08.01.2009 · Der russisch-ukrainische Gaskonflikt dürfte den Wunsch der Deutschen nach Energie aus regenerativen Quellen noch einmal verstärkt haben. Mehr Energie aus Wind und Sonne macht uns tatsächlich aber noch abhängiger von Gaseinfuhren - und Moskau.
Von Stefan DietrichDrei Viertel der Deutschen würden ihren Strombedarf am liebsten vollständig aus Wind-, Wasser-, Sonnen- und Biomassekraftwerken beziehen. Mit diesem umwerfenden Meinungsbild, ermittelt vom Forsa-Institut, trumpfte die Agentur für Erneuerbare Energien im Dezember auf. Der Gaskrieg zwischen Russland und der Ukraine dürfte diesen Wunsch zur Jahreswende noch einmal verstärkt haben.
Sicher möchten jetzt auch noch mehr Besitzer von Gasheizungen ihren Wärmebedarf lieber mit sogenannten alternativen Energien decken. Die meisten werden davon aber zurückschrecken, wenn sie sich ausrechnen lassen, wie teuer etwa die Umstellung auf eine Solaranlage im Vergleich zum Einbau eines modernen Brennwertkessels kommt und wie lange es dauert, bis sich die Mehrkosten amortisiert haben.
Mag die Sympathie für saubere Energie noch so stark sein – der normale Verbraucher hört bei solchen Entscheidungen nicht nur auf sein ökologisches Gewissen, sondern achtet genauso auf Wirtschaftlichkeit und Verlässlichkeit des Systems, dem er sich in seiner häuslichen Umgebung anvertraut.
Wenig durchdachter Ausbau erneuerbarer Energien
Deutschland hätte heute weniger Energiesorgen, wenn die Bundesregierung es genauso hielte und jedem Winkel des Dreiecks, in dem sich alle Energiepolitik bewegt – Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit – gleich viel Aufmerksamkeit schenkte.
Doch seit die Klimadebatte die Prioritäten verschoben hat, ist aus dem gleichschenkligen ein schiefes Dreieck geworden – mit in sich widersprüchlichen Zielen. Zum Beispiel die Vorgaben für das Jahr 2020: Im kommenden Jahrzehnt sollen Deutschlands Kohlendioxidemissionen um 15 Prozent sinken, der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion von 15 auf 25 Prozent klettern und die Energieeffizienz der deutschen Wirtschaft sogar um dreißig Prozent gesteigert werden.
Was auf den ersten Blick nach einem schlüssigen Konzept aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als wenig durchdacht. Der politisch forcierte Ausbau der erneuerbaren Energien verhindert nämlich einen effizienten Einsatz der Mittel für die CO2-Vermeidung.
Im Emissionshandel kostet die Tonne Kohlendioxid derzeit zwischen 15 und 25 Euro. Soll die gleiche Menge durch den Bau von Windrädern eingespart werden, kostet sie hundert bis 150 Euro; bei der Photovoltaik sogar zwischen 600 und 1200 Euro. Allein die bis 2007 installierten Solarmodule werden die Verbraucher in den nächsten zwanzig Jahren mit 23 Milliarden Euro subventionieren. Sie decken aber nicht einmal ein Prozent des nationalen Strombedarfs. Ein Vielfaches an Energieersparnis wäre mit dem gleichen Geld zu erzielen, wenn es in die Modernisierung des Kraftwerksparks und in die energetische Gebäudesanierung investiert würde.
Steigende Abhängigkeit von Gasimporten
Das hält die Bundesregierung nicht davon ab, nun auch noch den technisch, wirtschaftlich und ökologisch riskanten Bau von Windplantagen in Nord- und Ostsee voranzutreiben. Die geplanten dreißig Offshore-Windparks könnten so viel Strom liefern wie zehn Atomkraftwerke, schwärmt Kabinettsmitglied Tiefensee (SPD).
Die Folgen eines plötzlichen Ausfalls von zehn „Kernkraftwerken“ bei Sturm oder Windstille möchte man sich lieber nicht ausmalen, erst recht nicht die einer Tankerhavarie in der Nähe solcher geflügelter Hindernisse im Meer. Erstaunlich ist, wie gelassen es die berufsmäßigen Umweltschützer hinnehmen, dass der massenhafte Bau und Betrieb von Industrieanlagen weit vor der Küste auch Lebensräume von Fischen und Vögeln vernichtet.
Gewiss tut Deutschland gut daran, Pionierarbeit bei der Suche nach neuen Kraftquellen für das 21. Jahrhundert zu leisten. Angesichts einer offenbar unüberwindlichen Abneigung großer Teile der Bevölkerung gegen die Atomkraft ist es auch politisch geboten, andere Techniken zu entwickeln, welche die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringern helfen.
Für die Nachfrage aus wärmeren und weniger dicht besiedelten Ländern ist die deutsche Wind- und Solarindustrie damit gut gerüstet. Nur die heimische Energieversorgung wird sie so bald nicht befriedigen können. Dazu fehlen ihren Anlagen die Kapazität und vor allem die Verlässlichkeit. Für die Deckung der Grundlast bleiben wir auf Kohle angewiesen, wenn es die CO2-arme Atomkraft nicht sein darf.
Der Irrtum, auf dem seine Beliebtheit beruht, ist nämlich, dass Strom aus regenerativen Quellen auch in einem hochindustrialisierten Land eine stetige Versorgung sichern könne. Doch Windräder stehen hierzulande – statistisch gesehen – an 300 Tagen im Jahr still.
Bis auf weiteres müssen ihre enormen Leistungsschwankungen von konventionellen Kraftwerken aufgefangen werden. Am besten harmonieren sie mit Gaskraftwerken, die sich nach Bedarf hoch- und herunterfahren lassen. Die Kehrseite des steigenden Anteils erneuerbarer Energien an der Stromproduktion ist also eine steigende, nicht eine sinkende Abhängigkeit von Gasimporten. Diese Tatsache sollten sich die Deutschen nicht durch Wunschdenken vernebeln lassen. Vielmehr liefert der russisch-ukrainische Gaskrieg allen Grund zur Beunruhigung.
Mehr Energie aus Wind und Sonne bedeutet
steigende, nicht sinkende Abhängigkeit von
Gaseinfuhren.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |