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Der Chefredakteur des „Guardian“ im Gespräch Wir berichten einfach weiter

Der „Guardian“ hat das Material Edward Snowdens über die Online-Überwachung der Geheimdienste verbreitet. Seither wird die Zeitung von der Regierung bedrängt. Wir fragen Alan Rusbridger, Chefredakteur des „Guardian“, nach den Konsequenzen.

© eyevine / Picture Press Vergrößern Der Mann am Klavier ist der Chefredakteur: Alan Rusbridger vom „Guardian“ hat viele Talente.

Die Geheimdienste waren technologisch stets auf der Höhe der Zeit. Sie haben Telegramme abgefangen, Telefone abgehört, jetzt scannen sie das Internet. Ist das, was wir jetzt erleben, eine Fortsetzung dieses Prozesses, oder stehen wir vor einer völlig neuen Situation?

Ich glaube, es ist gänzlich neu. Es arbeiten sehr geschickte Ingenieure in diesen Diensten. Was mir völlig anders erscheint, ist der Ehrgeiz, totale Kontrolle zu besitzen und alles im Blick zu haben. In dieser Welt benutzen sie eine Sprache, in der von der Beherrschung des Internet die Rede ist. Das war vorher nicht möglich, ist aber jetzt im Rahmen des Vorstellbaren. Wir wissen, dass sie für Milliarden von Dollar immense Anlagen bauen, damit sie immer mehr Material sammeln und speichern können. Das scheint mir unvorstellbar anders zu sein als alles, was bisher versucht worden ist.

Wissen Sie, ob David Miranda gestohlenes Material bei sich führte?

Mir gefällt das Wort gestohlen nicht. Ich ziehe das Wort „durchgesickert“ (leaked) vor. Ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber ich gehe davon aus, dass das möglicherweise der Fall war.

Sie haben behauptet, die Regierung, oder wer auch immer hinter Mirandas Vernehmung stand, verschmelze Terrorismus mit Journalismus. Aber verschmelzen Sie nicht nationale Sicherheit und Spionage mit Journalismus? Wo liegen die Grenzen?

Sie sind natürlich fließend. Man kann nicht behaupten, dass das Sammeln von Information über Milliarden von Bürgern eine Frage der nationalen Sicherheit sei. Man muss herausfinden, wo die Grenzen liegen, wer sie definiert, wer die Regeln aufstellt, wer die Anwendung überwacht. Das sind nach meiner Auffassung alles absolut angemessene Fragen.

Was macht den „Guardian“ zu einem besseren Hüter des nationalen Interesses als die Geheimdienste oder den Staat?

Ich sage nicht, dass wir besser sind, aber wenn man an die freie Presse glaubt, dann hat sie das Recht und die Pflicht, diese Sachen zu lüften. Die Alternative wäre zu sagen, die Presse habe keine Rechte, und man müsse es den Menschen überlassen, die diese Dienste leiten, die Regeln aufzustellen, mit welchen geheimen Formen der Aufsicht diese auch immer ausgeheckt werden.

Sie sagen, Sie haben das von Edward Snowden aufgebrachte Material gesichtet und behutsam entschieden, was sich zur Veröffentlichung eigne. Wie können Sie ermessen, was sich eignet?

Man wertet, man spricht mit den Leuten, über die man schreiben wird, und kalibriert deren Reaktionen.

Nach Ihrer Darstellung hat sich etwas im Dialog mit der britischen Regierung verändert, bevor Ihnen das Ultimatum gestellt wurde, die Festplatten mit dem Snowden-Material zu zerstören oder die Akten zurückzugeben, andernfalls werde die Regierung gerichtlich gegen Sie vorgehen. Wie gestaltet sich das Verhältnis seit diesem Vorfall Ende Juli?

Wir haben eine Reihe von Gesprächen mit ihnen geführt über die große Geschichte, die wir über die Abhörzentrale gebracht haben (am 1.August meldete der „Guardian“, dass der britischen Abhördienst im Sold der NSA stehe). Aber seitdem kommt ein Großteil der Berichterstattung aus Amerika und haben wir den Dialog mit den amerikanischen Behörden geführt. Ich habe es seitdem nicht nötig gehabt, mit Whitehall zu sprechen.

Aber der „Guardian“ erscheint ja in Großbritannien. Reden Sie jetzt nur noch mit den Amerikanern?

Es kommt auf den Inhalt des Materials an. Wenn es um die NSA geht, werden die Gespräche naturgemäß in Amerika stattfinden, wenn es um die britische Abhörzentrale geht, könnte es Sachpunkte geben, über die wir die britische Regierung im Vorhinein informieren.

Glenn Greenwald hat nach der Vernehmung seines Partners David Miranda gesagt, Britannien werde sein Vorgehen bereuen. Er hat mit einer sehr viel aggressiveren Berichterstattung gedroht. Ist das nicht eine etwas fragwürdige Basis für den seriösen Journalismus?

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