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Die Welt ist eine Platte

04.03.2011 ·  Mitten in Manhattan macht ein Club Furore, der seinen prominenten Gästen nur eine einzige Beschäftigung bietet: Tischtennis. Der oft als bieder verschrieene Sport entwickelt sich zum Hobby der Stars.

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Von Martin Wittmann

Es ist beinahe wie zu Hause: Zum Spielen geht man in den Hobbykeller. Auf dem Weg nach unten, im Treppenhaus des "Spin", werden die Gäste von lebensgroßen Bildern eines vollbärtigen Rentners mit Leopardenhose, Sonnenbrille, Strohhut und Schläger begrüßt, unten angekommen, hüpfen ihnen schon die Bälle entgegen. Deren "Boing-boing" mischt sich unter Hiphop. Im Saal stehen eine Bar und fünfzehn gut ausgeleuchtete Platten. Die einen Kellner servieren Bier und Sandwiches, die anderen jagen mit Keschern den verlustig gegangenen Bällen hinterher. An der Hauptplatte, der einzigen, die von Sitzbänken umgeben ist, stehen zwei Spieler in Straßenkleidung. Am Rand sitzt Susan Sarandon. Die Filmschauspielerin ist Mitbesitzerin des Clubs, in dem die derzeit angesagteste Sau durch Manhattan getrieben wird: Tischtennis.

Das "Spin" an der Ecke 23. Straße und Park Avenue wurde vor anderthalb Jahren von einer Gruppe junger Geschäftsleute um Jonathan Bricklin eröffnet. Der Filmproduzent ist womöglich Sarandons neuer Freund, sicherlich aber mit Anfang dreißig halb so alt wie sie. Getroffen hatten sich die beiden bei einer von Bricklins berüchtigten Pingpong-Partys in einem New Yorker Loft, zu denen auch Salman Rushdie, 50 Cent und die Beastie Boys gekommen waren. Davor war Sarandon nicht unbedingt als leidenschaftliche Spielerin bekannt, aber mit Tischtennis sei es eben wie mit Tätowierungen, sagte sie in einem Fernsehinterview: Kaum zeige einer sein geheimes Tattoo her, zögen alle blank und präsentierten die ihren. So hätten sich etwa ihre Kollegen George Clooney oder Edward Norton als Pingpong-Fans geoutet (Norton, so heißt es, lässt seinen Trainer sogar zu Dreharbeiten einfliegen).

Es mag auf den ersten Blick verwunderlich, fast schon verzweifelt erscheinen, wie Hipster einen vemeintlich biederen Allerweltssport wie Tischtennis, der zudem als Profi-Disziplin wahrlich keine Hochzeit erlebt, vom täglichen Zeitvertreib zum nächtlichen Zeitgeist befördern. Tatsächlich muss man sich die Begeisterung von einem unscheinbaren Zuschauer im "Spin" - Ende fünfzig, schütteres Haar, Schnauzbart - erklären lassen, schließlich ist er der Begeistertste: Will Shortz. Shortz ist Chef der Kreuzworträtsel-Sektion der "New York Times", hatte deswegen bereits einen Gastauftritt bei den "Simpsons" und schrieb die Rätsel, mit denen der Riddler im Film "Batman Forever" den Fledermausmann ärgerte - wenn sich einer mit seltsamen Obsessionen auskennt, dann Shortz.

"Tischtennis ist kein kurzlebiges Vergnügen wie der Macarena-Tanz oder Rubiks Zauberwürfel, sondern ein schnelles, kostengünstiges Spiel, währenddessen man sich mit seinem Gegenüber unterhalten kann. Und es ist ein Spiel für Denker", sagt er. Ein auf Gehirnleistungen spezialisierter Wissenschaftler sei wegen der Kreuzworträtsel einmal bei ihm zu Hause gewesen. Shortz behauptete bei dem Treffen, sein Job aktiviere doch wohl jeden erdenklichen Abschnitt des Gehirns. Der Forscher widersprach: Sein geistiges Potential werde dadurch nur zum Teil ausgereizt. Und der Rest? Tischtennis, sagte ihm der Experte.

Shortz hat den Sport erst vor zehn Jahren für sich wiederentdeckt. Er spielt fünfmal in der Woche, doch wenn er demnächst einen eigenen Club in seiner Nachbarschaft im Norden von New York City eröffnet, wird er wohl täglich dort aktiv. Sein persönlicher Langzeitrekord liegt bei siebzig aufeinanderfolgenden Spieltagen. Er hat seinen eigenen Trainer, einen dreimaligen karibischen Meister. Er hat in hundertsiebzehn Clubs in zweiunddreißig Staaten Amerikas und in dreißig Club in siebzehn Ländern außerhalb seiner Heimat gespielt. Ob dieser Bilanz hat Shortz einen Beitrag für das Standardwerk der Spielverrückten, "Everything You Know Is Pong - How Mighty Table Tennis Shapes Our World" von Roger Bennett und Eli Horowitz schreiben dürfen.

Nicht nur findet sich in dem Buch Poesie von Jonathan Safran Foer - "Ping pong ist to masturbation as masturbation ist to sex. Ping pong is sex without someone else and without yourself" -, sondern auch eine beeindruckende Lektion in Geschichte. So spannt das Werk den historischen Bogen von der Erfindung des Sports durch britische Kolonialisten im Indien des neunzehnten Jahrhunderts über den jüdischen Topspieler Aloizy Ehrlich, der einmal während eines zwei Stunden und zwölf Minuten dauernden Ballwechsels vor Erschöpfung die Spielhand wechseln musste und den später ein tischtennisbegeisterter Wärter vor dem Gastod in Dachau gerettet hat, bis zu einem Brief, in dem ein weitsichtiger Senator namens Barack Obama im Jahr 2004 den Teilnehmern eines Turniers in Chicago die Bedeutung dieser Disziplin vermittelte: "Tischtennis ist der beliebteste Sport bei den Fernsehzuschauern Chinas, einer der wenigen wachsenden Finanz- und Wirtschaftsmärkte der Welt."

"Let's plaaaaaay Pingpong", schallt es durch das "Spin". Ein Zeremonienmeister kommentiert jeden Punkt an der Hauptplatte. Auf der einen Seite steht ein virtuoser Hänfling mit asiatischen Zügen, der später unter dem Jubel der Gäste strippen wird. Auf der anderen Seite steht ein Schwarzer in Schlabberhose und mit blondierten Haaren, der, wenn er nicht gerade als Rapper auftritt, für die amerikanische Nationalmannschaft spielt. Die Partie ist eng, und die Spieler lassen keinen Zweifel daran, dass es dieses Spiel trotz des lockeren Ambientes, trotz des coolen Images, trotz der spaßigen Attitüde zu gewinnen gilt. In die Coolness, die in der Luft liegt, mischen sich Spannung und Schweißgeruch.

In das "Spin" kommen Ex-Profis, die bei Turnieren nicht mehr mithalten können und hier ein enthusiastisches Publikum finden, frühere Hobbyspieler, die sich mit dem Schläger in der Hand an die Spielfreude ihrer Kindheitstage erinnern (ihr hingebungsvoller Gesichtsausdruck erinnert an den der Väter, die an Weihnachten die Modelleisenbahn des Sohnes für sich reklamieren), Feierwillige, denen egal ist, ob sie zum Bier eine Runde Billard spielen oder Tischtennis, und schließlich Neugierige, die schlicht dem Hype folgen.

Mit der öffentlichkeitswirksamen Beteiligung Susan Sarandons an dem Club und dem subkulturellen Über-Image von Tischtennis ist das "Spin" aber auch zu einer Anlaufstelle für Prominente geworden. So unterschiedliche Stars wie der Rocksänger Axl Rose und die Filmschauspielerin Scarlett Johansson trafen sich hier an der Platte zum Duell. Der Hollywood-Komiker Mike Myers spielte einmal gegen den rappenden Nationalspieler, der dadurch Chancengleichheit herstellte, indem er die Bälle mit seinem Handy über das Netz schlug.

Wem zur Erklärung des Hypes weder der obsessive Will Shortz noch die anwesende Prominenz reicht, dem hilft vielleicht die illustre Erscheinung von Marty Reisman. Er ist der im Treppenhaus porträtierte vollbärtige Rentner mit Sonnenbrille und Strohhut, der ergraute "Prince Of The Paddle". Als Kind spielte er gegen Erwachsene und zockte all jene ab, die gegen ihn wetteten. Später ging er mit den Harlem Globetrotters auf Tournee, um das Publikum in der Halbzeit der Basketball-Show mit seinen Tischtennistricks zu unterhalten. 1997 schließlich wurde er mit 67 Jahren amerikanischer Meister aller Altersklassen (wenn auch in einer Unterform des Tischtennis, bei der mit sehr einfachen Schlägern gespielt wird). An diesem Abend hält sich die Lichtgestalt mit dem Spielen vornehm zurück und flirtet stattdessen mit zwei jungen Damen. Erfolgreich, obwohl er seine Leopardenhose gar nicht trägt. Reisman mag mit seinen 81 Jahren nicht mehr der beste Spieler im Raum sein, aber er ist immer noch der beste player.

Reisman, Rose, Johansson, Shortz, Foer, Myers, dazu der Stripper und der rappende Nationalspieler - sie haben miteinander nichts gemein außer ihrem Faible für Tischtennis. Genauso sehen es die Autoren von "Everything You Know Is Pong": Das Spiel erschaffe "eine globale Gemeinschaft, bestehend aus Tausenden kleinen Dörfern, jedes eine kleine Welt für sich - ein Aufenthaltsraum in New Jersey, Stadien in Peking, zwergenhafte Kinderchampions, bejahrte Enthusiasten, Hollywood-Hipsters, kesse Porno-Stars". Tischtennis als der wahre Völkerball, mit dem "Spin" als Herrschaftssitz. Für die, die immer noch skeptisch sind, mag das nach Größenwahn klingen. Für andere aber klingt es schlicht nach "Boing-boing".

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