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Johnsons Rückzug : Die Reißleine vor dem Abflug gezogen

Nicht dieses unfreundliche Transparent sondern eine fehlgeleitete E-Mail könnte Boris Johnson zur Absage bewegt haben. Bild: AFP

Auf den letzten Metern wirft Boris Johnson hin. Sein engster Verbündeter war ihm in den Rücken gefallen. Dabei spielte eine fehlgeleitete E-Mail eine wichtige Rolle. Eine Brexit-Gegnerin könnte nun Premierministerin werden.

          War es am Ende eine fehlgeleitete E-Mail, die über den nächsten Regierungschef Britanniens entschieden hat? Kurz bevor die Nominierungsfrist für die Kandidaten am Donnerstagsmittag ablief, überschlugen sich die Ereignisse in London: Justizminister Michael Gove, der bis dahin engste Verbündete des Favoriten Boris Johnson, kündigte überraschend einen Alleingang an. Bildungsministerin Nicky Morgan zog daraufhin ihre Bewerbung zurück und unterstützte Gove. Kurzzeitig wurde spekuliert, ob Johnson überhaupt noch in dem Hotel auftauchen würde, in dem er seine Kandidatur bekanntgeben wollte. Er kam. Er scherzte. Er zog zurück.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Shakespeare hätte nicht kunstvoller anordnen können, was sich in der Nacht und den Stunden vor Ablauf der Nominierungsfrist abspielte, oder besser: abgespielt haben muss. Denn den staunenden Zuschauern dieses so komplexen wie persönlichen Machtkampfs sind natürlich nur Bruchstücke der wahren Ereignisse bekannt.

          Eines davon ist die Email, die Goves Ehefrau, die Journalistin Sarah Vine, versehentlich in CC an einen Adressaten geschickt hatte, der den Inhalt sogleich in Umlauf brachte. Darin warnte Vine in vor zu viel Vertrauen in Johnson. Er müsse sich „spezifische Zusicherungen“ von „Boris“ geben lassen, riet sie. Zugleich vermutete sie, dass die Partei, aber auch die Eigentümer der Medienorgane, die den Brexit befürworten, Johnson nur dann unterstützen würden, wenn Gove mit an Bord sei. „Gib kein Stück Boden Preis, spiel Deine Sturheit aus, viel Glück“, schloss Frau Vine ihr Schreiben.

          Das Schriftstück, das noch am späten Mittwochabend in das Studio von „Newsnight“ – die britischen „Tagesthemen“ – hereingereicht wurde, führte vor Augen, wie angespannt das Verhältnis im vermeintlichen „Dream Team“ für das Post-Brexit-Britannien gewesen sein muss. Über Monate hinweg hatten Johnson und Gove, die beiden ungleichen Politiker, für den Ausstieg aus der EU gekämpft. Oft waren sie gemeinsam aus dem knallroten Wahlkampfbus gestiegen – dem „Battle Bus“, der in Wahrheit der „Boris-Bus“ war, und die Kampagne in die letzten Winkel des Landes getragen hatte. Dann kam diese Mail. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass sie die Lage eskaliert hat.

          Eine kurzfristige Entscheidung

          Mit ihrer Forderung nach „spezifischen Zusicherungen“ brachte Vine eine Stimmung auf den Begriff, die schon seit Anfang der Woche um sich griff. Am Montag hatte Johnson in seiner Kolumne im „Daily Telegraph“ dem verbreiteten Eindruck widersprochen, die Einwanderungsfrage hätte im Mittelpunkt der Volksentscheidung gestanden. Zugleich warb er für den fortgesetzten Zugang zum EU-Binnenmarkt – ein Ziel, das wahrscheinlich ohne die Freizügigkeit der Arbeitnehmer nicht zu haben ist. Viele erkannten darin ein „Zurückrudern“ des Chef-Brexiteers. Betreibt Boris heimlich den „Exit aus dem Brexit?“, wurde gefragt.

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