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Gespräch mit Mervyn King : „Der Brexit bietet Chancen für alle“

Lord Mervyn Allister King, 69, war viele Jahre einer der einflussreichsten Zentralbanker der Welt. Bild: ddp Images

Am Montag beginnen die offiziellen Gespräche über den Ausstieg der Briten aus der EU. Der frühere Chef der englischen Notenbank, Mervyn King, sieht im Brexit vor allem Vorteile für alle Beteiligten.

          Lord King, hat Sie der Ausgang der britischen Parlamentswahlen überrascht?

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um ehrlich zu sein: In meinem Heimatland überrascht mich mittlerweile gar nichts mehr. Verstehen Sie bitte, dass ich mich zu den handelnden Politikern im Detail nicht äußern will. Das ziemt sich nicht für einen früheren Notenbankpräsidenten, der wie ich zehn Jahre die Bank of England geführt hat. Nur so viel: Mein Eindruck ist, dass keiner unserer Politiker, egal von welcher Partei, im Wahlkampf die eigentlich entscheidende Frage gestellt hat: Was wird die zukünftige Rolle Großbritanniens in Europa sein?

          Aber das ist doch die Frage, um die es in der gesamten Brexit-Debatte ständig geht.

          Das sehe ich nicht so. Ich habe das Gefühl, dass beide Seiten – die Briten und die übrigen Europäer – in all dem Brexit-Gezeter etwas Grundlegendes vergessen. Ob nun als Mitglied der Europäischen Union oder nicht: Wir Briten sind und bleiben doch immer noch Europäer. Und wir lieben Europa. Nie sind die Briten mehr durch Europa gereist, nie haben mehr Briten auf dem Kontinent gelebt, geliebt und gearbeitet als heutzutage. Ja, geliebt! Wir Briten sind gespalten in der Frage, was wir von der EU halten sollten, wir sind auch keine Anhänger des Euros, aber wir sind ein Teil Europas.

          Trotzdem: Der Austritt Großbritanniens aus der EU wird die Handelsbeziehungen zum übrigen Europa deutlich verändern.

          Ich halte das für einen Fehlschluss. Die langfristigen ökonomischen Konsequenzen werden nicht dramatisch sein, da bin ich mir sicher. Politisch betrachtet waren die Brexit-Entscheidung und ihre Folgen natürlich ein Erdbeben, aber unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten kann davon keine Rede sein. Unternehmen wollen möglichst einfach Geschäfte mit anderen Unternehmen betreiben, und sie haben ein Interesse daran, dass dies auch nach dem Austritt Großbritanniens so bleibt – sowohl auf britischer als auch auf europäischer Seite. Seien Sie darum gewiss: Die Geschäftswelt wird ausreichend Druck auf die Regierungen ausüben, damit sie die offenen Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und Europa erhalten.

          Aus britischer Sicht mag der Wunsch verständlich sein. Aber was hat das restliche Europa davon?

          Wir müssen endlich begreifen, dass der Brexit mit enormen Chancen einhergeht, die wir alle zusammen nutzen können. Das Schöne darin ist doch: In Zukunft können Briten und Europäer frei von den Zwängen der EU entscheiden, auf welchen Feldern sie kooperieren wollen und wo nicht. Das bietet sich beispielsweise in Sicherheitsfragen an oder auch in Bildung und Forschung. In diesen Bereichen haben beide Seiten etwas von der Zusammenarbeit. Und zugleich werden wir bald alle von der Qual erlöst sein, immer zusammenarbeiten zu müssen. Das hat in der Vergangenheit häufig zu schrecklichen Kompromissen in Brüssel geführt.

          Sie spüren keinerlei Bedauern darüber, dass Großbritannien an dieser Suche nach Kompromissen in Zukunft nicht mehr beteiligt sein wird?

          Im Gegenteil. Beide Seiten erleben auf diese Weise einen Zugewinn an Freiheit. Was kann es Besseres geben? Die verbleibenden EU-Mitglieder können ohne die häufig bremsenden Briten schneller Einigkeit erzielen. Und die Briten müssen nicht Teil einer sich vertiefenden EU bleiben, was sie nie wollten. Auf diese Weise werden sich viele der politischen Spannungen, die wir derzeit sehen, gewissermaßen in Luft auflösen.

          Ihr Optimismus in Ehren: Aber könnte die Sache nicht doch schiefgehen?

          Unvorhergesehenes kann immer passieren, davor ist man nie gefeit. Ich werbe nur dafür, den Prozess ohne jede Verzagtheit anzugehen.

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