Ende Juli unterzeichneten Shell und Choren ein rund 70 Seiten starkes Dokument, mit dem sich Shell eine Minderheitsbeteiligung am Freiberger Unternehmen Choren sicherte. Beide werden künftig gemeinsam Anlagen zur Herstellung von synthetischem Sundiesel (BTL = Biomass To Liquid) nach dem Choren-Verfahren errichten, das von Bodo Wolf entwickelt wurde. Von der Idee bis zum heutigen Tag sind 15 Jahre vergangen, in denen Choren im sächsischen Freiberg nachwies, daß sich mit ihrem Verfahren ein synthetischer Dieselkraftstoff höchster Qualität aus Biomasse zu vertretbaren Kosten herstellen läßt. Wie für das GTL (Gas To Liquid) von Shell nutzt man für beide Kraftstoffe in der Endstufe die Fischer-Tropsch-Synthese, so daß die beiden Verfahren ein identisches Produkt liefern. Das entstand unter aktiver Mithilfe von Daimler-Chrysler und VW, die ihre Erfahrungen in die Kraftstoffentwicklung einbrachten. BTL und GTL sind maßgeschneiderte Kraftstoffe, auch Designerdiesel genannt, mit denen die Verbrennung im Motor erheblich verbessert wird. Nach Auskunft von Ulrich Dohle, Leiter der Dieselentwicklung von Bosch, kann durch diese synthetischen Kraftstoffe allein die Partikelbildung um 70 Prozent reduziert werden. BTL verbrennt zudem umweltneutral, weil nur noch das an Kohlendioxyd emittiert wird, was die Pflanzen zuvor der Atmosphäre entzogen haben. Für ihre entscheidende Mithilfe bei der Entwicklung der synthetischen Dieselkraftstoffe wurden der VW-Forscher Wolfgang Steiger und der Leiter der Kraftstoffentwicklung bei Shell, Wolfgang Warnecke, kürzlich mit dem Porsche-Preis ausgezeichnet.
Soweit der nüchterne Tatbestand. Allein der Blick auf die Zapfsäule der nächsten Tankstelle wird jeden Kritiker davon überzeugen, wie wichtig es ist, einen Ausweg aus der Erdölmisere zu finden. Es wäre blauäugig zu erwarten, die Kraftstoffpreise würden wieder sinken. Sie werden es (hoffentlich!) dann tun, wenn Sundiesel in nennenswerten Mengen hergestellt wird. Bis dahin aber ist es noch ein weiter Weg. Zunächst wird sich die Shell an der ersten größeren Anlage in Freiberg beteiligen, die von Choren bereits begonnen wurde. Dort werden spätestens von 2007 an rund 15 000 Tonnen Sundiesel pro Jahr hergestellt, die bereits an Daimler-Chrysler und VW vergeben sind. Beide Hersteller wollen damit ihre Neufahrzeuge betanken. Spätestens im gleichen Jahr wird mit dem Bau einer ersten Großanlage für 200 000 Tonnen in Lubmin bei Greifswald in Mecklenburg begonnen. Weitere Anlagen werden folgen. Dieser langsame Werdegang ist nötig, um Erfahrungen auf diesem völlig neuen Gebiet zu sammeln, das nicht nur Bau und Betrieb der Syntheseanlagen umfaßt, sondern auch das Vorfeld, vom Anbau in der Landwirtschaft bis zur Anlieferung.
Sundiesel dürfte die einzige große Innovation sein, die auf lange Sicht eine zunehmende Zahl sicherer Arbeitsplätze schafft, und zwar sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft. Sie erspart Devisen und wird sich zu einem Exportschlager ersten Ranges entwickeln. Mit seinem Choren-Verfahren ist es Bodo Wolf erstmals gelungen, nicht nur aus Biomasse, sondern aus der Gesamtmasse aller organischen Abfälle einschließlich Kohle und Klärschlamm ein ideales Synthesegas zu erzeugen, das die Grundlage für Dieselkraftstoff höchster Qualität bildet. Keinem seiner zahlreichen Kritiker gelang es in den vergangenen 15 Jahren, ein auch nur annähernd vergleichbares Verfahren zu entwickeln. Der beste Beweis dafür ist das Engagement von Shell, dem innovativsten unter den Ölmultis mit hervorragenden Verfahrenstechnikern. Aber auch die langjährige Zusammenarbeit von Daimler-Chrysler und VW mit Choren sollte allen zu denken geben, die nach staatlichen Fördertöpfen gieren. Die hohe Politik hat das Choren-Verfahren aus ideologischen Gründen bisher "großzügig" übersehen. Wir können nur hoffen, daß sich das ändert.
Unbegreiflich ist auch das dem neuen Verfahren häufig ablehnend gegenüberstehende Verhalten von Ländern und Kommunen, wo man nach dem Verbot der Deponierung oft nicht mehr weiß wohin mit dem Müll. Auch die Kompostwerke werden die Unmengen Komposterde aus von den Bürgern angeliefertem Grünzeug kaum noch verarbeiten können. Endlich deutet sich hierfür eine bessere Zukunft an: Müll aus Haushalten und Gewerbe sowie Gartenabfälle lassen sich mit dem Choren-Verfahren zu Dieselkraftstoff veredeln. Zusammen mit Anbaupflanzen steht allein in Deutschland mehr organische Masse zur Verfügung, als Dieselkraftstoff gebraucht wird. Das heißt, Deutschland könnte bei konsequenter Anwendung der Synthese sogar zum Exporteur von Dieselkraftstoff werden. Müllverbrennung ist eine reine Notlösung, eine Verschwendung wertvoller Ressourcen, für die der Bürger mit immer höheren Kosten für die Müllabfuhr auch noch bezahlen muß.
Der Kraftstoff der Zukunft stellt auch Forderungen. Vor allem müssen die Träger der Bürokratie und die gesamte Abfallwirtschaft ihre Rolle im Kreislauf der neu zu definierenden Energiegewinnung überdenken. Auf Dauer können sich die westlichen Gesellschaften ohnehin das bisherige Müllaufkommen nicht leisten, selbst eine konsequente Müllvermeidungsstrategie wird daran kaum etwas ändern. Das gedankliche Umschalten vom bisherigen Müllbegriff zur künftigen Definition als Energieträger wird nicht einfach. Und er wird natürlich auch nicht billig. Aber es ist eine Investition in eine Zukunft, die zumindest zur Verringerung der Abhängigkeit vom Erdöl führen kann. Müll ist dabei, ein Wertstoff zu werden, dessen Energie besser genutzt wird als bisher.
Die zunehmende Verfügbarkeit der synthetischen Dieselkraftstoffe BTL und GTL wird aber auch den Motorenentwicklern die Arbeit wesentlich erleichtern und den Diesel vom Vorwurf befreien, ein Umweltschädling zu sein. Das ist er auch heute nicht, denn es gibt keinen anderen Antrieb für Automobile, der so wirtschaftlich arbeitet. Niedriger Verbrauch bedeutet wenig Ausstoß von Kohlendioxyd. Hier ist der Diesel dem Benziner nach wie vor überlegen, auch dem Ottomotor als Hybrid. Mit Sundiesel rückt die homogene Verbrennung näher, mit der ein Diesel fast keine Schadstoffe mehr emittiert. Aber auch diese Entwicklung braucht ihre Zeit. Die unselige Feinstaubdebatte hat dem Diesel zu Unrecht schweren Schaden zugefügt und die Entwicklung dramatisch behindert. Die Rückkehr zur Vernunft ist längst überfällig.
CHRISTIAN BARTSCH
