. Am Äquator erfaßt es Flächen von 55 mal 55 Kilometer, in Europa von 30 mal 50 Kilometer. In das Modell sind zum Beispiel Niederschlag und Temperatur, die Bodenbeschaffenheit und Vegetation ebenso wie die Sonneneinstrahlung am jeweiligen Ort, die sich von Tag zu Tag ändert, eingewoben, um zu ermitteln, wieviel des Regenwassers verdunstet und welcher Anteil abfließt. Schließlich haben die Wissenschaftler die Datenmengen aus Hamburg und Bracknell mit ihrem komplexen hydrologischen Modell "gekreuzt". Das führte zu Karten, welche die mögliche Hochwasser- und Dürrehäufigkeit im Europa der Jahre 2020 und 2070 zeigen, aber auch offenbaren, daß in einzelnen Gebieten sowohl Dürren als auch Hochwasser künftig häufiger auftreten könnten. Nach beiden Klimamodellen werden Irland, Südwestfrankreich, Portugal, Teile von Spanien, Italien, Griechenland, der Alpenraum, das östliche Mitteleuropa, das nördliche Skandinavien und das angrenzende Rußland, aber auch Regionen rund um das Schwarze Meer im Jahr 2020 von Hochwassern, wie sie 1961 bis 1990 alle 100 Jahre vorkamen, rein statistisch im Abstand von 80 oder sogar nur zehn Jahren heimgesucht werden. In anderen Teilen Europas wird die Häufigkeit von Hochwassern zurückgehen. 2070 wird die Temperatur auf der Erde zwar noch weiter gestiegen sein, die Hochwasserneigung sich aber regional wieder auf kleinere Räume konzentriert haben. Von Dürren, wie sie bisher im Abstand von 100 Jahren einmal vorkamen, könnten im Jahr 2020 nach den Daten des Max-Planck-Instituts die Iberische Halbinsel, England, aber auch Ostdeutschland und Polen rechnerisch alle zehn bis vierzig Jahre erfaßt werden. Wenn die Kasseler die britischen Daten zugrunde legen, werden eher Italien und das südliche Osteuropa häufiger von Dürren erfaßt werden. Eine Dramatisierung des Wettergeschehens im Jahr 2070 mit einer Verdoppelung der Häufigkeit von bisher hundertjährlichen Fluten und mit Dürren haben nach der Rechnung auf Basis der britischen Daten die Bewohner des Südens von Irland und England, der französischen Westküste, von Portugal, dem südöstlichen Polen, die Menschen am Bosporus und südlich des Schwarzen Meers zu gewärtigen. Nur ein Land in Europa sieht auf den Karten der Kasseler so aus, als änderte sich nur wenig: Deutschland. Im Osten könnte es gar ein wenig zu trocken werden, und lediglich am Oberrhein läßt der Ausblick auf 2070 eine Verdoppelung von extremen Dürren und Hochwassern zugleich erwarten. Doch Genaues weiß man nicht. Plausibel scheint es den Wissenschaftlern nur zu sein, daß die Klimaveränderung von heute das Resultat des addierten Ausstoßes von Treibhausgasen der vergangenen 150 Jahre ist. Es liege an uns, den Ausstoß zu mehren oder zu mindern und damit den Fortgang der Klimaveränderung zu beschleunigen oder zu bremsen. Ungeschehen sei die Klimaveränderung nicht zu machen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2002, Nr. 188 / Seite 8
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