Home
http://www.faz.net/-gpc-6tcoq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

China und die Uiguren Der Professor redet zu viel

01.10.2011 ·  Ilham Tohti ist Uigure und lehrt an einer Pekinger Universität. Der chinesischen Regierung ist er ein Dorn im Auge, weil er ihre Minderheiten-Politik kritisiert.

Von Friederike Böge, Peking
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Wenn Ilham Tohti in Ruhe reden will, verlässt er sein Büro im Institut für Wirtschaftswissenschaften an der Minzu-Universität in Peking und sucht auf dem Campus nach einer leeren Parkbank. „Hier werden wir wenigstens nicht abgehört“, sagt er und deutet auf einen älteren Mann mit Kopfhörern, der auf einer benachbarten Bank Platz genommen hat. „Der sieht nicht aus, als würde er Musik hören.“

Der uigurische Professor ist bekannt für seine Kritik an der chinesischen Minderheitenpolitik in seiner Heimatprovinz Xinjiang. Bislang hat er auch seine Vorlesungen genutzt, um seine Meinung zu verbreiten. Unter Kollegen galt er deshalb als Drahtseilkünstler, der trotz unverblümter Worte noch immer an einer staatlichen Universität unterrichtet. Notizen seiner Vorlesungen zirkulieren unter Studenten wie Songtexte.

„Sie sagten: Du redest zu viel“

Doch nun ist es der chinesischen Regierung offenbar zu viel geworden. Am vergangenen Freitag wurde Tohti von der Universität per SMS informiert, dass sein Seminar über nachhaltige Wirtschaftsentwicklung in Xinjiang entfalle. Zur Begründung hieß es: Die nötige Mindestanzahl von 25 Teilnehmern sei nicht erreicht worden. „Dabei lief der Kurs schon seit zwei Wochen und beide Male waren mehr als 40 Studenten da“, sagt der Ökonom, der noch mit zwei Vorlesungen ohne Xinjiang-Bezug im Lehrplan vertreten ist. Im vergangenen Semester waren Videokameras in seinem Seminarraum installiert worden. Polizisten in Zivil seien im Unterricht erschienen. „Sie sagten: Du redest zu viel“

Der Vorfall zeigt einmal mehr, dass Peking zunehmend sensibel reagiert, wenn es um die westliche Unruheprovinz Xinjiang und die muslimische Minderheit der Uiguren geht. Im Juli wurden dort bei gewaltsamen Auseinandersetzungen in Kaschgar und Hotan mehr als dreißig Personen getötet. Die Regierung schickte eine Kommandoeinheit der Elite-Truppe „Snow Leopard“ und verhängte Todesstrafen gegen vier Beteiligte.

„Diese Art von Zusammenstößen wird es in Zukunft öfter geben“, sagt Tohti, der gerade von einer Forschungsreise aus der Region zurückgekehrt ist. Viele Uiguren seien desillusioniert. „Früher war das Gesetz ihre Waffe, und sie haben ihren Kampf im Gerichtssaal geführt. Aber die Regierung hört den Uiguren nicht zu. Das Gesetz ist für sie nur ein Stück Papier.“ Selbst unter uigurischen Studenten in Peking gebe es inzwischen manche, die für Gewalt plädierten, warnt Tohti, der sich im Gespräch deutlich von Gewalt distanziert.

Sechs Wochen lang in Polizeigewahrsam

Der Ökonom, der Mitglied der Kommunistischen Partei ist, beschreibt sich als Vermittler zwischen Uiguren und Han, der chinesischen Mehrheitsbevölkerung; als einer, der Veränderungen innerhalb des Systems bewirken wolle. Doch auf der Parkbank sitzt ein verbitterter Mann, den die Erfahrungen der vergangenen Jahre sichtbar mürbe gemacht haben.

Nach den Unruhen in der Provinzhauptstadt Urumtschi im Juli 2009, bei denen nach offiziellen Angaben 200 Personen getötet wurden, verschwand er für sechs Wochen in Polizeigewahrsam. Die Regierung warf ihm vor, auf seiner Internetseite uighurbiz.cn „Propaganda und Gerüchte“ verbreitet zu haben. Seither steht er unter ständiger Beobachtung, bei seinen jüngsten Forschungen in Xinjiang wurde er von drei Sicherheitskräften begleitet.

Seine erste Frau habe sich scheiden lassen, weil sie die Einschüchterungen nicht mehr ertragen habe, sagt Tohti. Beim Thema Familie rutscht der Wissenschaftler unruhig auf der Bank hin und her. Seiner Tochter sei vor zwei Jahren in Peking der Zugang zum Gymnasium verwehrt worden. Erst als der Präsident seiner Universität sich eingeschaltet habe, sei sie angenommen worden.

In diesem Februar beschloss Tohti, seine Tochter auf eine Schule in den Vereinigten Staaten zu schicken. Doch Peking verhängte ein Ausreiseverbot auf unbestimmte Zeit. „Die chinesische Regierung hat die Angewohnheit, nicht mehr mit Leuten zu reden, die sie einmal als Separatisten eingestuft hat“, sagt der Journalist und Xinjiang-Fachmann Jiang Zhaoyong über Tohti.

Nicht ohne Gegenwehr

Statt auf Dialog setzt Peking seit den Unruhen von 2009 auf wirtschaftliche Entwicklung, um die ethnischen Spannungen in Xinjiang zu mildern. Kaschgar, das Herz des uigurischen Siedlungsgebiets, soll zu einer Sonderwirtschaftszone und zu einem Handelszentrum auf dem Landweg nach Europa ausgebaut werden. Tohti beklagt, dass vor allem Großunternehmen und Spekulanten aus dem Landesinneren von den neuen staatlichen Anreizen profitierten. „Die kapitalschwachen uigurischen Unternehmen können die Kriterien für die Förderung nicht erfüllen“, sagt er. Doch Ning Wang, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Xinjiang-Akademie für Sozialwissenschaften, hält dagegen: Großunternehmen seien notwendig, um Wissen und Kapital in die Region zu bringen. „Die kleinen lokalen Unternehmen können als Zulieferer davon profitieren.“ Die Zuwanderung von Fachleuten, die aus ihrer Sicht wünschenswert ist, nehmen viele Uiguren als Bedrohung wahr.

Drei Nicht-Uiguren habe es in seiner Kindheit in seiner Heimatstadt Artux gegeben, heute seien es 20.000, sagt der 42 Jahre alte Tohti. Schon als Jugendlicher nahm er an einem Protestmarsch gegen Privilegien für Han-Chinesen teil. Seit den neunziger Jahren unterrichtet er an der Minzu-Universität und forscht zu Themen wie Arbeitslosigkeit und Bildungsmangel in seiner Heimat. Nebenbei setzt er sich für Bürger aus Xinjiang ein, die wegen Konflikten mit der Provinzregierung nach Peking kommen, um ihre Rechte einzuklagen. Für die Zukunft plant Tohti den Aufbau eines Online-Colleges, in dem Uiguren sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen sollen. Doch manche internationale Geldgeber, bei denen er Mittel für das Projekt beantragt hat, sind inzwischen auf Abstand gegangen. „Sie unterstützen nur Projekte, die von der chinesischen Regierung genehmigt sind“, sagt Tohti bitter.

In dieser Woche ist der Professor noch einmal vor seine Studenten getreten, um ihnen das Ende des Xinjiang-Kurses zu verkünden. „Ich habe mehr als eine Stunde lang geredet“, sagt er. Ganz ohne Gegenwehr wollte er das Feld nicht räumen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Eine Zweiklassengesellschaft

Von Christoph Ruhkamp

Europas Autoindustrie teilt sich in zwei Lager: Die Premiumhersteller, deren Geschäfte florieren, und die Massenhersteller. Ihr Geschäft läuft äußerst schlecht. Mehr 24 17

23.05.2012 14:59 Uhr
  Vortag
Dax 6.341,39 −1,46%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.388,58 −1,38%
Dow Jones 12.502,80 −0,01%
EUR/USD 1,2680 −0,02%
Rohöl Brent Crude 107,30 $ −0,88%
Gold 1.582,50 $ 0,00%