01.06.2003 · Führt der Weg ins Paradies durch das Genlabor? Margaret Atwoods neuer Roman verwischt die Grenzen zwischen Forschung und Fiktion
Die Wesen, die in der Wildnis leben, sind vollkommen friedlich. Sie kennen keine Gewalt, ernähren sich vegetarisch, sind unfähig zu Eifersucht und Lüge, dafür aber voller Ehrfurcht gegenüber Pflanzen und Tieren - so haben sich Generationen von Entdeckungsreisenden jene edlen Wilden erträumt, die sie in weiter Ferne des zivilisationsmüden Europa zu finden hofften.
Kein Volk aber entsprach dieser Projektion jemals so genau wie die Craker. Das ist kein Wunder: Sie verdanken ihre Existenz einem allzu talentierten Genetiker. Er hat sie geschaffen, in einer künstlichen Urwaldsphäre erzogen und von Geburt an mit allem ausgestattet, was ihm nützlich erschien, um in einer von Umweltzerstörung und Klimaveränderung gezeichneten Welt zu überleben. Dazu gehört etwa, daß die Craker gegen UV-Strahlen resistent sind. Aber sie tragen auch die Launen ihres Schöpfers im Gesicht geschrieben: Der nämlich mochte grüne Augen, aber keine Bärte, und so haben die Craker alle die gleiche Augenfarbe und brauchen sich nicht zu rasieren.
"Oryx und Crake", der jetzt erschienene neue Roman der kanadischen Erfolgsautorin Margaret Atwood, schildert in einem raffinierten Gewebe aus Science und Fiction nichts Geringeres als den Untergang der Menschheit - der Genetiker Crake beläßt es nicht bei der Erschaffung des neuen Menschengeschlechts, sondern entwickelt gleichzeitig ein extrem ansteckendes Virus, das am Ende bis auf die Craker und einen Schulfreund ihres Schöpfers alle dahinrafft.
Es ist ein düsteres Bild, das die Autorin zeichnet, und es hellt sich auch nicht durch die Verweise auf die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Zukunftsvision auf. Denn Atwood betont in einem Kommentar zu ihrem Roman, sie habe "nichts erfunden, was wir nicht bereits erfunden haben oder dabei sind, es zu erfinden". Sie schildert eine zweigeteilte Gesellschaft, deren weitaus größerer Teil in einer zunehmend verseuchten Umwelt mehr schlecht als recht lebt, während sich eine kleine privilegierte Schicht in streng abgeschirmten Luxusarealen mit Genforschung und deren kommerzieller Nutzung beschäftigt. Obwohl es von seltsamen Mischwesen wie aggressiven Hunölfen, schmackhaften, aber kopflosen Chickie Nobs oder anderen Bioformen nur so wimmelt, sind die Naturgesetze keineswegs außer Kraft gesetzt. Der Roman dekliniert die These durch, daß die Biologen mit dem Griff ins evolutionäre Erbe zu einer Anthropotechnik finden werden, mit der nicht länger das natürlich vorgegebene, sondern das naturgesetzlich Mögliche Wirklichkeit wird. Bei Atwood ist das Proteom längst entschlüsselt, die Karte der Gesamtheit aller Eiweiße im menschlichen Körper. Genspaltungen sind Alltag, das Zerschneiden und Neukombinieren von Genen verschiedener Spezies wird schon von Studenten beherrscht. Artenbarrieren können eingerissen und genetische Baupläne selbst zwischen entfernten Lebewesen nach Belieben ausgetauscht werden.
Die Referenzen in die reale Welt der Forschung sind allgegenwärtig. Zwar scheint die Annahme heute völlig überzogen, man könne komplexe Eigenschaften wie die Fähigkeit zum Wiederkäuen auf der genetischen Ebene verstehen, geschweige denn - wie im Roman beschrieben - von Kühen auf die Craker verpflanzen. Aber immerhin: Die Vorläufer jener Organschweine, die bei Atwood als humanisierte Organspender dienen, stehen schon heute in den Ställen.
Der Albtraum der liberalen Eugenik, die Jürgen Habermas in der Embryonendebatte als Utopie eingesetzt hatte, wird bei Atwood konsequent durchgespielt. Im genetischen Supermarkt der Körperkomplexe gibt es alles, was das Herz begehrt, Irrtümer samt deren Reparatur inbegriffen: "Versuchen Sie's mit SnipNFix: Erbkrankheiten hier entfernen lassen! Warum so klein? Werden Sie ein Goliath!"
Eine absurde Vorstellung? Zwar kann derzeit niemand dank Gentechnik groß wie Goliath werden, aber gentechnisch hergestellte Wachstumshormone lassen schon heute kleinwüchsige Kinder höher schießen. Dank Gentechnik Erbkrankheiten zu korrigieren - davon träumen viele Mediziner und Patienten. Sogenannte Eingriffe in die Keimbahn des Menschen sind zwar derzeit tabu und technisch nicht möglich. Ein Blick auf Labormäuse lehrt aber, daß die Technik, angewandt bei Tieren, rasante Fortschritte macht. Der gezielte und ortgenaue Austausch von Genen ist im Mauslabor heute Alltag. Sogar künstliche Chromosomen als Träger gewünschter Gene in menschlichen Zellen werden entwickelt, um Erbanlagen auszutauschen. Vermutlich dürften sich bei der Maus schon bald gentechnisch veränderte Eizellen und Spermien nach Belieben züchten lassen - aus embryonalen Stammzellen.
Die technische Realisierbarkeit einer Keimbahntherapie beim Menschen halten selbst seriöse Wissenschaftler wie Mario Capecchi von der Universität Utah in Salt Lake City keinesfalls für ausgeschlossen: "Aber wir sprechen bei der Realisierbarkeit am Menschen nicht über Jahre, sondern über Jahrzehnte." Der Schritt von der Korrektur genau definierter Abweichungen im Erbgut hin zur gezielten Veränderung oder gar zum Umbau komplexer biologischer Funktionen markiert derzeit die Grenzlinie zwischen seriöser wissenschaftlicher Prognose und Science-fiction. Was aber, wenn künftig neue Entdeckungen etwa die Funktionsweise des Gehirns molekular so aufklären wie früher den genetischen Code? "Wenn wir nicht Gott spielen, wer soll es dann tun?" provozierte James Watson jüngst in einem Interview. Der Nobelpreisträger, der vor fünfzig Jahren zusammen mit Francis Crick die Struktur der DNS enträtselte, hält den Wunsch des Menschen nach permanenter Selbstverbesserung für angeboren: "Lahme lernen nicht durch Handauflegen wieder gehen, sondern durch Fortschritte in Wissenschaft, Technik und Medizin." Atwood führt diesen Gedanken konsequent zu Ende und postuliert dazu noch den Triumph des Ökonomischen über die Medizin - alles ist käuflich in der Welt von "Oryx und Crake", und genau dies wird ihr zum Verhängnis.
Denn dies ist die Pointe von Atwoods Wissenschaftsvision: Wenn alles möglich ist, wird auch alles ausprobiert, wenn sich nur genügend Forscher finden, die die Ressourcen ihrer Labors für ein bestimmtes Ziel einsetzen. Je größer dabei der Aufwand ist, desto übermächtiger muß - so kann man rückschließen - der ursprüngliche Wunsch gewesen sein, dessen Erfüllung so viele visionäre Köpfe beschäftigt hat. Der größte Traum von allen aber, so erscheint es hier, ist der sentimentale von einer reinen, unschuldigen Menschheit, die gar nicht auf den Gedanken käme, durchs Mikroskop zu schauen und den Laborkittel anzuziehen. Wie in Kleists "Marionettentheater" träumt auch Crake vom Wiedereinzug ins Paradies durch die Hintertür. Dafür opfert er buchstäblich alles, neben dem Leben unzähliger anderer auch das eigene, und erweist sich damit als negative Christusgestalt - nicht zufällig trägt sein Forschungsprojekt den Namen "Paradise", und die Craker erblicken pikanterweise im Watson-Crick-Institut das Licht der Welt.
Die Vorstellung, mit der Menschheit noch einmal ganz von vorn anzufangen, beschäftigt die Literaten, seit es die Literatur gibt, und schon die Autoren des Alten Testaments hatten so viel Freude an diesem Thema, daß sie die Erschaffung des Menschen kurzerhand zweimal schilderten. Die Reihe derer, die auf naturmagischem, mechanischem, elektromedizinischem oder eben genetischem Weg ihren Artgenossen ein verbessertes Modell gegenüberstellten, ist lang, und das Bestreben der jeweiligen Schöpfer, in Konkurrenz zu Gott zu treten, ist augenfällig - oft genug werden sie dafür grausam bestraft. Atwood setzt mit der Figur Crake einen neuen Akzent, denn seine Bereitschaft, in dem Moment von der Bühne abzutreten, in dem die neuen Geschöpfe in die Freiheit entlassen werden, ist ungewöhnlich, aber nur konsequent - er weiß, daß ihr Gott den Crakern nicht physisch begegnen darf, um ihnen keinen alternativen Lebensentwurf vor Augen zu stellen, damit sie nicht vom Pfad der programmierten Unschuld abweichen.
Hier allerdings entfernt sich Atwood weit vom Boden gesicherter Forschung, und während sie sonst die Grenze zwischen Erkenntnis und Spekulation umtriebig verwischt, ist hier der Abstand augenfällig. Da kommt es zu unfreiwillig komischen Szenen, wenn etwa die männlichen Craker mit blauen Penissen winken, um ihre nur einmal in drei Jahren brünstigen Weibchen zu umgarnen. Sex sei endlich "keine Wolke turbulenter Hormone" mehr, schwärmt Crake. Spätestens hier, bei der Modulation komplexer Verhaltensweisen, wird es biologistisch und zugleich völlig unrealistisch, etwa wenn Crake erzählt, er habe das alte Primatenhirn so verändert, um "destruktive Merkmale" zu entfernen, die für die "Übel der Welt verantwortlich sind". Da taucht er wieder auf, der offenbar unausrottbare Glaube, daß es Gene für das Gute und Böse gebe, daß man die Übel der Menschheit an der genetischen Wurzel packen könne. Weil aber Atwood am Ende andeutet, daß sich Crake verrechnet haben könnte, steuert ihr Wissenschaftsroman auf die Einsicht zu, daß der Alte Adam auch die erstaunlichsten Manipulationen überleben kann.
Margaret Atwood: "Oryx und Crake". Berlin Verlag, 24,- Euro.
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