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Daniel Barenboim im Gespräch Und die Welt versinkt

Mit zehn Jahren gab das Wunderkind Daniel Barenboim sein erstes Konzert. Zu seinem siebzigsten Geburtstag spricht der Dirigent im Interview über gemeinsames Musizieren, die Nachwuchsförderung und über Künstler, die denken.

© Julia Zimmermann Vergrößern Große Pläne mit siebzig Jahren: Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim

Herr Barenboim, Sie waren zehn Jahre alt und ein Wunderkind, als Sie im November 1952 Ihr erstes Konzert in Wien gaben. Heute, mit siebzig, sitzen Sie immer noch jeden Tag am Flügel, oder Sie stehen vor einem Ihrer Orchester. Gab es je einen Tag ohne Musik in Ihrem Leben?

Ich glaube, nein!

Nehmen wir an, Sie müssten, wie Herr Jedermann, irgendwann vor den lieben Gott treten und sich rechtfertigen für Ihre guten Werke. Was, würden Sie sagen, ist das Beste gewesen, was Sie je getan haben?

Ich führe solche Gespräche mit dem lieben Gott noch nicht. Aber ich habe ein sehr viel einfacheres Gespräch mit ihm, und zwar täglich. Ich sage zu ihm: „Ich habe doch schon so viel schlechte Musik gemacht, so viele falsche Töne gespielt, ich habe so viele Gedächtnislücken und Fehler, dass ich es gar nicht verdiene, zu dir zu kommen. Also lass mich bitte einfach hier!“ (lacht).

Wer siebzig wird, der kann sich ruhig ein paar ernsthafte Bilanzfragen stellen lassen. Hier ist die nächste: Gibt es etwas zu bereuen? Etwas, das Sie nie wieder tun wollen?

Nein. Bei allem, was ich falsch gemacht habe, konnte ich auch etwas lernen. Das ist ja das Tolle an diesem Beruf. Man lernt auf jeder Probe, bei jedem Aufschlagen der Noten etwas Neues. Und trotzdem, wenn man anfängt zu spielen, fängt man jedes Mal wieder bei null an. Der Klang ist weg, man muss ihn immer wieder neu erfinden. Wie erklären Sie es sich sonst, dass Arthur Rubinstein die As-Dur-Polonaise von Chopin mit neunundachtzig spielte, die er auch mit acht schon gespielt hatte. Wie ist das möglich? Er hatte in jedem Konzert etwas gelernt. Deshalb sind die besten Aufführungen immer die, bei denen wir das Gefühl haben, sie seien das Resultat von so viel Lernen, so voll Intensität, als sei es das allerletzte Mal, dass man das Stück spielt. Und gleichzeitig das erste Mal. So ein Gefühl kenne ich außerhalb der Musik nicht.

Macht Musik die Menschen besser?

Das sollte so sein. Es ist aber nicht so.

Seltsam. Und ich hatte den Eindruck, dass Sie zumindest seit zwölf Jahren, seit der Gründung Ihres West-Eastern-Divan-Orchestra, beweisen wollten, dass gemeinsames Musizieren die Menschen friedfertiger stimmen kann.

Ja, das hat ja schon Franz Liszt gesagt. Liszt erwartete von den jungen Leuten, die zu ihm kamen, dass sie durch das Studium der Musik zu besseren Menschen würden. Sie sollten nicht nur Klavier spielen, sie sollten denken lernen und sich vervollkommnen in ihrem Mensch-Sein. Das ist das Ideal. Wir sollten alle danach streben, das zu erreichen. Ob es gelingt oder nicht, ist eine individuelle Frage.

Ich frage Sie!

Mich? Ich wäre wahrscheinlich ein viel schlimmerer Mensch, wenn ich nicht zufällig Musiker wäre! Aber im Ernst, ich glaube fest daran, dass es so ist: dass es einen Zusammenhang geben muss zwischen dem Musizieren und der Menschlichkeit. Wenn ich eine Formel wüsste, wie das genau funktioniert, dann wäre ich glücklich, und sicher wäre ich auch irgendwann Millionär. Ich werde also nicht aufhören, danach zu suchen.

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Veröffentlicht: 15.11.2012, 09:56 Uhr

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