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Rassismus nach Brexit-Votum : „Wir haben Dich aus dem Land gewählt!“

Demonstration gegen Rassismus in London: Die Organisatoren von #PostRefRacism sammeln Berichte von Übergriffen. Bild: Picture-Alliance

Die Nationalisten haben sich beim Brexit durchgesetzt. Die Entscheidung hat in Großbritannien eine Welle des Hasses ausgelöst: Ausländer werden zunehmend angegriffen. Auch Sadiq Kamal aus York.

          Es ist zwanzig vor zehn, Sadiq Kamal gerade auf dem Weg nach Hause, als plötzlich zwei Männer auf ihn zugehen. „Was machst du noch hier?“, ruft einer. „Wir haben dich doch aus unserem Land gewählt!“ Kamal telefoniert gerade mit seiner Verlobten. „Was ist da bei dir los?“, fragt sie ihn, sie hört das Grölen im Hintergrund. Er bekommt Panik, legt auf und will sich auf die Situation konzentrieren. „Ich bin Bürger des Vereinigten Königreiches“, antwortet er den beiden Männern und fügt trotzig „Ihr Dummköpfe“ hinzu. Im gleichen Moment trifft Kamals Gesicht ein fester Schlag. Mit der flachen Hand hat ihn einer der beiden Männer, die etwa Mitte 30 sind, geschlagen. Kamal tut dann etwas, was ihn seit vier Tagen ärgert: Er läuft einfach weg. So schnell er kann.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Der 28 Jahre alte IT-Entwickler aus London ist in seiner Heimatstadt, dem nordenglischen York zu Besuch. Er hat nicht für damit gerechnet, dass man ihn anpöbeln, schlagen würde. Als er atemlos in der Wohnung seiner Eltern angekommen ist, blickt er in den Spiegel. Die Wange ist rot, ansonsten keine Verletzungen. Er fragt sich, was da gerade passiert ist. Die ersten 18 Jahre seines Lebens hat er in dem Städtchen verbracht, hat im indisch-pakistanischen Imbiss seiner Eltern ausgeholfen, ist zur Schule gegangen und hat Cricket gespielt. „Ich kenne York gut und ich habe mit so etwas nie gerechnet“, sagt er. „Doch nicht in Großbritannien.“ Nicht in einem Land, dessen Straßenbild und Kultur von Einwanderern geprägt ist.

          „Rassismus in Brexit-Rhetorik"

          Seit dem Brexit scheint eine Welle des Hasses über das Land zu rollen. Die Zahl der „hate crimes“, zu denen Beschimpfungen, Übergriffe und etwa fremdenfeindliche Graffiti zählen, ist seit vergangener Woche Freitag laut Polizeistatistik um 57 Prozent angestiegen. Damit bestätigt sich auch in den Zahlen eine Entwicklung, die sich seit seit dem Brexit-Referendum abgezeichnet hat. Unter dem Hashtag #PostRefRacism finden sich bei Twitter viele kleinere und größere verbale Attacken gegen Migranten.

          In einem Tweet heißt es dort, ein muslimischer Junge sei nach der Brexit-Entscheidung in der Schule mit den Worten „Tschüss! Jetzt musst du nach Hause fahren“, begrüßt worden. An anderer Stelle wird berichtet, eine junge Polin mit Kind sei in der Straßenbahn von einer alten Britin beschimpft worden, sie solle aussteigen und ihre Sachen packen.

          Ein Mann berichtet bei Twitter, wie er am Tag nach dem Referendum mit einem Anderen Rumänisch gesprochen habe. Zwei Fahnen schwingende Briten hätten das gehört, seien auf sie zugekommen und hätten gesagt: „Wir haben euch rausgewählt: Geht nach Hause, ihr verdammten Einwanderer."

          Eine Unternehmerin, die sich für die Remain-Kampagne einsetzte, berichtete dem „Independent“, sie habe zu hören bekommen, sie solle nach dem Sieg der Brexit-Befürworter nun das Land verlassen. Sie hatte „rassistische Rhetorik“ auf Seiten der Leave-Kampagne kritisiert. „Ich sehe nicht, wie sich das Land selbst heilen kann", sagte sie, der Riss gehe zu tief. Das Vereinigte Königreich sei ihre Heimat, nun fühle sie sich zunehmend entfremdet.

          Nein zu Rassismus, Nein zu Fremdenfeindlichkeit, Nein zu Islamophobie: Demonstranten gehen am Tag nach dem Brexit-Referendum gegen den zunehmenden Hass auf die Straße
          Nein zu Rassismus, Nein zu Fremdenfeindlichkeit, Nein zu Islamophobie: Demonstranten gehen am Tag nach dem Brexit-Referendum gegen den zunehmenden Hass auf die Straße : Bild: Picture-Alliance

          Im Netz verbreitete sich auch ein Video, in dem ein Amerikaner zwei junge Briten auffordert, in der Straßenbahn auf ihre Sprache zu achten. Sie beschimpften ihn daraufhin als „dreckigen Einwanderer“, der zurück nach Afrika gehen solle. Als er ihnen antwortete, er sei schon länger als sie im Land, wiederholten sie ihre Beschimpfungen. Der britische Fernsehsender Channel 4 interviewte den Mann später. Er sagte, er empfinde Britannien als seine Heimat. „Aber das ist nicht mein Land.“ Zwei Männer, die im Zusammenhang mit der Pöbelei standen, sind am Mittwoch festgenommen worden.

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