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Brigitte Bardot Scheltworte der Schönsten

Brigitte Bardot rechnet mit der Gegenwart ab. Wohin sie auch schaut, sie sieht das Chaos ausbrechen: streikende Staatsdiener, aggressive Muslime, Jugendbanden, demonstrierende Homosexuelle.

© Langen Müller Vergrößern

Pfuscht ruhig weiter der Natur ins Handwerk, ruft sie in ihrem Zorn aus. Es gibt keinen Konservativismus, der sich nicht auf die heilenden Kräfte der Natur beziehen würde - wie es keine Linke gibt, die nicht versuchen würde, den größtmöglichen Abstand von der Natur zu gewinnen. Aber ist sie, die einst in dem Film "Viva Maria" mit Jeanne Moreau zur fröhlichen Revolutionsikone der Achtundsechziger wurde, denn konservativ? Ja, und dies in einem spezifischen Sinn. Für Brigitte Bardot ist die Natur, von der her ihre Plaudereien argumentieren, zunächst die eigene, die einer schönen Frau. Sogleich hat sie damit den Gegner gefunden: die Uni- oder vielmehr Homosexualisierung der Gesellschaft, die Verweichlichung der Männer, die künstliche Befruchtung, die Schönheitschirurgie - und die Pornokratie der Gegenwart.

Manchmal erschrickt sie vor dem eigenen Spiegelbild. Als sie 1963 in Godards Film "Die Verachtung" ihrem Partner Michel Piccoli die Worte "Hurensohn, Arschloch, Schwein, verdammte Scheiße" entgegenschleuderte, ahnte sie nicht, daß dieser Ton eines Tages zur Normalität des Fernsehens werden würde: "Selbst der harmloseste Krimi zwingt uns heute, eine Viertelstunde lang Praktiken des Kamasutra über uns ergehen zu lassen, auf die wir gerne verzichten würden." Brigitte Bardot ist nicht die einzige, die die ungehemmte Sexualisierung beklagt. Mancher oder manche, die einmal an Rebellion dachten, müssen nun erleben, daß etwas anderes herausgekommen ist: die Anomie.

Und das Chaos sieht Brigitte Bardot ausbrechen, wo sie auch hinschaut: streikende Staatsdiener, aggressive Muslime, Jugendbanden, demonstrierende Homosexuelle. In der Schule verfällt die Disziplin, leistungsschwache Schüler, so entnehmen wir ihrem Buch, werden im Bürokratesischen als "Lernende mit unterschiedlichem Erfolg" bezeichnet. Von der herrschenden Klasse ist sie enttäuscht; die Politiker, so glaubt sie, hätten "Bammel" vor den verheerenden Überlieferungen der Achtundsechziger. Sie wünscht sich einen Bildungsminister, der "endlich mit der Faust auf den Tisch schlüge". Man erkennt die Sprache des Populismus - und man erträgt den Rundumschlag über weite Strecken, weil er mit der niemals zu ruinierenden, charmanten, geistvollen Frechheit des französischen Chansons vorgetragen wird.

Die andere Natur, in deren Namen Brigitte Bardot spricht, ist die der Tiere. Unter Frankreichs Muslimen hat sie sich mit ihrem Kampf gegen deren Schlachtfeste keine Freunde gemacht. Erschreckendes teilt sie über die Pelzverarbeitung mit. In eher meditativen Kapiteln, die durch Kursivierung vom polemischen Text abgesetzt sind, läßt sie ihr eigenes Leben im Kreis ihrer Tiere Revue passieren - nicht nach Art der Naturapostel und Waldschrate, sondern mit einem Glas Champagner und einer Zigarette dazwischen.

Sehnsüchtig beschwört sie die Zeit ihrer Jugend: "Die Glocken läuteten zur Sonntagsmesse. Die Landpfarrer hielten ihren Schäfchen flammende Reden von der Kanzel herunter. Die Messe wurde auf Latein gelesen, dem Kruzifixus zugewandt, mit dem Rücken zur Gemeinde, und ohne Mikrophon. Das Leben war schön, das im Aufbau befindliche Frankreich war authentisch, patriotisch und chauvinistisch." Wer etwas über die Wählerschicht erfahren will, die vor zwei Jahren mit fast achtzehn Prozent für Le Pens "Front National" stimmte, wird in diesem Buch wertvolle Aufschlüsse finden.

Brigitte Bardot: "Ein Ruf aus der Stille". Rückbesinnung und Auflehnung. Aus dem Französischen von Antoinette Gittinger. Verlag Langen Müller, München 2004. 224 S., Abb., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2004, Nr. 71 / Seite L20

 
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