16.01.2004 · Ständiger Stützpunkt auf dem Mond / "Andere Nationen können sich beteiligen" / Kaum mehr Geld
hra. SAN FRANCISCO, 15. Januar. In einer mit Spannung erwarteten Rede vor Mitarbeitern der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa hat Präsident Bush am Mittwoch Einzelheiten seiner Pläne für die bemannte Raumfahrt bekanntgegeben: Schon in elf Jahren sollen wieder amerikanische Astronauten auf dem Mond landen, und von 2020 an sollen von einem dauernd besetzten Stützpunkt auf dem Erdtrabanten zunächst Flüge zum Mars und später auch zu anderen Planeten des Sonnensystems unternommen werden. Bush lud andere Nationen ein, sich an dem Programm zu beteiligen. Nasa-Direktor O'Keefe ließ aber keinen Zweifel daran, daß es sich um ein amerikanisches Projekt handele, bei dem andere Staaten nur eine Nebenrolle spielen würden.
Bush sagte, das erste Ziel seines Programms sei es, die Internationale Raumstation wie geplant bis zum Jahr 2010 fertigzustellen. Dazu würden - wie vorgesehen - die drei verbliebenen Raumtransporter eingesetzt. Mit der Wiederaufnahme der aufgrund der Columbia-Katastrophe vor fast einem Jahr unterbrochenen Shuttle-Flüge wird im Herbst gerechnet. Nach dem Abschluß der Bauarbeiten an der Raumstation werden diese dann nahezu dreißig Jahre alten Raumschiffe außer Dienst gestellt. Innerhalb der nächsten vier Jahre soll ein neues Raumfahrzeug für bemannte Missionen entwickelt werden. Spätestens im Jahre 2014 werden Astronauten in diesem "Crew Exploration Vehicle" zu ersten Flügen zur Raumstation starten. Schon ein Jahr später könnte eines dieser Raumfahrzeuge zum ersten bemannten Flug zum Mond nach mehr als 40 Jahren aufbrechen.
Bush kündigte an, daß außerdem von 2008 an mehrere unbemannte Sonden auf dem Mond landen sollen. Mit diesen ferngesteuerten Sonden werden Wissenschaftler auf der Mondoberfläche nach einem günstigen Standort für die geplante Mondstation suchen. Sie soll nicht nur als ein dauernd besetztes Quartier für Astronauten dienen. Es ist vorgesehen, daß dort Raumschiffe auch zusammengebaut und zu Flügen zum Mars und anderen Planeten des Sonnensystems gestartet werden. Möglich sei es auch, so sagte Bush, daß in der Station der Treibstoff für interplanetare Missionen hergestellt werde. Dazu sollen Rohstoffe vom Mond benutzt werden. Nach den Plänen des Präsidenten könnte bereits im Jahre 2020 mit dem Bau der Mondstation begonnen werden. Keine konkreten Angaben machte Bush darüber, wann von dort der erste bemannte Flug zum Mars starten soll.
In den kommenden fünf Jahren soll das neue Programm fast vollständig aus dem vorgesehenen Etat der Nasa finanziert werden. Von den 86 Milliarden Dollar, die der Nasa in diesem Zeitraum zur Verfügung gestellt werden, werden durch Umschichtungen elf Milliarden Dollar in das Projekt fließen. (Fortsetzung Seite 2; siehe Deutschland und die Welt sowie Feuilleton.)
Bush will in diesem Zeitraum nur 200 Millionen Dollar pro Jahr zusätzlich für die Weltraumbehörde beantragen. Erst vom Haushaltsjahr 2009 an, also im letzten Jahr einer möglichen zweiten Amtszeit von Bush, ist eine starke Erhöhung des Nasa-Budgets vorgesehen. Um die ehrgeizigen Pläne zu finanzieren, müßte der Etat der Behörde dann um bis zu fünf Prozent pro Jahr steigen.
Nasa-Direktor O'Keefe kündigte an, seine Behörde gründlich umzuorganisieren. Fachleute aus den verschiedenen Raumfahrtzentren werden in einer neu zu schaffenden Abteilung zusammenarbeiten und sich dort um die Entwicklung des neuen Raumfahrzeuges, moderner Raketenantriebe sowie zuverlässiger Systeme zur Herstellung von Trinkwasser und Atemluft im Weltraum kümmern. Gleichzeitig werde man die Prioritäten für die wissenschaftliche Forschung auf der Internationalen Raumstation anders setzen. Künftig werde man sich dort fast ausschließlich mit biowissenschaftlicher und medizinischer Forschung befassen. Ziel sei es, mehr darüber zu erfahren, wie Langzeitaufenthalte in der Schwerelosigkeit den menschlichen Körper beeinflussen.
Die Reaktionen auf die Rede des Präsidenten waren sehr unterschiedlich. Mitarbeiter der Nasa und Vertreter der amerikanischen Luft- und Raumfahrtindustrie begrüßten das Programm, weil es endlich wieder klare Ziele für die bemannte Raumfahrt setze. Viele demokratische Politiker kritisierten den Präsidenten dagegen. Er baue Luftschlösser und vernachlässige dringende innenpolitische Aufgaben, sagte Nancy Pelosi, die Sprecherin der Demokraten im Repräsentantenhaus. Bill Nelson, ein demokratischer Senator aus Florida, der im Jahre 1986 selbst an einem Flug mit einem Spaceshuttle teilnahm, warf Bush vor, die Öffentlichkeit zu täuschen. Es sei unmöglich, mit einer Zusatzfinanzierung von nur einer Milliarde Dollar innerhalb eines Jahrzehnts zum Mond zu fliegen. Ein solches Programm koste viele Hunderte Milliarden Dollar.
Andere Kritiker befürchten, der von Bush vorgelegte Plan könne zu einem neuen Wettrüsten im Weltall führen. Mit dem Programm reagiere Bush auf den Wunsch Chinas, ebenfalls bemannte Flüge zum Mond zu unternehmen. Die Spekulationen über den militärischen Aspekt des amerikanischen Projektes wurden durch Bemerkungen des Vorsitzenden des für die Nasa zuständigen Senatsausschusses genährt. Der republikanische Politiker Sam Brownback sagte, mit dem neuen Programm werde die strategische Vormachtstellung Amerikas im Weltraum gesichert.
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