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Nach der Brexit-Entscheidung : Warum wir eine neue Rebellion brauchen

  • -Aktualisiert am

Betretene Mienen bei den Brexit-Gegnern, als sie in der Nacht zu Freitag in London die ersten Ergebnisse des Referendums erfahren Bild: AFP

Der Brexit ist ein Votum der Älteren gegen eine weltoffenere Jugend. Es verändert die Zukunft von Millionen jungen Europäern. Zum ersten Mal begrenzt eine Generation die Chancen der Nachfahren, statt sie zu erweitern.

          Diese wunderbare Welt: In vielen Ländern Europas leben Menschen, die sich Krieg und eine von Nationalismen geprägte Welt bis vor kurzem nicht mehr vorstellen konnten. Die Grenzen sind geschliffen, Hochgeschwindigkeitszüge verflechten die Metropolen. Wer will, kann sich allerorten Arbeit suchen und Wissen tanken. Die Erleichterungen im grenzüberschreitenden Handel haben geholfen, nie gekannten Wohlstand zu schaffen. In Deutschland haben so viele Menschen Arbeit und damit die Chance zum Aufstieg wie niemals zuvor.

          Es ist das wunderbare Geschenk der Großväter, von dem alle Nachfahren profitieren. Das Geschenk einer kriegsgeschundenen, durch Hunger, Flucht und Elend gemarterten Generation, die dennoch – oft in Eingeständnis großer Schuld – der Zukunft, dem Fortschritt und der Welt zugewandt war wie kaum einer ihrer Vorfahren jemals zuvor.

          Nun ist sie abgetreten, gestorben, verblassen die Erinnerungen. Ihre Nachfahren sind selbst in die Jahre gekommen – und das Bild, das viele der heutigen Generation jenseits der fünfzig abgeben, ist nicht schön. Sie sind es, unter denen die Wähler der AfD besonderen Zulauf haben. Sie sind es, die Populisten wie Marine Le Pen ins Präsidentenamt jubeln wollen. Sie sind es, die jetzt ganz überwiegend für den Brexit gestimmt haben.

          Sie sind die neue Generation „Nein Danke“, eine Generation, in der sich die Furcht um die Zukunft mit einer eigenartigen Sorge um die Reinheit der Heimat zu einem Cocktail aus Verzagen und Abgrenzen mischt. Ihre Ideale sind ähnlich, ob in Deutschland oder dem von vielen Anhängern der neuen Rechten verteufelten Amerika: Die Sehnsucht nach einem vergangenen Zustand, in dem die Nation eine größere Rolle spielte, in dem Einwanderer allenfalls einen Gastarbeiter-Status hatten, in dem angeblich alles so gut und rein und großartig war.

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          Sie sind es aber auch, die sich von den Aufbauleistungen ihrer Eltern genährt haben. Die gesicherte Arbeit in stabilen Konzernen finden konnten, so sie es denn wollten. Sie sind es, die sich an dem Erbe versündigt haben. Die stets über ihre Verhältnisse gelebt haben, indem sie die Staatsverschuldung auf Kosten der Nachfahren munter weiter nach oben getrieben haben. Und die jetzt zu nicht unwesentlichen Teilen von einer Altersversorgung leben, von denen ihre Kinder nur träumen können.

          Verlockung einer diffusen Harmonie einer nie existenten Zeit

          Ausgerechnet sie verbauen nun ihren Nachfahren die Zukunft. „Die jüngere Generation hat gerade das Recht verloren, in 27 anderen Ländern zu leben und zu arbeiten. Wir werden niemals das ganze Ausmaß der verlorenen Chancen, Freundschaften, Ehen und Erfahrungen wissen, die uns jetzt versagt bleiben. Diese Freiheit ist uns gerade genommen worden von unseren Eltern, Onkeln und Großeltern in einem Hieb gegen eine Generation, die ohnehin schon unter der Last der Schulden der Älteren zu kollabieren droht.“ So kommentierte am Freitag ein enttäuschter Leser der britischen „Financial Times“. Was für seine Generation in England gilt, könnte bald für viele andere Jüngere in anderen Ländern Europas ebenso wirklich werden. Populisten in den Niederlanden, Frankreich und anderswo rufen ihre Landsleute dazu auf, es den Briten gleichzutun. Und locken mit der diffusen Harmonie einer vergangenen und so nie existenten Zeit.

          Es wird Zeit für eine neue Rebellion. Es wird Zeit, dass die Jüngeren wieder härter mit den Älteren abrechnen. Es wird Zeit für einen Aufstand der Zukunfts-Ideen gegen das Rückwärts-Ideal. Es wird Zeit, dass aus den Snapchat-Ichs Menschen erwachsen, die ihre Verantwortung für ihre Zukunft in ihre eigene Hand nehmen und den Populisten Einhalt gebieten.

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          Wenn es so weitergeht, wird die Welt der Jungen enger werden

          Nicht das Absentieren von Europa darf das Ideal sein, sondern die kritische Reform von innen heraus, ein Weg, für den sich Schotten und Nordiren entscheiden wollten. Dazu gehört auch die Veränderung der europäischen Verfasstheit. Denn auch hier haben die Älteren zuletzt geschludert. Was sie in bester Intention aufgebaut haben, wurde zusehends bürokratisch, überbordend, teuer und intransparent.

          Die Brexit-Entscheidung ist das beste Argument für eine repräsentative Demokratie. Doch die funktioniert in der interaktiven Neuzeit nur dann, wenn ihre Repräsentanten über die meisten Zweifel erhaben sind. Dass dies von vielen nicht so empfunden wird, ist auch ein Versäumnis der Zwischengeneration.

          Es wird Zeit dafür, dass die Jungen sich wieder mit den Eltern anlegen. Denn wenn es so weitergeht, wird ihre Welt für sie enger, begrenzter und  eintöniger werden und weit weniger Chancen offerieren, als wir sie noch wahrnehmen konnten.

          Quelle: FAZ.NET

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