MADRID, 11. Februar
Die baskischen Eta-Terroristen waren an internationalem Presseecho interessiert, doch es sieht nicht so aus, als habe die Autobombe, die Stunden vor der Eröffnung zweihundert Meter vom Messegelände entfernt explodierte und 42 Menschen verletzte, die Besucher abgeschreckt. Noch vor der offiziellen Einweihung durch das spanische Königspaar und den Staatspräsidenten Mexikos, Vicente Fox, strömte das Publikum in die Hallen; abgesehen von ausgewählten Experten und Sammlern, die auf der Messe bereits vorab den einen oder anderen Handel abschlossen. Durch gestaffelte Eintrittspreise will die Direktorin der Arco, Rosina Gomez-Baeza, in diesem Jahr versuchen, Schaulustige auf die letzten Tage zu plazieren. Mit 200000 Besuchern, Tendenz steigend, seien die Grenzen erreicht.
290 Galerien stellen auf 23000 Quadratmetern in den Hallen sieben und neun vor allem Malerei, Fotografien und Skulpturen aus. Darunter sind in diesem Jahr weniger Spanier und mehr internationale Galerien als im Vorjahr, was die Madrider Presse bemängelt, die Leitung jedoch mit der Nachfrage rechtfertigt. Mexiko ist mit siebzehn Kojen im Hauptprogramm und vier Beiträgen zur aktuellsten Kunst Gastland. Für die audiovisuellen Künste wurde eigens ein "Blackbox" genannter doppelstöckiger Kubus aus Containern eingerichtet.
Einige prominente Galerien der Vorjahre fehlen, doch für die knapp zwanzig Prozent klassische Moderne, die auf der Gegenwartsmesse gezeigt werden, ist gesorgt. Kleine humorige Tuschzeichnungen von Joan Miro aus dem Jahr 1949 sind bei Marwan Hoss aus Paris für 65000 Euro zu haben. Überwältigend ist das Angebot bei Jan Krugier aus Genf, der sich den Stand mit Oriol aus Barcelona teilt und die Sammlung Marina Picassos vertritt. Pablo Picassos "Guitare et partition" von 1920 dürfte mit elf Millionen Euro zu den teuersten Werken der Messe zählen. "Femme aux cheveux boucles" von 1938, ein bescheiden wirkendes anziehendes Porträt auf grauschattiertem Untergrund, kann schon für drei Millionen Euro erworben werden. Für 650000 Euro lockt ein früher kubistischer Blick Diego Riveras auf eine Fabrikanlage. Eine Mischtechnik des in diesem Jahr kaum gezeigten Miquel Barcelo, "Pierres-Tetes" von 1995, ist für 400000 Euro bereits reserviert.
Bei der internationalen Galerie Marlborough dient "Still Life-Broken Statue" von Francis Bacon als Blickfang, ein Ölbild von 1984, für das 2,4 Millionen Euro erwartet werden. Mit "Aurora", einer nackten Frau mit Früchten in frohen Farben aus dem Jahr 1993, ist Fernando Botero vertreten (570000 Euro), mit Öllampen in geschmeidigen Grüntönen (2002) der Hyperrealist Claudio Bravo (304000 Euro). Lisson aus London zeigt Sol LeWitts "Lines in Color", eine lockere Gouache auf Papier aus dem Vorjahr für 19500 Euro. Bei Lelong aus Paris hockt eine gewaltige Figur aus Glasfiber, die die Farbe wechselt und von Bellini bis Beuys mit den Namen von Künstlern versehen ist. Die Skulptur des international erfolgreichen Katalanen Jaume Plensa, "Tatoo" (2004), hält nach weiteren Talenten Ausschau und kostet 110000 Euro. Als schon verkauft meldet die Galerie Filomena Soares aus Lissabon das genüßlich zerlaufene "Scratch" von Peter Zimmermann und behält den Preis für sich.
Mit Fotografie waren die spanischen Galeristinnen erfolgreich. Daß es sich bei den Käufern um Privatpersonen handelt, bestätigt die These, wonach sechzig Prozent des Umsatzes auf der Arco von Sammlern stammen; für den Rest sorgen zahlreiche Institutionen, die mit großzügigen Etats Museen bestücken. Soledad Lorenzo hat eine Serie Fotografien des baskischen Künstlers Juan Usle verkauft, dessen angelndes Kind im roten Mantel vor grauem See, "Sunday Glendalouch 1 2 3", aus dem Vorjahr pro Foto 9000 Euro kostet (Auflage 4). Juana de Aizpuru, die sich zufrieden über die mit viel Arbeit 2004 in die Tat umgesetzte erste Kunstbiennale in Sevilla zeigt, hat die noch frische großformatige Farbfotografie unter Metakrylat "Pferd" der kanarischen Künstlerin Carmela Garcia für 10000 Euro abgesetzt (Auflage 3).
Eine drei mal vier Meter große "Night Scene" genannte Leinwand von Leon Golub von 1988 ist Blickfang bei Barbara Gross aus München (280000 Dollar). Sie zeigt auch das großformatige verlaufene Gelb von Katharina Grosse (28000 Euro). Arco als Brücke nach Lateinamerika interessiert die Hamburger Produzentengalerie, die viele Messen wie etwa die Londoner Messe für zeitgenössische Kunst, Frieze, besucht. Arco richtet sich an den spanisch- und portugiesischsprachigen Markt, eine Aufgabe, die auch die Art Basel Miami Beach ausbauen wird. In Madrid will die Galerie Kontakte zur spanischen, portugiesischen und lateinamerikanischen Szene knüpfen. Mitgebracht hat sie Windmühlen von Andreas Slominski (15000 bis 18000 Euro) und eine flächendeckende Papierarbeit von Thomas Scheibitz, der zusammen mit Tino Sehgal Deutschland auf der diesjährigen Biennale in Venedig vertreten wird. "GP92" von 2005 - eine geometrische Blume oder Mühle - kostet 28000 Euro. Die Kölner Galerie Jule Kewenig hat im Juni eine Dependance in Palma de Mallorca eröffnet und ist vom internationalen und professionellen Klima der balearischen Stadt angetan. Nach Madrid hat sie das lyrische Diptychon einer Seelandschaft des jungen ukrainischen Künstlers Ivan Bazak gebracht, das für 8500 Euro auch übers Eck gehängt werden kann.
Lateinamerika war 1997 Gast der Arco, in diesem Jahr ist es Mexiko und 2008 wird es Brasilien sein. Auch unabhängig vom Gastprogramm nimmt die Beteiligung lateinamerikanischer Galerien stetig zu, der gemeinsame Sprach- und Kulturraum prädestiniert Madrid. Während in der ganzen Stadt Veranstaltungen und Ausstellungen ein breites Panorama mexikanischer Kunst zeigen, gehen die Arco-Beiträge im Gros der Menge auf. Der 1940 geborene Mexikaner Francisco Toledo mit seinen phantastischen Tieren gilt bereits als Klassiker und wird von Galerien in Mexiko-Stadt und Oaxaca vertreten. Frida Kahlo erfreut als "Doppelte Frida", das tun auch Werke von Rufino Tamayo, Leonora Carrington, Gunther Gerzso. Mexiko als Schmelztiegel hat viele Künstler angezogen, Arbeiten des in Madrid geborenen Santiago Sierra und des Belgiers Francis Alys sind mehrfach vertreten. Die Galerie Arte Actual aus Mexiko-Stadt zeigt Bilder des 45 Jahre alten Julio Galan, der zeitweise in den Vereinigten Staaten lebte. Sein "Pase de Muleta" von 2004 spielt mit dem Thema der gespaltenen Persönlichkeit (50000 Dollar).
In der Wiener Galerie Herbert Winter zeigt der Österreicher Michael Höpfner schlichte Schwarzweißfotografien, die er auf seinen Reisen macht und im Labor leicht verfremdet. (Auflage 3, 2400 Euro) Die malerisch wirkenden Landschaften sind nur bei genauem Hinsehen als Wüsten- oder Schneelandschaften zu enträtseln. Schöne Aussichten für das Jahr 2006, dann ist Österreich Gast der Arco. CLEMENTINE KÜGLER
Die Arco findet bis zum 14. Februar auf dem Messegelände Juan Carlos I. in Madrid statt. Geöffnet täglich von 12 bis 21 Uhr. Der Eintritt kostet 24Euro, Katalog mit CD-ROM 40 Euro.
