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Contra Kernkraft Lohnt sich nicht

24.11.2009 ·  Wirtschaftlich ist die Atomkraft schon am Ende, sagt Boris Palmer, der grüne Oberbürgermeister von Tübingen.

Von Boris Palmer
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Der Klimawandel, sagt der Ökonom Jeremy Rifkin, kann die Menschheit bis zum Ende unseres Jahrhunderts an den Rand des Aussterbens bringen. So weit muss man nicht gehen, aber sicher ist: Die größte Herausforderung im 21. Jahrhundert ist es, das Energiesystem komplett zu revolutionieren.

Unser Wirtschaftssystem funktioniert zurzeit nicht ohne Öl, Kohle und Gas. Zugleich bedroht die stark steigende Treibhausgaskonzentration die natürlichen Lebensgrundlagen. Vergleichbar gefährlich war bisher nur die Entwicklung von Atomwaffen. Allerdings, die Spaltung von Atomkernen setzt klimaneutrale Energie frei. Ist also die Geißel des 20. Jahrhunderts die Rettung im 21. Jahrhundert? Soll man die bekannten Risiken von der Lagerung des Atommülls bis zum Tschernobyl-GAU hinnehmen, weil diese nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten, während der Klimawandel und die Erschöpfung der Ressourcen ohne Atomkraft unausweichlich sind?

Die weltweit etwa 430 Atomkraftwerke decken heute 15 Prozent des Strombedarfs ab, aber nur 5 Prozent des globalen Primärenergiebedarfs - und das ist der einzige Maßstab, der für den Klimawandel zählt. Denn bis 2050 wird sich der Energiehunger der Menschheit verdoppeln. Um dann bloß ein Viertel davon mit Atomkraft zu stillen, bräuchte man 4000 Atommeiler. Das ist technisch, politisch und wirtschaftlich eine absurde Vorstellung.

Technisch stößt die Atomkraft an dieselbe Grenze wie das Ölzeitalter: Die mit vernünftigem Aufwand abbaubaren Uranvorräte reichen bei heutigem Verbrauch nur etwa 60 Jahre. Für 4000 neue Kernkraftwerke gibt es nicht genug Brennstoff, es sei denn, wir bauen schnelle Brüter und steigen vollständig in die Plutoniumwirtschaft ein - auch in Iran, in Syrien und in Pakistan.

Politisch sind schon 4000 konventionelle Atomkraftwerke ein Albtraum: Das wären 4000 Ziele für Terroristen, 4000 Orte für die Herstellung von Atomwaffen, 4000 Tschernobyl-Risiken. In jedem Krisengebiet der Erde ein Atomkraftwerk, das macht aus einem vielleicht beherrschbaren Restrisiko die Gewissheit von schweren Strahlungsunfällen und Atomterrorismus.

Nur alte Meiler rechnen sich noch

Wirtschaftlich ist die Atomkraft bereits am Ende. Alte Meiler rechnen sich noch, neue sind nicht mehr konkurrenzfähig. Das Vorzeigeprojekt der Atomindustrie, der neue Reaktor in Finnland, sollte für drei Milliarden Euro geliefert werden. Nach zwei Jahren Bauzeit kostet er bereits fünf Milliarden Euro. Strom aus neuen Atomkraftwerken ist deshalb heute schon so teuer wie Strom aus erneuerbaren Energien. Schon bald werden letztere auf breiter Front billiger in den Markt kommen. Vor 15 Jahren behauptete die deutsche Energiewirtschaft, mehr als 5 Prozent Anteil an der Stromproduktion seien für die Erneuerbaren hierzulande nicht möglich. Dieses Jahr sind wir bei 15 Prozent angekommen. Auf einer Fläche von einem Prozent der Sahara ließe sich mit verfügbarer Technik der Weltenergiebedarf decken.

Die Entwicklung der Alternativen schreitet rasend schnell voran: In fünf Jahren wird Strom von Solarzellen auf dem Dach in sonnigen Ländern billiger sein als Strom aus dem Netz. Mit Windparks in der Nordsee wird schon in zehn Jahren mehr Strom produziert werden als mit Atomkraftwerken in Deutschland. Durch moderne Informationstechnik (smart grid, virtuelle Kraftwerke) und den Ausbau von Speicherkraftwerken (Wasser, Druck) sind auch die Schwankungen des Angebots erneuerbarer Energien beherrschbar.

Mehr Energieeffizienz tut ein Übriges: Nur ein Prozent der Primärenergie im Kraftwerk kommt als Licht einer Glühbirne an! Nur drei Prozent der Energie im Tank bewegen eine Person im Auto von A nach B. Allein durch den Austausch veralteter Heizungspumpen gegen drehzahlgesteuerte Hocheffizienzpumpen könnten zwei Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden.

Was treibt die Atomdebatte denn eigentlich an? Es sind doch nur die wirtschaftlichen Interessen einer untergehenden Industrie, die sich selbst retten will - nicht das Klima.

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