03.03.2009 · Es scheint, als ob derzeit nur Horst Seehofer Benedikt XVI. die Treue hält - der Rest der Nation übt sich in Empörung über ihren Landsmann, wie es nur die Deutschen können. Doch der Papst steht dazu, dass es richtig war, den Bruch mit den Traditionalisten zu beenden.
Von Heinz-Joachim FischerNun ist es so wie früher. Die deutsche Öffentlichkeit hat offenbar wieder das gleiche Verhältnis zu Benedikt XVI., das sie zu Kardinal Ratzinger vor seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche vor knapp vier Jahren hatte. Die Kettenreaktion in Deutschland – von dem Interview eines englischen Kryptobischofs aus der argentinischen Pampa im schwedischen Fernsehen, aufgenommen in dem versteckten bayerischen Dorf Zaitzkofen, über unverstandene kirchliche Vorgänge bis zum obersten Tribunal der Bundespressekonferenz in Berlin – zeigte einer verwunderten Öffentlichkeit draußen in Kirche und Welt, dass es für diesen Papst keinen Treuebonus bei seinen Landsleuten gibt, wie dessen Vorgänger ihn bei seinen Polen genoss.
Der Letzte, der vor Journalisten in Rom seine uneingeschränkte Zufriedenheit über Benedikt XVI. zu Protokoll gab, der tief bewegt und voll Bewunderung von seinem Gespräch in der päpstlichen Privatbibliothek berichtete, war der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Seehofer. Das war am 22. Januar – drei Tage nachdem ein deutsches Nachrichtenmagazin ein „Problem für den Papst“ angekündigt hatte, einen Tag nachdem von einem Kurienkardinal das Dekret über die Aufhebung der Exkommunikation von vier Traditionalistenbischöfen unterzeichnet worden war und zwei Tage bevor die Veröffentlichung dieses kirchenrechtlichen Dokuments einen Sturm der Empörung in den Ländern deutscher Sprache entfachte.
Das schaffen nur Deutsche
Die provokanten und schwerwiegenden, vor allem jedoch sonnenklar falschen Äußerungen einer kirchlichen Randfigur reichten aus, um den Papst wochenlang als gefährlichen erzkonservativen Reaktionär, als fast straffälligen Antisemiten zu schmähen. Ausgerechnet Joseph Ratzinger, der als erster Deutscher nach einem halben Jahrtausend und nur wenig mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem deutschen millionenfachen Mord an den Juden für würdig gehalten wurde, die Weltkirche zu verkörpern und zu führen. So jemanden zu tadeln, wie es die Bundeskanzlerin getan hat, gleichsam im Vorbeigehen zwischen dem Präsidenten Kasachstans und dem nächsten Krisengespräch – das schafften nur Deutsche, wunderten sich manche im Vatikan. Und das schien Einschätzung und Stimmungslage des Papstes selbst wiederzugeben. Das nachgeschobene Telefonat zwischen der Bundeskanzlerin hat die Verstimmung nicht bereinigen können.
Nicht dass Benedikt die Umstände der Aufhebung des Kirchenschismas als Meisterstück ansähe. Die Panne im Januar, gleichsam eine Kernschmelze im vatikanischen Apparat, gereicht der römischen Kurie zur Beschämung – aber nicht die grundsätzliche Zustimmung Benedikts zur Wiedereingliederung der Pius-Brüder im Dezember. Da hatte der Leiter der Priestergemeinschaft, Fellay, schriftlich erklärt, die Traditionalisten wollten nicht länger „draußen“ sein, sondern wieder in der katholischen Kirche unter dem römischen Oberhaupt.
Richtig katholisch
Der Papst findet es richtig, dass ein Schisma, die Abspaltung eines Teils von der Gesamtkirche, beendet wird. Denn für Benedikt XVI. ist die postkonziliare Phase, die Jahrzehnte der schwankenden Auslegungen jener großen Bischofsversammlung, abgeschlossen. Dass am allerwenigsten Zweifel über die Einstellung dieses Papstes zum Judentum und der Kirche zum Antisemitismus bestehen können, haben die Präsidenten der großen jüdischen Gemeinden der Vereinigten Staaten gerade erst bei einer Audienz im Vatikan bekundet. Es überschreitet die Grenze zur Böswilligkeit, hanebüchene Meinungen von obskuren Personen auf Papst und Kirche einzufärben.
Benedikt will das Zweite Vatikanum wieder so ins Bewusstsein zurückbringen, wie es gemeint war. Dafür war er als Theologe und Kardinal bekannt, und deshalb ist er zum Papst gewählt worden. Nie im Leben wollten die Bischöfe damals mit der Tradition brechen, höchstens mit dem, was erstarrt war. Wenn nach dem Konzil der Eindruck entstand oder gefördert wurde, erst postkonziliar könne man richtig katholisch sein, so weist Benedikt das als Verkürzung, als unzulässige Ausblendung des katholischen Reichtums zurück. Darüber hat es schon immer Diskussionen und Divergenzen gegeben zwischen dem Theologen und Kardinal Ratzinger einerseits und deutschen Katholiken, Bischöfen, Professoren und engagierten Laien andererseits.
Lange Zeit konnte man in den Ländern deutscher Sprache hoffen, dass das Totschlagargument des Konzils, dass die Hinweise auf das Moderne, gesellschaftlich Akzeptable, das der Zeit Angepasste, auch die Vorzüge eines komfortablen Staat-Kirche-Systems sich durchsetzen würden gegen den als lästig empfundenen Inquisitor in Rom. Aber dann wurde Joseph Ratzingers Sicht auf Kirche und Welt vom Kardinalskonklave mit päpstlicher Vollmacht ausgestattet. Darüber kann man sich ärgern und auch das Versagen der vatikanischen Bürokratie zum Anlass einer großen Empörung nehmen. Doch die Probleme für den deutschen Katholizismus bleiben – nun mit einem Problem mehr wegen einer maßlosen Empörung –, während die weltumspannende Kirche unter Benedikt unbeirrt Kurs hält.