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Dave Eggers’ neuer Roman Ich bin das Auge am Himmel

 ·  Für unser Leben in einem großen Tagtraum findet Dave Eggers die richtigen Worte. Was wir von dem amerikanischen Schriftsteller und seinem Buch „Ein Hologramm für den König“ lernen können.

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Jetzt ist es also so weit. Wir sind im Zeitalter der Demütigungen angekommen. Zumindest wenn wir unser Geld in der freien Wirtschaft verdienen und Amerikaner sind. So wie Alan Clay, der 54-jährige Consultant der IT-Firma Reliant, trauriger Held von Dave Eggers’ neuem Roman „Ein Hologramm für den König“, der in der Wüste Saudi-Arabiens in einem Zelt festsitzt und hofft, dass das W-Lan-Signal zurückkommt.

Es ist heiß, die Klimaanlage funktioniert nicht, und all das, was uns so groß und wunderbar, was uns so unwiderstehlich und sexy gemacht hat, ist plötzlich von uns abgefallen oder hat sich, um in Eggers’ Metaphorik zu bleiben, in eine faustgroße Geschwulst irgendwo am Rücken zusammengeballt. Und Alan fragt sich jetzt die ganze Zeit, während er in seinem Hotel vor dem Spiegel steht, ob das vielleicht das Ende ist und er Krebs hat. Er verpasst den Shuttle, der ihn morgens von seinem Hotel in Dschidda zu seinem Arbeitsplatz bringen soll, er verträumt Tage und Nächte und bekommt den Brief an seine Tochter, der er die Studiengebühren nicht mehr bezahlen kann, nicht fertig.

Annäherung im Schutz des Wassers

Der Roman changiert zwischen zwei Welten. Dem klimatisierten Hotelzimmer, dem Spiegel im Badezimmer, den enervierenden körperlichen Selbstbefragungen und dem kärglich möblierten Zelt in der Wüste, in King Abdullah Economic City, KAEC genannt, wo Alan und sein Team auf den König warten. Die saudi-arabische Wirklichkeit scheint dabei fast unwirklicher als die Phantasie, die wir von ihr haben. Eggers zelebriert das ziemlich genüsslich.

Eggers, der große Magier des Hyperrealismus, der kleine sympathische Bruder von David Foster Wallace, ist jetzt zum Therapeuten unserer globalen Seinsvergessenheit geworden. Alan schafft es noch nicht mal mehr, sich sexuell erregen zu lassen. Nur unter Wasser, sozusagen in einem Modus der vorgeburtlichen Regression, gelingt das noch, als er einer schönen Ärztin hinterhertaucht, die er schließlich im Zuge seiner körperlichen Selbstbefragung konsultiert.

Ein Absprung ins Elend

Alan, Eggers, die Amerikaner und natürlich überhaupt wir alle sind in unserem großen kapitalistischen Tagtraum gefangen. Vielleicht sollte man einfach zum Vergleich noch mal nachlesen, wie Dave Eggers in „A.H.W.O.S.G.“ (“Einem herzzerreißenden Werk umwerfender Genialität“), seinem ersten Buch, das 2000 herauskam, den von Krebs aufgeblähten und gleichzeitig schon halb ausgeweideten Bauchraum seiner sterbenden Mutter inszeniert. Mit was für einer Selbstgewissheit er da vorgeht. Mit einem über 30-seitigen Vorwort nimmt er Anlauf, und springt mitten in dieses ganze Elend hinein. Unglaublich.

Kraftvoll und cool zugleich. Aber diese ganze Energie, der ganze hyperaktive Sprachrausch, damit ist es längst vorbei. Eggers verschwindet, nach seinem ersten Roman, in sein selbstgewähltes Exil nach Island und Costa Rica und kommt komplett erneuert wieder zurück. Ein Teil seiner Honorare gibt er von nun an an seine Leser und seine Hilfsprojekte wieder zurück, von Rick Moody wird er zum „Bono der Literatur“ ernannt, während Pico Iyer ihn fortwährend mit Norman Mailer vergleicht. Keine Fiktion mehr bitte. Oder jedenfalls nicht zu viel.

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Dave Eggers: „Ein Hologramm für den König“. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiwi, 19,99 Euro

Von Rainer Merkel ist gerade der Roman „Bo“ bei S. Fischer erschienen.

Quelle: F.A.S.
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29.03.2013, 15:11 Uhr

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