http://www.faz.net/-gpc-6s6n9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 21.11.2009, 19:39 Uhr

Der wahre Wert des Schenkens Warum uns Präsente oft weniger wert sind, als sie kosten

Bald geht der Weihnachtswahnsinn wieder los: Was sollen wir schenken? Oft verpulvern wir sinnlos Geld für Dinge, die kein Mensch braucht. Es geht auch anders. Von Nadine Oberhuber

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht: An keinem Tag des Jahres ist dieser Satz so tückisch wie am Heiligen Abend. Was wir da unter den Weihnachtsbaum legen und Freunden und Verwandten in die Hand drücken, entscheidet darüber, ob es wirklich eine Stille Nacht wird oder eine lautere. Dann wissen wir, ob sich unser Einsatz beim Geschenkekauf auszahlt, ob er soziale Rendite abwirft - in Form eines Lächelns auf dem Gesicht des Beschenkten. Oder zumindest hoffen wir es.

Denn vor allzu viel Optimismus warnen uns Ökonomen längst: In den Wochen vor Weihnachten geraten die Fußgängerzonen weltweit zwar an ihre Kapazitätsgrenzen, Geschäfte erleben den absoluten Kunden-Overkill, und die Umsätze erreichen schwindelnde Höhen - allein 73 Milliarden Euro werden die Deutschen dieses Jahr in den Läden lassen, 230 Euro will jeder von uns für Weihnachtsgeschenke ausgeben - aber all das bringt herzlich wenig. Noch schlimmer: Das große Kaufen zu Weihnachten ist sogar eine gigantische Geldverschwendungsmaschinerie. Weltweit werden Milliardenwerte vernichtet. Wie kann das sein?

Ganz einfach: Wenn wir für uns selbst einkaufen, produziert jeder Euro, den wir ausgeben, auch Zufriedenheit im Gegenwert eines Euro, haben Psychologen und Ökonomen ermittelt. Beim Schenken aber ist das anders. Jeder Käufer hat ein Grundproblem: Er hat ein Informationsdefizit gegenüber dem Beschenkten. Er ahnt allenfalls, ob ein Pullover wohl das richtige Geschenk ist und welches die bevorzugte Farbe oder Form sein könnte. Aber er weiß es nicht. Manchmal ist Geschenkekaufen sogar so, als würden wir im Dunkeln auf eine Zielschiebe schießen, so nennt es der amerikanische Ökonom Joel Waldfogel. Und so ist es gar nicht so selten, dass ein Geschenk eben nicht für Zufriedenheit sorgt, sondern sogar für Enttäuschung.

"Wir alle bekommen Weihnachten Dinge geschenkt, die wir überhaupt nicht brauchen oder die wir erst als sinnvoll erkennen, nachdem wir uns bis zur letzten Seite der Gebrauchsanleitung durchgekämpft haben", sagt Waldfogel, "aber selbst dann würden wir nie so viel Geld dafür ausgeben, wie es der Schenkende getan hat." In einem Versuch hat der Ökonomieprofessor seine Studenten aufschreiben lassen, was sie zum Fest bekamen und was ihnen diese Geschenke wert waren - welchen Betrag sie also selber ausgegeben hätten, wenn sie dieses Produkt hätten kaufen müssen. Das Ergebnis: Im Schnitt waren den Beschenkten die Präsente nur 66 Prozent dessen wert, was die Schenkenden dafür tatsächlich ausgegeben hatten.

Schenken vernichtet also ein Drittel des Warenwerts, rund 25 Milliarden Euro allein hierzulande. Oft sogar noch mehr.

Dann nämlich, wenn man die Opportunitätskosten mit einrechnet: Angenommen, wir kriegen einen Pullover für 50 Euro geschenkt, der uns aber nicht gefällt und uns daher nichts oder maximal 25 Euro wert ist. Weiter angenommen, wir hätten uns stattdessen unseren Traumpullover kaufen können für 50 Euro - wir hätten aber notfalls auch 75 Euro für ihn bezahlt: Dann hat das Schenken mindestens 50 Euro an Wert vernichtet, schlimmstenfalls sogar 75.

Wie sehr ein Geschenk an Wert verliert, hängt aber auch davon ab, welchem Antrieb der Schenkende folgt, hat Waldfogel festgestellt. Er nennt das die Verteilungsproblematik: Demnach erzielen diejenigen beim Schenken die größte Rendite, die altruistisch, also selbstlos, schenken. Gefährlich wird es dagegen, wenn jemand aus paternalistischen Gründen schenkt, also dem Beschenkten signalisieren will, was gut für ihn ist.

Was folgt daraus? Viele Großeltern und auch Eltern, die bei größeren Summen das Geldgeschenk wählen, wissen es längst: Es bringt meist mehr, wenn man es den zu Beschenkenden selber überlässt, sich die passenden Dinge zu kaufen. Das haben auch Studien bewiesen. Niemand kann so gut unsere Bedürfnisse befriedigen wie wir selbst. All das heißt aber nicht, dass wir zu Geizhälsen oder Geldgebern werden sollen. Nur, dass wir uns trotz Trubels ein bisschen Zeit gönnen könnten, um übers Schenken nachzudenken.

Quelle: F.A.S.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Montblanc-Affäre Welche Rolle spielt der Lieferant der Luxus-Füller?

In der Affäre um die von Steuergeldern bezahlten Luxus-Schreibgeräte für Bundestagsabgeordnete gibt es viele Rätsel. Informierte ein Unternehmer aus Rache die Bild-Zeitung über das Füller-Geschäft? Mehr Von Günter Bannas und Justus Bender

27.08.2016, 15:21 Uhr | Politik
Supercup im Livestream 0:2 – Es müllert wieder für die Bayern

Dortmund und Bayern schenken sich nichts beim Kampf um den ersten Titel der Saison. Aufregung gibt es um eine Szene mit Ribéry. Dann treffen Vidal und Müller für die Münchner. Sehen Sie den Supercup im Livestream. Mehr

14.08.2016, 22:42 Uhr | Sport
Nach Olympia-Sieg Hersteller will Hambüchen Gold-Reck schenken

Eigentlich wollte Fabian Hambüchen nach seinem Olympia-Sieg am Reck das Sportgerät kaufen. Das scheint jetzt nicht mehr nötig zu sein. Mehr

17.08.2016, 11:56 Uhr | Wirtschaft
Amerika Tausende fliehen vor Waldbränden in Kalifornien

Im Süden Kaliforniens sind inzwischen fast 100.000 Menschen von einem Buschfeuer bedroht. Sie wurden zur Räumung ihrer Häuser aufgefordert. Die Flammen vernichteten innerhalb weniger Stunden mehr als 6.000 Hektar Land. Mehr

17.08.2016, 13:00 Uhr | Gesellschaft
Ein Juwelier erzählt Barbra Streisand als Werbepartnerin

In seinen Jahrzehnten als Juwelier an der Frankfurter Goethestraße hat Stephan Friedrich Kurioses erlebt und Abenteuer überstanden. Ein Buch gewährt nun Einblicke. Mehr Von Sabine Börchers, Frankfurt

27.08.2016, 20:11 Uhr | Rhein-Main

Teure Aktivisten

Von Klaus Max Smolka

Der Fall Stada ist ein Fall fürs Lehrbuch. Aktivistische Investoren könnten anderswo folgen. Mehr 1 6

Concours d’Elegance Aus lauter Liebe zum alten Auto

Die Parade im amerikanischen Pebble Beach ist der beste Platz, um das Auto zu feiern, zu staunen und um es zu kaufen. Doch dann sollte Geld keine Rolle spielen. Hier kosten schon betagte Käfer 71.500 Dollar. Mehr Von Boris Schmidt 6 10

Das Beste aus dem Netz Ein Schutzengel auf vier Pfoten

Diese Katze wird zurzeit mächtig auf reddit gefeiert, denn sie ist eine wahre Rettungskatze. Mehr 4

Taschen aus U-Bahn-Sitzen Diese Taschen kommen von ganz unten

Die Idee ist ebenso alt wie die Stoffe: Eine Münchener Firma fertigt aus U-Bahn-Sitzbezügen Taschen – ähnlich wie das Label Freitag. Die Marke Kurzzug hat aber einen emotionalen Vorteil. Mehr Von Sabine Spieler 1

Neue Studie In 10 Jahren werden 100.000 Elektroingenieure fehlen

Wie groß in Deutschland die Ingenieurslücke zu werden droht, zeigt eine neue Studie: 100.000 zusätzliche Elektroingenieure sind wegen der Digitalisierung in den kommenden zehn Jahren nötig. Wo sollen die nur alle herkommen? Mehr 1