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Chile Die Universität als Immobilie

 ·  Die Studentenproteste in Chile sind seltener geworden. Doch der Konflikt ist noch nicht gelöst: die Demonstranten vertreten jetzt bloß konkretere Interessen. Sie wenden sich etwa gegen das Gewinnstreben im Bildungswesen.

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Zwar gehen die chilenischen Schüler und Studenten weiter auf die Straße, es kommt immer wieder zu Protestaktionen, doch die Märsche, Kundgebungen und Streiks sind seltener geworden und verlaufen auch weniger spektakulär und gewalttätig als im vergangenen Jahr. Das heißt allerdings nicht, dass der Konflikt beigelegt wäre. Die Regierung hat einige wenige Zugeständnisse gemacht, in der Sache selbst hat es aber keinerlei Fortschritt gegeben. Den Studenten geht es um nicht weniger als einen tiefgreifenden Wandel im Bildungswesen, das seit der Pinochet-Diktatur nahezu vollständig privatisiert ist. Die Regierung hingegen will trotz der grundsätzlichen Einsicht, dass das System verbessert werden muss, den Bildungseinrichtungen möglichst viele Privilegien erhalten.

Die radikalsten Studentengruppierungen fordern nach wie vor, unverzüglich das gesamte Bildungswesen zu verstaatlichen und jedem Kind eine seinen Talenten entsprechende kostenlose Bildung von der Hauptschule bis zur Universität angedeihen zu lassen. Die Erkenntnis, dass diese Maximalforderung allenfalls in einem langwierigen und komplizierten Prozess zu erreichen ist, scheint sich jedoch allmählich durchzusetzen. Inzwischen verfolgt die Studentenbewegung konkretere und näherliegende Ziele. Derzeit geht es ihr um die Beseitigung einer der Hauptursachen für den desaströsen Zustand des Bildungswesens in Chile: das skrupellose Gewinnstreben der privaten Betreiber von Schulen und Universitäten.

Die Bildungseinrichtungen finanzieren sich vor allem aus den teilweise exorbitant hohen Schul- und Studiengebühren, erhalten aber auch zusätzlich staatliche Zuschüsse. Ihnen ist es gesetzlich verboten, Gewinne zu machen. Dass es gängige Praxis ist, das Verbot zu umgehen, ist seit längerem bekannt, hat sich jedoch zum ersten Mal auf eklatante Weise bestätigt, als kürzlich der Rektor der „Universidad del Mar“ mit Hauptsitz in Viña del Mar und Dépendancen im ganzen Land - eine der größten Hochschulen in Chile mit 20.000 Studenten - nach nur zwei Monaten im Amt zurücktrat. Er übte scharfe Kritik daran, dass die Universität ihren Dozenten und Angestellten umgerechnet etwa eine Million Euro an Gehältern schulde, dass die Besitzer jedoch einen Betrag in ähnlicher Höhe in ihre Tasche gewirtschaftet hätten.

Die Witwe des früheren Diktators Augusto Pinochet, Lucía Hiriart, hatte schon in den siebziger Jahren gezeigt, wie die Geschäfte meist laufen: über den Immobilienhandel - über Kauf und Verkauf, Verpachtung und Unterverpachtung von Grundstücken, Gebäuden und sonstigen Einrichtungen. Pinochet hatte der „gemeinnützigen“ Stiftung seiner Gattin, die vor allem Sozialzentren für Frauen betreibt, eine große Zahl an Liegenschaften und Gebäuden übereignet. Die Mehrzahl dieser Immobilien ist inzwischen an Bildungseinrichtungen verkauft worden, die selbst begannen, damit Geschäfte zu machen.

Universitätsbetreiber hatten Immobilienfirma gegründet

Die Betreiber der Universidad del Mar hatten kurz nach der Gründung der Hochschule 1989 bezeichnenderweise eine Immobilienfirma („Inmobiliaria del Mar“) als Trägergesellschaft ins Leben gerufen. Sie vermehrten das Startkapital von umgerechnet 28.000 bis 2011 auf fast drei Millionen Euro. Die Geschäftstüchtigkeit kam allerdings zum geringsten Teil der Qualität des Lehrbetriebs zugute. Die Universidad del Mar hat einen zweifelhaften Ruf, Dozenten beschwerten sich immer wieder, dass es an Mitteln für einen ordentlichen Unterrichtsbetrieb fehle. Von den Behörden wurde es den Betreibern leicht gemacht, weil es praktisch keine Hürde bei der Zulassung und auch so gut wie keine Kontrolle gab.

Um die Studiengebühren zahlen zu können, müssen die Familien vieler Schüler und Studenten einen Kredit aufnehmen. Als einen Erfolg ihrer Proteste sehen die studentischen Organisationen immerhin die Ankündigung des neuen Bildungsministers Harald Beyer an, die Banken ganz aus dem „Erziehungsmarkt“ herauszuhalten. Künftig würden die Darlehen vom Staat gewährt, dann sei er und nicht mehr das Bankwesen Gläubiger, hatte Beyer versichert. Das sei zwar ein lobenswerter Schritt, doch noch lange nicht die große Bildungsreform, sagen die Anführer der Studentenbewegung. Sie sind vorsichtig geworden, denn erfahrungsgemäß müsse man bei derlei Offerten der Regierung erst das „Kleingedruckte“ lesen. In der Sekundarerziehung, in der ähnlich miserable Verhältnisse wie an den Universitäten herrschen, hat es überhaupt keinen Fortschritt gegeben.

Auch wirtschaftlich erbringe das Bildungs-“Modell“ keine Ergebnisse

Bei den Gesprächen mit Regierungsvertretern haben die Studentenführer beobachtet, dass sie als Dialogpartner nicht ernstgenommen werden. Die Regierung des Präsidenten Sebastián Piñera, eines Multimillionärs, sei von ihrer Auffassung, die Bildung stelle eine Form der „Investitition in menschliches Kapital“ dar wie beliebige andere Formen der Investition, nicht abzubringen, sagt Noam Titelman, der neue Vorsitzende des Studentenverbandes „Feuc“ an der Katholischen Universität, einer der noch am besten funktionierenden Hochschulen. Selbst unter wirtschaftlichen Kriterien bringe das aus der Diktatur ererbte Bildungs-„Modell“ keine Ergebnisse, sagt Titelman. Es sei eines der absonderlichsten Erziehungssysteme, das selbst nach der Logik der Regierung nicht funktioniere. „Wir reden hier nicht einmal von einer revolutionären Veränderung, wir wollen uns nur etwas dem weltweiten Durchschnitt annähern.“ Titelman und die anderen Studentenführer beharren darauf, dass der Staat Bildung als Kulturgut und Grundrecht anerkennen müsse.

Die Studentenbewegung ist sehr heterogen. In langen Diskussionen hat sie sich jedoch allmählich zusammengerauft. Radikale Vertreter wie die Galionsfigur der Proteste, Camila Vallejo, die von der Kommunistischen Partei unterstützt wird und deren Gedankengut vertritt, sind ein wenig in den Hintergrund getreten. Sie ist als Präsidentin des Studentenverbandes an der Universidad de Chile (Fech) abgewählt und nur an zweiter Stelle bestätigt worden. Seine eher gemäßigte Gruppierung von der Katholischen Universität sieht Noam Titelman als Bindemittel zwischen den verschiedenen Strömungen und Interessenverbänden. Es sei wichtig gewesen, dass neue, in der Öffentlichkeit beachtete Figuren wie Camila Vallejo in der Studentenszene die Diskussion nicht nur über die Versäumnisse im Bildungswesen, sondern über die gesamte nationale Politik angefacht hätten. Dass große Teile der Bevölkerung nach wie vor hinter der Bewegung stehen, setze die Regierung weiterhin starkem Druck aus, meint Titelman.

Die Misere im chilenischen Bildungswesen hatte auch schon unter den Vorgängerregierungen der „Concertación“ immer wieder zu Protesten geführt. Die geringe Bereitschaft, damals wie heute, das System umfassend zu reformieren, hat einen einfachen Grund. Wie aus einem Untersuchungsbericht des chilenischen Parlaments hervorgeht, sind nicht wenige Politiker selbst als Mitgründer, Vorstandsmitglieder oder in anderen Positionen an Bildungseinrichtungen engagiert, die lukrative Gewinne abwerfen. Zu diesem Kreis zählen drei aktive Minister im Kabinett des Präsidenten Piñera. Auch der frühere konservative Präsidentschaftskandidat Joaquín Lavín ist an einer gewinnorientierten Universität beteiligt. Ausgerechnet ihn hatte Piñera zum Bildungsminister berufen. Doch unter dem Eindruck der Proteste im vergangenen Jahr hat er seinen Hut nehmen müssen.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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