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Die Alten wählten den Brexit – die Analyse

Von OLIVER GEORGI und TIMO STEPPAT

24.06.2016 · Die Entscheidung ist gefallen, und sie ist historisch: Großbritannien verlässt als bislang erstes Land die Europäische Union. Nord gegen Süd, Arm gegen Reich, Provinz gegen Stadt: Wer hat beim Referendum warum wie abgestimmt? Unsere Wahl-Analyse zeigt die Entscheidung im Detail.

Ein Freitagmorgen, der Europa verändern wird: Die Briten haben mit 51,9 Prozent für einen Ausstieg aus der Europäischen Union gestimmt. Ein Paukenschlag mit Folgen für ganz Europa, dessen Tragweite jetzt noch niemand abzusehen vermag. Denn für einen Austritt aus der EU gibt es bislang weder ein Prozedere noch einen Präzedenzfall. Premierminister David Cameron hat bereits seinen Rücktritt für Oktober angekündigt, und der EU stehen die schwersten Monate ihrer Geschichte bevor. Denn die Befürchtung, dass ein Brexit einen Dominoeffekt auch auf andere europäische Länder haben könnte, ist groß. Schon jetzt fordern die europakritischen Rechtspopulisten in Frankreich und den Niederlanden eigene Referenden, um ihrerseits die EU zu verlassen.

Die Brexit-Abstimmung

Verbleib
Austritt
50%

Stand: 24.06.2016, 12.40 Uhr; Quelle: BBC

Alte wollen Brexit, Junge die EU Anders als bei Wahlen in Deutschland wurden beim Brexit-Referendum keine umfassenden Nachwahlbefragungen durchgeführt. Präzise Daten zur Wählerstruktur und dem Abstimmverhalten gibt es deshalb nicht, wohl aber Hinweise durch Umfragen kurz vor dem Referendum. Das britische Meinungsforschungsinstitut YouGov und die Zeitung „The Times“ haben vom 20. bis 22. Juni insgesamt 3766 der Wähler befragt, die sie bereits in früheren Umfragen nach ihrem Wahlverhalten befragt hatten. Eine der Erkenntnisse: Die Alten bevorzugten den Brexit, die Jungen die EU. Bei den über 65-Jährigen lag die Zustimmung zum EU-Austritt demnach bei 63 Prozent, bei den 50- bis 64-Jährigen immerhin noch bei 56 Prozent. Unter den 25-49-Jährigen plädierten hingegen 55 Prozent für einen Verbleib in der EU, bei den 18-24-Jährigen sogar 80 Prozent.

Meinungsforscher erklären dies damit, dass die Alten „ihr Land“ aus der „guten alten Zeit“ zurückhaben wollen, in der die Dinge noch unilateraler und vor allem überschaubarer schienen. Die jüngeren Briten hingegen, die nur die Zeit der Globalisierung und des zusammenwachsenden Europas kennen, können sich ein Leben mit Grenzen längst nicht mehr vorstellen.

Nord gegen Süd Großbritannien ist tief gespalten. Das zeigt ein Blick in die Regionen: Zwei Drittel der Menschen in Schottland haben für den Verbleib gestimmt. 62 Prozent wollen in der EU bleiben, in der Hauptstadt Edinburgh stimmten sogar 74 Prozent gegen den Brexit. Ähnlich war das Bild in Nordirland, wo knapp 56 Prozent gegen den Brexit votierten. Das Gegenteil im Süden Großbritanniens: In Wales waren 52,5 Prozent der Wähler für den Ausstieg aus der EU, in England lag der Anteil bei 53,4 Prozent.

Das Referendum dürfte diese Spaltung in den kommenden Monaten noch verstärken, vor allem weil es die separatistischen Bestrebungen im Vereinigten Königreich schürt. Dass Nordirland bis auf Ausnahmen wie die Wahlbezirke South Antrim und Upper Bann geschlossen für den Verbleib in der EU stimmte, weil man dort besonders negative Folgen eines Brexits für die Wirtschaft befürchtet, dürfte die schon jetzt vorhandenen Stimmen noch befeuern, sich über kurz oder lang von Großbritannien loszusagen.

Auch Schottland ist traditionell europafreundlich, schon in den Umfragen zeigte sich dort deutlich ein positiver Trend für den Verbleib in der EU. Trotzdem ist bemerkenswert, wie massiv die Ablehnung des Brexits im Norden ausgefallen ist. Die Gedankenspiele, nach dem gescheiterten Referendum 2014 jetzt ein weiteres anzustreben, um sich vom Vereinigten Königreich loszusagen und mithin in der EU bleiben zu können, sind nach dieser denkwürdigen Abstimmung auch in Schottland deutlich realistischer geworden.

Großstadt gegen Provinz – Arm gegen Reich Wie erwartet haben die Wähler in den großen Städten in vielen Fällen gegen den Brexit gestimmt. In London lehnten fast 60 Prozent der Wähler den Ausstieg aus der EU ab, in Manchester waren es sogar mehr als 60 Prozent. Ähnlich klar sieht das Ergebnis in Liverpool (58,2 Prozent dagegen) aus. In Leeds (50,2 Prozent) und Birmingham (50,4 Prozent) schnitten die Brexit-Befürworter hingegen nur leicht besser ab als die Brexit-Gegner.

In der Londoner City hat in den vergangenen Wochen das Bewusstsein zugenommen, dass man durch einen Brexit möglicherweise den eigenen Status als bis dato wichtigster europäischer Bankenplatz gefährdet – das sieht man an der zuletzt deutlich gewachsenen Zustimmung zum EU-Verbleib. Nahezu zwei Drittel haben etwa im Stadtbezirk Barnet gegen den Brexit gestimmt, drei Viertel waren es im Stadtzentrum.

In ländlichen Regionen wie Yorkshire fällt die Ablehnung der EU hingegen besonders stark aus. Im dortigen Wahlbezirk East Lindsey etwa stimmten 71 Prozent und damit nahezu drei Viertel der Wähler für den Brexit. Hier erzielte auch die europafeindliche Ukip-Partei in der Vergangenheit große Erfolge.

Auch die Frage von Arm oder Reich hat eine große Rolle bei der Entscheidung gespielt, wie ein Blick auf London zeigt: Dort entspricht die Verteilung von „Remain“ und „Leave“ in etwa der Verteilung des Wohlstands. Während es London und seinem Speckgürtel gut geht, ebenso wie der Region um die Universitätsstadt Cambridge, hat der Osten mit hoher Arbeitslosigkeit und geringeren Einkommen zu kämpfen. Arbeiter aus Osteuropa werden oftmals als Konkurrenz wahrgenommen, in Großbritannien machen sie einen hohen Anteil aus. Auch, weil sie Tätigkeiten übernehmen, vor denen viele Briten zurückschrecken.

Arbeiter wollen raus aus der EU, Gebildetere eher nicht Ein weiterer Trend lässt sich zwar nicht aus umfangreichen Erhebungen präzise festlegen, jedoch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit aus Umfragen ablesen: Je qualifizierter der Berufsabschluss und je höher der soziale Status, desto stärker ist auch die Bindung an die EU. In der YouGov-Umfrage vom 20. bis 22. Juni sprachen sich unter den Befragten der so genannten „ABC1“-Gruppe, die in der britischen Marktforschung die Mitglieder einer der drei höchsten sozioökonomischen Gruppen bezeichnet, 59 Prozent klar für einen Verbleib in der EU aus. In der „C2DE“-Gruppe der drei niedriger gestellten Schichten votierten hingegen 61 Prozent für den Brexit.

Auch das könnte sich dadurch erklären, dass höher Qualifizierte die Vorteile einer globalisierten Welt eher für sich zu nutzen bereit sind und damit auch die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU als Vorteil ansehen. Arbeiter, die in ihrem Berufsumfeld seltener mit der EU konfrontiert sind, sehen in der Mitgliedschaft hingegen eher eine bürokratische Bürde, die die Souveränität ihres Landes einschränkt.

Cameron argumentierte gegen die eigene Partei Unter den Anhängern der Konservativen war die Zustimmung zum Brexit offenkundig deutlich größer als bei Labour: In der YouGov-Befragung kurz vor dem Referendum gaben 59 Prozent der Konservativen an, für den Brexit stimmen zu wollen, bei den Labour-Anhängern plädierten hingegen 68 Prozent, bei den Liberaldemokraten sogar 71 Prozent gegen einen EU-Austritt. Premierminister David Cameron, der Europaskeptiker, der über Jahre die Nachteile der britischen EU-Mitgliedschaft betont hatte, seine Landsleute seit der Ankündigung des Referendums dann aber doch zum Verbleib in der EU aufforderte, argumentierte zuletzt also gegen die Mehrheit seiner eigenen Partei – mit ein Grund, warum er schon am Freitagmorgen seinen Rückzug als Premierminister im Oktober ankündigte. Wenig überraschend: Unter den Anhängern von Nigel Farages europakritischer Ukip-Partei gaben in der Umfrage 93 Prozent der Befragten an, für einen Brexit stimmen zu wollen.

Hohe Mobilisierung Bemerkenswert ist die hohe Wahlbeteiligung an dem Referendum: Mit über 72 Prozent lag sie noch deutlich über der bereits vergleichsweise hohen Mobilisierung bei den Unterhauswahlen 2015. Damals lag die Wahlbeteiligung bei 66,1 Prozent. Mit 46,5 Millionen Menschen haben sich für das Referendum so viele Menschen wie noch nie für die Wahl registriert. Allerdings waren Demoskopen sogar von einer Mobilisierung von bis zu 80 Prozent ausgegangen. Damit verbunden war die Annahme: Je höher die Wahlbeteiligung, desto größer die Chance, dass die Briten sich für „Remain“ entscheiden. Diese Annahme hat sich nicht erfüllt. Letzte Umfragen am Tag des Referendums, die die Brexit-Gegner im Vorteil sahen, könnten nach Ansicht mancher Beobachter dazu beigetragen haben, dass manche Brexit-Gegner sich zu sicher fühlten und deshalb in letzter Minute doch nicht zur Wahl gingen.

F.A.Z.-Multimedia: Ulrike Engel, Johannes Thielen

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 24.06.2016 14:18 Uhr