Home
http://www.faz.net/-gpc-797xo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Drohne Euro Hawk Koloss im Blindflug

Das Verteidigungsministerium hat mit der Drohne Euro Hawk Hunderte Millionen Euro in den Sand gesetzt. Von Problemen mit der Zulassung will es erst 2011 erfahren haben - tatsächlich waren die seit 2004 bekannt. Vier Minister sahen weg.

© dpa Die Drohne vom Typ Euro Hawk: Kein Kollisionsschutz an Bord

Als der Riesenvogel in Manching landete, waren die Zuschauer aus dem Häuschen. So groß, so mächtig hatte sich kaum jemand den Euro Hawk vorgestellt, die neue Aufklärungsdrohne der Bundeswehr. Fast 24 Stunden war sie geflogen, an einem Stück aus Kalifornien, gut 10000 Kilometer weit - alles ferngesteuert. Nun beginne eine neue Ära der Militärluftfahrt, schwärmte der Vertreter des Bundesamts für Wehrtechnik und Beschaffung an jenem Tag im Juli 2011. „Ein Meilenstein der Luftaufklärung“, jubelte die Luftwaffe auf ihrer Internetseite und versprach: Afghanistan nonstop hin und zurück, das sei künftig ein Kinderspiel.

Thomas Gutschker Folgen:

So, so.

In Wahrheit war schon die Überführung des Euro Hawk aus Amerika ein Albtraum gewesen. Zweimal brach die Satellitenverbindung zwischen Bodenstation und Drohne zusammen, jeweils für etwa zehn Minuten. Der Pilot saß vor einem schwarzen Bildschirm. Als er wieder Kontakt hatte, war der Koloss - 15 Tonnen schwer, 40 Meter Spannweite - vom Kurs abgewichen, er hatte sogar an Höhe verloren. Eine Gefahr für andere Flugzeuge bestand nicht, die Drohne flog auf fast 20000 Metern. Aber wenn sie weiter gesunken wäre, hätte sie selbst nicht ausweichen können. Der Euro Hawk sieht nämlich ohne Bodenstation nichts. Ein Falke im Blindflug. Die Bundeswehr behielt den Zwischenfall für sich.

Amerikanischer Bericht bestätigt Probleme

Sie verschwieg noch ein weiteres Detail. Die amerikanischen Behörden hatten dem Euro Hawk den Überflug verweigert. Die Drohne musste einen Umweg nehmen: die Pazifikküste hoch, über Kanada bis Neufundland, dann über den Atlantik nach Europa. Die Amerikaner wussten, womit sie es zu tun hatten. Zwei Monate zuvor hatte das Pentagon einen Bericht über die Einsatztauglichkeit der Drohne Global Hawk, Baureihe 30, vorgelegt. Der Euro Hawk war damit eng verwandt. Das Urteil fiel vernichtend aus: Die Drohne sei „nicht für den Einsatz geeignet“. Die Prüfer monierten „häufige Ausfälle flugentscheidender Komponenten“, „geringe Verlässlichkeit beim Start“ und „hohe Flugabbruchraten“. Die Fachleute der Luftwaffe kannten den Bericht, er kann bis heute im Internet heruntergeladen werden. Sie mussten schon froh sein, dass der Euro Hawk überhaupt heil in Bayern angekommen war. Die Amerikaner hatten immerhin vier gleichartige Drohnen im Einsatz verloren.

Die Verteidigungspolitiker im Bundestag bekamen von alldem nichts mit. Sie hatten den Euro Hawk gewollt und dafür 660 Millionen Euro freigegeben - eine amerikanische Drohne mit deutscher Aufklärungstechnik. Industrie und Luftwaffe lieferten schöne Bilder und tolle Erfolgsmeldungen. Erst Anfang dieses Jahres wurde es einem Beteiligten zu bunt. Er wandte sich an den Kieler Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Bartels (SPD); der Euro Hawk sollte im schleswig-holsteinischen Jagel stationiert werden. Sollte - denn Bartels erfuhr, dass die Drohne gar keine Serienzulassung für den Luftverkehr bek0mmen würde. Eine halbe Milliarde Euro zusätzlich wäre notwendig, um ihre Flugtauglichkeit nachzuweisen. Bartels fragte beim Verteidigungsministerium nach und brachte den Stein ins Rollen. In dieser Woche stoppte Minister de Maizière (CDU) die vorgesehene Beschaffung von vier Euro Hawks. Aus, vorbei.

Peinliche Wahrheit

Staatssekretär Beemelmans teilte dem Verteidigungsausschuss mit, das liege an der „unzureichenden Dokumentation im Hinblick auf deutsche Zulassungsanforderungen“. Es fehlten Qualifikationsnachweise für die Drohne und 120 weitere Komponenten. Sollte heißen: Die Amis sind schuld, sie rücken die Papiere nicht raus. Aber das gibt es bei jedem Rüstungsprojekt, ein Teil der Technologie wird in einer „black box“ geliefert - Inhalt geheim. „Die Erkenntnis, dass eine reguläre Musterzulassung für die Euro-Hawk-Serienflugzeuge nur mit erheblichem Mehraufwand zu erreichen sei, besteht seit Ende 2011“, gab das Verteidigungsministerium weiter zu. Doch warum erfuhren die Abgeordneten erst jetzt davon?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Pakete per Miniflugzeug Amazon fordert eigenen Luftraum für Lieferdrohnen

Unfälle mit Drohnen werden häufiger. Ein Amazon-Manager schlägt nun vor, den Luftraum genauer aufzuteilen. Mehr

29.07.2015, 10:09 Uhr | Wirtschaft
Bundeswehr Tornado-Piloten lernen das Fliegen von Drohnen

Erstmals lernen Soldaten in Deutschland das Fliegen unbemannter Militär-Drohnen. Die Theorie findet vor einem Simulator im schleswig-holsteinischen Kropp statt, die Praxis in Israel. Mehr

04.03.2015, 14:09 Uhr | Politik
Kampf gegen den IS Amerikaner hoffen auf kriegsentscheidende Wende

Amerika und die Türkei nähern sich an im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. Die Nutzung türkischer Stützpunkte ist für Washington dabei von großer Bedeutung - vor allem für den Einsatz bewaffneter Drohnen. Mehr Von Andreas Ross, Washington

24.07.2015, 20:24 Uhr | Politik
Drohne an Bord Atlas-V-Rakete startet von Cape Canaveral

Eine unbemannte Atlas-V-Rakete ist am Mittwoch erfolgreich von der Cape Canaveral Air Force Station in Florida abgehoben. Mit der Rakete wurde eine X-37B Drohne in den Orbit transportiert. Mehr

21.05.2015, 09:58 Uhr | Politik
Aquila Facebook präsentiert Internet-Drohne

Geht es nach Facebook, soll jeder Mensch überall erreichbar sein. Seine Lösung für entlegene Gebiete hat Facebook nun vorgestellt: eine Riesendrohne. Mehr

31.07.2015, 08:09 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 19.05.2013, 12:38 Uhr

Schutz in Deutschland

Von Nikolas Busse

Ein Teil der Bevölkerung beginnt sich unter dem Eindruck der Migrationsströme zu radikalisieren. Der Staat muss reagieren - und die Flüchtlinge verlässlich schützen, die es bis nach Deutschland schaffen. Mehr 3

Wohnen in Wien-Meidling Grätzl mit Schäbig-Schick

Der echte Wiener zieht nicht ins Arbeiterquartier. Doch immer mehr Zugereiste schätzen seine Lage und den rauhen Charme. Wohnen in Wien-Meidling bedeutet Vielfalt zwischen hip und traditionell. Mehr Von Christian Geinitz, Wien 1 4