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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Dopingprozess Schumacher Holczers Welt

Der ehemalige Gerolsteiner-Teamchef will nichts von leistungssteigernden Substanzen gewusst haben. Er fühlt sich selbst getäuscht.

© dpa Vergrößern Zeuge der Anklage: Michael Holczer im Gerichtssal in Stuttgart

Stefan Schumacher lächelte ein bisschen süffisant, als er zu Hans-Michael Holczer blickte. Schumacher stand im Saal 6 des Landgerichts Stuttgart, Holczer wartete sitzend auf das Erscheinen des Vorsitzenden Richters. Es war bereits Nachmittag, als Schumacher und Holczer am Donnerstag in Stuttgart einander begegneten.

Rainer Seele Folgen:  

Schumacher hatte zuvor noch einmal bekräftigt, dass Holczer als Teamchef über Dopingpraktiken im Team Gerolsteiner Bescheid gewusst hatte. „Er hatte tiefe Einblicke“, sagte der Radprofi aus Nürtingen, „er hat Dopingverstöße toleriert.“ Der Zeuge Holczer wies solche Anschuldigungen aber am zweiten Verhandlungstag im Betrugsprozess gegen Schumacher zurück.

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Er beschrieb die Entwicklung der Mannschaft, die im Jahr 2008 aufgelöst wurde, und sagte über die einstige Vorgabe: „Hier musste etwas aufgebaut werden, was in keiner Weise Doping akzeptiert.“ Er sei in dieser Richtung hochsensibel gewesen, sagte Holczer, „ich war absolut kompromisslos.“ Zudem kenne er sich mit Arzneimitteln doch kaum aus: „Ich habe von medizinischen Dingen nur am Rande Kenntnis.“ Von dem Blutdopingmittel Cera, das Schumacher im Herbst 2008 zu Fall gebracht hatte, will Holczer erstmals im Juli 2008 während der Tour gehört haben.

Von Medizinern hintergangen?

Holczer versuchte, wortreich zu dokumentieren, dass er nichts mit Manipulationen zu tun gehabt habe, im Gegenteil. „Sie sehen es nicht“, sagte er über Doping, „und sie sehen es niemandem an.“ Er sei sogar eine Art Galionsfigur im Radsport gewesen, sagte Holczer. Er begründete dies damit, dass er etwa Gefälligkeits-Atteste in Sachen Cortison in seinem Team ausgerottet habe.

Schumacher-Prozess © dpa Vergrößern Entspannter Zuhörer: Stefan Schumacher lächelt auch Holczer süffisant zu

Gegen etliche Vorwürfe von Schumacher, der unlängst eine Dopingbeichte abgelegt hatte, ging Holczer angriffslustig vor. So bezeichnete er es als „vollkommen gelogen“, dass er den Nürtinger just nach seinem Sieg beim Amstel Gold Race 2007 auf mögliches Doping angesprochen habe. Er habe überdies nie auch nur ansatzweise den Eindruck gehabt, dass Schumacher ihm etwas habe gestehen wollen. Holczer behauptete auch, dass er von Medizinern in seiner Equipe, die mit Fahrern kooperierten, hintergangen worden sei. In Mark Schmidt etwa, sagte der angebliche Saubermann aus Herrenberg, habe er sich „extrem getäuscht“.

Der Schwabe nannte am Donnerstag als Beispiel für sein rigides Vorgehen bei Doping auch den Fall Danilo Hondo. Der Rennfahrer sei nach einer positiven Probe umgehend suspendiert worden, sagte Holczer. Und er behauptete, dass dies damals „relativ ungewöhnlich“ gewesen sei im Radsport. Holczer schilderte zudem seine vermeintliche Ohnmacht gegenüber mutmaßlichen Dopingsündern, zum Beispiel in der Causa Levi Leipheimer. Der Amerikaner war 2006 bei der Tour de France durch auffällige Blutwerte ins Gerede gekommen; ein Teamarzt riet Holczer angeblich, Leipheimer „verschwinden“ zu lassen. Weil der Amerikaner aber mit einer Klage gedroht hatte und Holczer keine handfesten Beweise für ein Vergehen gehabt haben will, blieb Leipheimer im Rennen. „Geglaubt habe ich ihm nicht mehr“, sagte Holczer.

Zwist zwischen Holczer und Schumacher

Der ehemalige Realschullehrer skizzierte am Donnerstag ebenfalls das wechselvolle Verhältnis zu Schumacher, seinem heutigen Gegner. Holczer hatte den Nürtinger unter Vertrag genommen, weil er ein „großes Potential“ in ihm sah. „Er fügte sich vernünftig in das Team ein.“ Später aber sei es zum „inneren Bruch“ gekommen habe, weil Schumacher zu einer „sehr fordernden Person“ geworden sei. Etwa, was die Unterstützung durch das Team anbelangte.

Der Schwabe Holczer ging auf Distanz zu dem Profi, auch wegen einer Auseinandersetzung über eine vom Internationalen Radsportverband entworfene Ehrenerklärung. Dabei sollten die Profis unterschreiben, nicht zu dopen. Schumacher sträubte sich dagegen. Der Zwist zwischen Holczer und Schumacher weitete sich aus; der Rennfahrer, auch bei der Weltmeisterschaft 2007 in Stuttgart ins Visier der Dopingfahnder geraten, sollte schließlich sogar aus dem Rennstall aus der Eifel verbannt werden: „Wir müssen den los werden, der ist außer Rand und Band.“ Holczer beließ es dann aber bei einer Geldstrafe von 40.000 Euro.

Schumacher schüttelte am Donnerstag bei manchen Äußerungen von Holczer den Kopf. Es war ein Tag, an dem zwei Auffassungen aufeinanderprallten. Welche weiteren Zeugen das Geschehen in diesem Verfahren erhellen können, ist ungewiss. Der ehemalige Teamarzt Schmidt will jedenfalls nicht in Stuttgart erscheinen. Der Österreicher Bernhard Kohl, wie Schumacher als Doper überführt, möchte sich allenfalls in seiner Heimat vernehmen lassen. Holczer wird auf jeden Fall ein zweites Mal in Stuttgart antreten müssen - am kommenden Dienstag.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 18.04.2013, 18:02 Uhr

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