25.12.2004 · Kardinal Kasper, ökumenischer Außenminister des Vatikans, ist von entschlossener Geduld
"Abenteuer des Heiligen Geistes": So nennt Kardinal Walter Kasper die Ökumene. Damit hat er zugleich die eigene Aufgabe umschrieben. Seit drei Jahren steht Kasper an der Spitze des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Er ist verantwortlich für die amtlichen Beziehungen zwischen den 1,1 Milliarden Katholiken zu allen anderen christlichen Gruppen und Gemeinschaften, Kirchen und Konfessionen. Und auch das Gespräch mit den Juden als den "älteren Brüdern" der Christenheit gehört zu seinem Aufgabenbereich.
Wie viele Mitarbeiter hat der ökumenische Außenminister des Vatikans, um dieses nicht gerade kleine Feld zu beackern? Da muß er nachdenken: Nun, im "Einheitsrat" arbeiten 23 Menschen. Wie bitte? Ja, Sekretärinnen mitgerechnet, fügt Kasper hinzu. Das ist abenteuerlich wenig. Doch wie ein Abenteurer sieht der 71 Jahre alte Kasper nicht aus, wenn er dem Besucher in den unendlich langen und leeren Korridoren des "Einheitsrats" den Weg weist. Von seiner kirchenfürstlichen Würde kündet kein Purpurstreifen, am Werktag braucht Kasper keine klerikalen Ornamente. Schon mit 31 Jahren war der zielstrebige Schwabe Professor, heute ist er selbstbewußt genug, auch über das bürokratische Charisma der Ökumene noch lächeln zu können. Die Präzision verrät den Chef einer Behörde, zu deren Beratern er zuvor seit einem Vierteljahrhundert zählte. Hier kennt der Chef die Dossiers besser als alle Mitarbeiter. Der Minister aber hat es nicht nötig, darauf herumzureiten.
Das nichtssagende Gebäude an der römischen Via dell'Erba liegt nur wenige Meter vom Petersplatz entfernt - aber außerhalb des Vatikans. Wer Kasper aufsucht, muß sich nicht in die Gewalt des Vatikanstaats begeben. Keine Schweizer Garden, kein Michelangelo, Bramante, Bernini. Statt Barock ein müder Pförtner, der auch in jedes römisches Gymnasium oder Finanzamt passen würde: Ja, das Amt finden Sie oben, zwei Treppen links. Das Amt besteht - für römische Verhältnisse - erst seit vorgestern. Denn erst mit dem II. Vatikanischen Konzil ging die römische Weltkirche auf die aus der protestantischen Mission entstandene ökumenische Bewegung zu, der sich nach dem II. Weltkrieg auch die griechisch-orthodoxen und slawischen Ostkirchen angeschlossen hatten. Rom entsendet Beobachter zum Ökumenischen Rat der Protestanten und Orthodoxen nach Genf, seit 1979 ist einer von ihnen der Tübinger Dogmatikprofessor Walter Kasper. Zehn Jahre später wird er Bischof von Rottenburg-Stuttgart.
Kaspers steile Karriere in der katholischen Hierarchie ist von Anfang an international vernetzt (mit Gastprofessuren in Washington, Jerusalem und Löwen), schwäbisch geerdet und in der römischen Zentrale verankert. Nur er kann es sich leisten, mit dem obersten römischen Glaubenshüter Kardinal Ratzinger in aller Offenheit einen theologischen Streit zum Verhältnis von Universalkirche und Ortskirche auszufechten - und dennoch ein Jahr später Kardinal zu werden. Vielleicht liegt in dieser deutschen Ämterverteilung auch ein Rollenspiel? Bad guy, nice cop: Der bayerische Kontrolleur der Rechtgläubigkeit ist für die Verbote zuständig, während Diplomat Kasper von Amts wegen den offenen Dialog mit anderen Konfessionen führt. So mag es sein. Doch es ist nicht zu übersehen, daß der Schwabe eigene theologische Akzente setzt.
Ohne die Selbsterhaltung der Institution in Frage zu stellen, feiert Kasper die Ökumene als Bewegung des Heiligen Geistes. Ihr Charisma liegt in der Kommunikation, nicht der Amtsvollmacht. Den brüderlichen Papierkrieg mit Protestanten und Anglikanern kennt und führt Kasper zu lange, um sich davon noch Wunder des Heiligen Geistes zu erwarten. Die nicht nur im Vatikan und nicht nur hinter vergehaltener Hand geäußerte Meinung, es sei ja wohl ganz gut so, daß die bestens vorbereitete Einigung mit dem anglikanischen Commonwealth nicht zustande kam (so muß sich Rom nicht auch noch mit bekennend schwulen Bischöfen und dem Streit um das Frauenpriestertum herumschlagen), will der Kardinal nicht kommentieren.
Sorge bereitet dem in Rom als Liberaler geltenden Kasper der zunehmende Substanzverlust der protestantischen Ökumene: gerade der liberalen, fortschrittlichen, politisch korrekten "mainline-churches". Längst repräsentiert die einst aus der protestantischen Mission entstandene offizielle Ökumene das tatsächliche Wachstum der Christenheit im Süden, in Afrika, Lateinamerika, Ostasien nicht mehr. Nicht brave Lutheraner und fortschrittliche Reformierte, sondern afrikanische Zionskirchen, pfingstlerische Charismatiker, massenmediale Sekten und Evangelisierer sprechen im 21. Jahrhundert zu den Armen im Geiste.
In der katholischen Kirche, mit ihrem Leidenspapst als Weltikone, mit ihrem Marienkult, ihren Nothelfern und ihren Schutzpatronen, hat man ein Gespür für solche Strömungen und Riten. Die nächsten lateinamerikanischen Bischofstreffen werden sich diesen "Sekten" sympathetisch nähern. Wenn der globale Heilige Geist an Ort und Stelle seine Feuerzungen entfacht, geht bestimmt nicht alles theologisch korrekt zu - auf ein offizielles Dokument wie die 1999 in Augsburg mit den Lutheranern bis ins Kleingedruckte vereinbarte "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" mag man da lieber verzichten. Daß hingegen die Theologien der weströmisch-katholischen und der byzantinisch-orthodoxen Tradition in fast jeder Hinsicht anschlußfähig sind, davon ist Walter Kasper ebenso überzeugt wie Papst Johannes Paul II. Dessen Reisepensum hat er ja in den vergangenen Jahren zunehmend vertreten müssen. Und wenn sich der Heilige Vater ob seiner prekären Gesundheit von vielen Tagesgeschäften hat zurückziehen müssen - der Kardinal betont: Die Ökumene bleibt für den Papst unbedingter Kernbereich seines Petrusdienstes.
Vor allem der Dialog mit den Ostkirchen ist ein Bohren dicker Bretter. Den Kalten Krieg des Moskauer Patriarchats gegen alle westlichen Gestalten christlicher Freiheit auf seinem Territorium wird keine Disputation auflösen. Daß die auf Moskau hörenden Orthodoxen im ukrainischen Wahlkampf bis zuletzt die Demokratur des alten Regimes segnen, wundert Kasper nicht. Doch er hinderte die griechisch-katholische, mit Rom "unierte" ukrainische Nationalkirche unter Bischof Lubomir Husar im vergangenen Jahr daran, beim Wechsel des Bischofssitzes von Lviv (Lemberg) nach Kiew ein eigenes Patriarchat auszurufen. Diese Statusfragen werden sich erst im Zuge einer erfolgreichen politischen Annäherung der Ukraine an die EU (auf)lösen.
Kasper besuchte in diesem Jahr zweimal den Patriarchen Alekseii II. in Moskau - im August brachte er ihm eine wertvolle Version der für die russische Kirche bedeutsamen Ikone der Madonna von Kazan mit. Aber keine Chance: Bis heute wird jeder Schritt zu einem brüderlichen Besuch des Papstes in Moskau im Ansatz blockiert. Und nicht einmal Christodoulos, der orthodoxe Erzbischof von Athen, der vor drei Jahren dem Papst beim Besuch auf dem Areopag versprach, ihn in Rom zu besuchen, löste sein Versprechen ein: Die griechische Bischofssynode hat es ihm einfach verboten.
Wenn Kasper die Ökumene als Ausdruck einer "eschatologischen Dynamik der Kirche" hin zu den letzten Dingen sieht, mag man das als dialektische Rationalisierung empfinden: Vor dem Ende der Zeiten wäre es vermessen, gewaltige Fortschritte zu erwarten. Weder Formelkompromisse von oben noch ökumenische Massenevents von unten bringen die Wiedervereinigung der getrennten Kirchen hervor. Vielleicht widerspricht ja - wie in der Europäischen Union - die ständige Erweiterung der ökumenischen Kontakte einer Vertiefung der gemeinsamen Substanz? Nein, da hat Kardinal Kasper keinen Zweifel: Die Zukunft gehört der spirituellen Ökumene. Nur die Vertiefung der Einheit der Christen wird auch zur ökumenischen Erweiterung führen.
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