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Jo Cox : Tod einer Hoffnungsträgerin

Jo Cox bei einer Rede im britischen Unterhaus Bild: AFP

Erst ein Jahr gehörte Jo Cox dem britischen Unterhaus an. Ihrem Bestreben, mehr für syrische Flüchtlinge zu tun und für den Verbleib ihres Landes in der EU zu streiten, setzte der tödliche Angriff auf sie ein Ende.

          Bis in den Abend hinein zeigte die BBC alte Filmaufnahmen: Jo Cox, wie sie in ihrem nordenglischen Wahlkreis Batley and Spen mit Bürgern diskutierte, Jo Cox, wie sie schnellen Schritts durch die Westminster Hall in London läuft. Es waren unbekannte Mitschnitte, denn die junge Frau hatte nicht viel Zeit gehabt, um auf den Schirm der nationalen Politikbeobachter zu kommen. Helen Joanne Cox, die von allen „Jo“ genannt wurde, war erst im Mai vergangenen Jahres ins Unterhaus gewählt worden. Dort hinterließ sie allerdings Eindruck bei den alteingesessenen Kollegen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Wie so viele Abgeordnete im britischen Parlament war Cox keine Berufspolitikerin. Sie kam aus der Entwicklungszusammenarbeit, in die sie nach ihrem Studium in Cambridge gefunden hatte. Ihre Zeit bei der “Gates Stiftung” und der Hilfsorgansiation “Oxfam” führte sie immer wieder in die armen Regionen der Welt, vor allem nach Afrika. Ihr Augenmerk lag auf der Situation der Kinder und der Frauen. Eine Zeitlang arbeitete sie auch als Beraterin von Sarah Brown, der Ehefrau des früheren Premierministers Gordon Brown, die Gesundheitskampagnen für Kinder und Frauen unterstützt. Mehrere Abgeordneten-Kollegen, die ihrer am Donnerstag gedachten, erinnerten daran, dass Jo Cox eine Menge Erfahrung mitgebracht hatte, als sie im Alter von 40 Jahren zum ersten mal auf den hinteren Oppositionsbänken Platz nahm.

          Premierminister David Cameron, der nach den Berichten über das blutige Attentat seine Referendumsveranstaltung in Gibraltar absagte, bescheinigte ihr ein „großes Herz“. Sie gehörte zu den Parlamentariern, die mehr für die syrischen Flüchtlinge – vor allem die Kinder – tun wollten, als dies der Regierung angemessen erscheint. Im vergangenen Jahr warb sie für ein humanitäres Eingreifen in Syrien, enthielt sich dann aber bei der Abstimmung über eine Ausdehnung der Militärschläge auf Syrien. Camerons Strategie leuchtete ihr nicht ein. Bis zu ihrem Tod leitete sie die Allparteieninitiative „Parlamentarische Freunde Syriens“.

          Im vergangenen Sommer war sie unter den drei Dutzend Abgeordneten, die den linken Hinterbänkler Jeremy Corbyn für die Urwahl zum neuen Labour-Parteichef nominierten. In der Abstimmung machte sie ihr Kreuz dann aber bei – der dem pragmatischen Flügel zugerechneten – Liz Kendall. Im vergangenen Monat bedauerte sie, die Kandidatur Corbyns ermöglicht zu haben. In einem Artikel für den „Guardian“ – kurz nach den Regionalwahlen – bezweifelte sie, dass Corbyn das Zeug habe, Premierminister zu werden. Sie hielt ihm „schwache Führung, schlechte Urteilsfähigkeit und irregeleitete Prioritäten“ vor. Besonders missfiel ihr, dass er sich nicht kraftvoll genug für den Verbleib Britanniens in der EU einsetzte. Ob ihr leidenschaftliches Eintreten gegen einen „Brexit“ und die alles dominierende Angst vor der Einwanderung womöglich den Täter gegen sie aufgebracht hat, werden die Ermittlungen der nächsten Tage zeigen. Ein Zeuge des Attentats berichtete am Donnerstag, dass der Täter „Britain First!“ gerufen habe, den Slogan der gleichnamigen fremdenfeindlichen Partei.

          Viele Labour-Abgeordnete beklagten am Donnerstag den Verlust eines „aufgehenden Sterns“ und einer „jungen Hoffnung” für die Partei. Sie würdigten ihren „mitfühlenden“ Politikstil, ihre „aufrechte Haltung“, auch ihre Energie und Organisationskunst. Noch mehr vermissen werden sie aber ihre beiden Kinder, die drei und fünf Jahre alt sind, sowie ihr Ehemann Brendan Cox, der im vergangenen Jahr seine leitende Funktion bei „Save the Children“ aufgab. Noch bevor der Tod von der Polizei in West Yorkshire bekanntgegeben wurde, twitterte Brendan Cox kommentarlos ein Foto, das seine Frau lachend vor dem Hausboot zeigte, in dem sie nahe der Londoner Tower Bridge zusammen gelebt haben. Zu dem Zeitpunkt wusste er vermutlich schon mehr als die britische Öffentlichkeit.

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