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DDR-Vergangenheit Das Land Utopia

12.05.2009 ·  Nur eine DDR ging 1989 unter: die real existierende. Die erträumte bessere Welt, die die DDR sein sollte, aber nie war, blieb in den Köpfen vieler Leute bestehen. Die Liebe zu diesem Phantasma hält sich hartnäckig.

Von Frank Pergande
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Die DDR gab es in zweierlei Gestalt. Die eine war die wirkliche DDR, die SED-Diktatur, mit allem, was dazugehörte: von der Wahlfälschung über das Grenzregime und die Staatssicherheit bis hin zu Gleichmacherei, Dauermangel, Wohnungsnot und Verfall, wo immer man hinsah. Die zweite DDR war das Land Utopia. Es mochte noch so furchtbar zugehen im ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat – der Glaube an eine gute DDR war nicht zu erschüttern. Wenn die SED nur etwas Macht abgäbe, Wahlen nicht gefälscht würden, wenn es statt politischer Zensur nur eine ästhetische gäbe, etwas mehr Reisefreiheit, etwas mehr Öffentlichkeit, überhaupt etwas weniger Repression, dann wäre die DDR der bessere Teil Deutschlands. Wieso ist die Liebe zu einer DDR, die es nicht gab, so zäh?

Man kann nicht einmal sagen, die DDR-Bürger seien trotz des Mangels an Öffentlichkeit derart von der Welt abgeschnitten gewesen, dass sie nicht hätten wissen können, welch menschenverachtender Charakter dem Kommunismus eigen ist. Schließlich hatte es eine Abrechnung mit Stalin auch in der DDR gegeben, den 17. Juni 1953, die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oder die Ausbürgerung des Dichters Wolf Biermann. Aber all das zerstörte nicht die Utopie. Im Gegenteil: Weil der Prager Frühling niedergeschlagen wurde, erschien die Tschechoslowakei unter dem Kommunisten Alexander Dubek auf einmal als beste aller denkbaren Gesellschaftsformen.

Konnte es einen guten Sozialismus geben?

Je schlimmer es mit dem wirklichen Sozialismus wurde, desto größer wurde die Utopie. Sie wuchs geradezu in den Himmel, als sich vor zwanzig Jahren der Widerstand gegen die SED immer stärker zu regen begann; als die Zeit einer neuen Elite anbrach, der Bürgerrechtler, die zumeist aus der Kirche kamen, und der Intellektuellen, die der DDR in Hassliebe verbunden waren. Es kam die Zeit der Gebete, Kerzen, Menschenketten, Demonstrationen, deren Höhepunkt der 4. November 1989 war. Auf dem Berliner Alexanderplatz kam eine Million Menschen zusammen. Die Schriftstellerin Christa Wolf konnte dort, ohne dass jemand lachte, so etwas sagen wie: „Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg.“ Sie nannte es zwar selbst einen Traum. Aber auf einmal schien es doch vielen so, als könne es so etwas wie einen guten Sozialismus geben. Die Runden Tische waren Ausdruck dieses Denkens.

In dieser schönen neuen Welt machte aber die Staatssicherheit unverdrossen weiter. Bis weit in das Jahr 1990 hinein war sie aktiv, weiter finanziert vom Staat. In dieser Zeit formierte sich auch die angeschlagene SED unter neuem Namen neu. Für eine wirkliche Revolution fehlten den Bürgerrechtlern der Wille zur Macht und die Entschlossenheit, mit der SED aufzuräumen. So wurde, was heute als „friedliche Revolution“ gefeiert wird.

Opfer eines gesellschaftlichen Experiments

Ein Ende der DDR war den damals Beteiligten unvorstellbar. Sie sahen vor sich vielmehr eine DDR, von der sie immer geträumt hatten. Dieses Hochgefühl dauerte zum Glück nicht lange. Als die Grenze offen war, konnte es für den DDR-Sozialismus – in welchen Farben auch immer – kein Halten mehr geben. Denn nun entschied die Mehrheit, die nicht mehr Opfer eines weiteren gesellschaftlichen Experiments sein wollte, sondern von dem Wunsch beseelt war, besser zu leben – zu leben wie im Westen. Eine neue DDR auf dem dritten Weg wäre von den Subventionen der Bundesrepublik genauso abhängig gewesen wie die alte unter Honecker. So kam die deutsche Einheit im Galopp.

Da blieb nicht die Zeit, neben der wirklichen DDR auch gleich ihre utopische Gestalt mit zu entsorgen. Der Untergang des Sozialismus gilt ohnehin vielen Linken bis heute nicht als endgültig. Sie behaupten, der Sozialismus sei in der DDR nur falsch und von den falschen Leuten angepackt worden. Zudem klingen in der Wirtschafts- und Finanzkrise die Verheißungen des Sozialismus auf einmal wieder verlockend. Die jungen Leute heute im Osten wissen zwar kaum etwas über die DDR, aber zu Hause oder sogar in der Schule hat man ihnen das erzählt: Dort gab es Arbeit, Wohnung und Auskommen für jeden.

Lob ausgerechnet für das erbarmungslose Schulsystem

Und sogar in der aktuellen Politik schimmert überall Sozialismus durch, zum Beispiel in der Diskussion über ein Grundeinkommen für alle. Mancher linke Politiker glaubt noch immer zu wissen, welche Segnungen die Menschen benötigten, und will sie ihnen aufdrängen – wie in der DDR.

Es kommt noch schlimmer: Selbst die wirkliche DDR ist nach zwanzig Jahren in den Erinnerungen vieler so verblasst, dass sie leicht rosig aussieht. Wenn der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering (SPD), Gutes an der DDR lobt, ausgerechnet das erbarmungslose Schulsystem als Beleg anführt und dafür auch noch Beifall bei seinen Leuten bekommt, dann wird es Zeit, daran zu erinnern, wie es in der DDR tatsächlich zuging. Die Bundeskanzlerin hat das neulich bei ihrem Besuch im Staatssicherheitsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen getan. Die DDR war nicht nur ein Unrechtsstaat, sie war auch sehr hässlich. Die utopische Gestalt der DDR ist nicht der schöne Traum von einer besseren Welt, sondern gefährlicher Unsinn.

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