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Mega-Demo zum Brexit : Die Hoffnung stirbt zuletzt

  • -Aktualisiert am

Hunderttausende demonstrieren am 20. Oktober in London für ein zweites Brexit-Referendum. Bild: EPA

Während die Austrittsverhandlungen zwischen der EU und Großbritannien immer noch keine sichtbaren Fortschritte bringen, gehen in London über eine halbe Million Menschen auf die Straße. Die Stimmung ist hoffnungsvoll.

          In der Londoner U-Bahn ist es immer voll, heiß und eng. Doch das Gedränge, das am Samstagvormittag in fast allen Stationen im Stadtzentrum herrscht, übersteigt das Normale um ein Vielfaches. Rentner, Familien mit Kindern und viele junge Menschen sind unterwegs. Sie folgen dem Aufruf der Initiative „The People’s Vote“, auf Deutsch „Das Votum des Volkes“, um für ein zweites Brexit-Referendum zu demonstrieren.

          100.000 Teilnehmer waren ursprünglich erwartet worden, am Ende sind es laut Veranstalterangaben sogar mehr als eine halbe Million geworden. Aus dem ganzen Land, teilweise sogar aus anderen europäischen Ländern, sind die Demonstranten nach London gekommen, weil sie noch einmal darüber abstimmen lassen wollen, ob das Vereinigte Königreich im kommenden Frühjahr aus der Europäischen Union austritt. Sie sehen in einem zweiten Referendum die einzige Möglichkeit, den Brexit zu verhindern.

          Die Stimmung hat sich verändert

          Auch Andy Knowles und Lorraina Ghanghan sind früh aufgestanden, um beim Demonstrationsmarsch vom Hyde Park bis zum Westminster-Parlament dabei zu sein. Vier Stunden ist das Paar aus den East Midlands, der Region um die Städte Leicester und Nottingham, angereist. Sie wollen ihrer Unzufriedenheit mit der Politik der konservativen Tory-Regierung von Premierministerin Theresa May Ausdruck Ausdruck verleihen. Die beiden gehören zum Remain-Lager und fürchten die Auswirkungen des Brexits auf die britische Wirtschaft und Gesellschaft. May und mit ihr ein Großteil der politischen Elite des Landes habe den Kontakt zur Bevölkerung verloren, sagt Ghanghan.

          Mit Plakaten gegen das Ausscheiden aus der EU: Samstagvormittag in London

          Die Stimmung zum EU-Austritt habe sich deutlich verändert. „Die Mehrheit der Briten will in der EU bleiben“, ist sich Knowles sicher. Das Ergebnis des ersten Referendums führen die beiden auf die Unwissenheit der Menschen zurück. „Inzwischen kann jeder sehen, dass der Brexit ein Desaster ist“, sagt er. Denn im Gegensatz zum Unabhängigkeitsreferendum in Schottland oder zur Abtreibungsabstimmung in Schottland habe beim Referendum zum Brexit kein eindeutiges Gesetz vorgelegen. Der einzige mögliche Ausweg sei daher ein zweites Referendum. Neuwahlen sind für die beiden keine Option. „Für wen sollen wir denn da stimmen“, fragt Ghanghan. Niemand wisse doch, wie Jeremy Corbyn und die Labour-Partei letztlich zum Brexit stehen werden.

          Wo ist Jeremy?

          Tatsächlich ist die Kampagne „The People’s Vote“ explizit überparteilich und wird von verschiedenen britischen Abgeordneten aller Parteien unterstützt. Auf der Straße sind neben der europäischen Flagge und dem Union Jack auffällig häufig Spruchbänder und Plakate der sozialdemokratischen Labour-Partei zu sehen. Deren Parteichef Corbyn jedoch sucht immer noch nach seiner Haltung zu einem zweiten Referendum, was einige Demonstranten mit sarkastischen „Wo ist Jeremy“-Rufen kommentierten. Tatsächlich ist Corbyn momentan in Genf und trifft sich dort mit Vertretern der Internationalen Arbeiterorganisation.

          Prominentester Fürsprecher der Bewegung ist stattdessen der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, der die Londoner Bürger bereits am Vortag zur Teilnahme an der Demonstration aufgerufen hatte. Gemeinsam mit tausend jungen Briten führt der Labour-Politiker den Marsch, der sich auf Grund der großen Teilnehmerzahl die meiste Zeit kaum fortbewegte, an. Auf der Bühne spricht Kahn dann von einem „historischen Moment“. Die Regierung habe „kein Mandat um die Zukunft des Landes zu verspielen.“ Er kritisiert weiterhin, dass die Stimme der jungen Briten beim letzten Referendum nicht gehört worden sei.

          Die Jugend demonstriert

          In der Tat sind unter den Demonstranten an diesem Samstag viele Studenten und junge Familien. So auch das Ehepaar Nick und Lauren Ludlow mit ihren Kindern Travis, Charly und Joudi. „Wir wollen in Europa leben, studieren und arbeiten“, haben sie auf ihre Schilder geschrieben. In ihrem Freundeskreis nehmen sie wahr, dass sich die Stimmung in der britischen Bevölkerung verändere. Viele, die früher für den Brexit gewesen seien, hätten ihre Meinung nun geändert, sagt Nick Ludlow und fordert daher einen Politikwechsel der Regierung. Ein zweites Referendum sei die einzige Möglichkeit, diesen Kurswechsel herbeizuführen, meint die Familie. Denn wenn sich bei Neuwahlen das Hard-Brexit-Lager durchsetze, werde die Situation womöglich nur noch schlimmer.

          Über die Frage, ob und wie ein zweites Referendum überhaupt durchführbar ist, wurde unter den Demonstranten am heutigen Tag kaum gesprochen. Auch die Veranstalter halten sich diesbezüglich auffallend zurück. In ihrer öffentlichen Stellungnahme heißt es stattdessen nur, dass eine so wichtige Entscheidung wie die über ein zweites Brexit-Referendum nicht an bürokratischen Hürden scheitern dürfe. Die Denkfabrik „The Constitution Unit“ des University Colleges London hatte bereits in der vergangenen Woche ermittelt, dass die Vorlaufzeit für ein demokratisches Referendum einer informierten Öffentlichkeit mindestens 22 Wochen betrage und ein solches damit vor dem Ende der Übergangszeit März 2019 kaum noch durchzuführen sei.

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