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Folgen des EU-Austritts : Die wachsende Angst vor einem Chaos-Brexit

Theresa May im Oktober 2017 in London Bild: Reuters

Ein ungeordneter Austritt Großbritanniens aus der EU schien lange kaum wahrscheinlich. Jetzt wandelt sich die Stimmung. Die Regierung bereitet sich auf eine Katastrophe vor.

          Es ist ein Ereignis, von dem Unternehmenschefs auf beiden Seiten des Ärmelkanals hoffen, dass es niemals eintreten wird: Freitag, der 29. März 2019, der Tag, an dem Großbritannien die Europäische Union verlässt – und fast nichts ist geregelt. Die Austrittsverhandlungen zwischen London und Brüssel sind geplatzt. Es gibt kein Scheidungsabkommen, das einen geordneten Brexit ermöglichen würde, keinen Plan für die künftigen Handelsbeziehungen und auch keinen Aufschub, der mehr Verhandlungszeit schaffen würde.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Briten stolpern einfach so aus der EU. Und wie geht es danach weiter? Es ist das neueste Schlagwort in der Debatte um den britischen Austritt: Der „No Deal Brexit“ galt, trotz aller Schwierigkeiten, bisher als ein eher hypothetischer Grenzfall. Die Drohungen der britischen Premierministerin Theresa May, dass „kein Deal besser als ein schlechter Deal“ sei, wurde als Bluff interpretiert, um Druck in den Verhandlungen aufzubauen. Zu viel stehe für beide Seiten auf dem Spiel, als dass London und die EU die Austrittsverhandlungen gegen die Wand fahren ließen, so das Argument. Doch nachdem mehr als ein Viertel der kostbaren zweijährigen Verhandlungsfrist ohne große Fortschritte verstrichen ist, wird ein ungeordneter Brexit allmählich zur realen Bedrohung.

          Keine Garantie für eine Übergangsregelung

          Die britische Regierung spricht offen von einer „Notfall-Option“, auf die man sich nun vorbereite. „Es gibt keine Garantie für auch nur eine einzige Übergangsregelung, geschweige denn einen final austarierten Pakt für das künftige Verhältnis zwischen EU und Vereinigtem Königreich“, mahnt Joachim Lang, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Es wäre „naiv“, wenn sich die Unternehmen nicht auch auf ein Scheitern der Verhandlungen vorbereiten würden, sagt Lang. Die Analysten der amerikanischen Großbank JP Morgan sehen mittlerweile eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent dafür, dass der No-Deal-Brexit bevorsteht.

          Bild: F.A.Z.

          Wenn es wirklich so käme, rechnen die meisten Ökonomen mit ziemlich beispiellosen wirtschaftlichen Verwerfungen: Kilometerlange Lastwagenstaus vor den Häfen am Ärmelkanal, Lieferketten von Industrieunternehmen, die unterbrochen werden, Fluggesellschaften, die massenhaft Flüge streichen – und viele weitere unmittelbare Konsequenzen. Denn Großbritannien würde zum Brexit-Termin im März 2019 schlagartig aus dem Europäischen Binnenmarkt, der Europäischen Zollunion und weiteren branchenspezifischen Abkommen etwa im Luftverkehr herausfallen.

          London ist sich uneins

          Für den Warenaustausch zwischen der EU und Großbritannien würden plötzlich die Regeln der Welthandelsorganisation WTO gelten. Die in einem WTO-Szenario zu erwartenden beiderseitigen Zölle würden dem Export schaden und Importe verteuern. Eine am Dienstag veröffentlichte Studie der Denkfabrik Resolution Foundation schätzt, dass britischen Familien dadurch im Schnitt jährliche Mehrkosten von umgerechnet rund 290 Euro entstehen würden.

          Fachleute bezweifeln außerdem, dass es an wichtigen Häfen wie Dover und Calais gelingen wird, rechtzeitig die Kapazitäten für die Zollabfertigung ausreichend aufzustocken. In jedem Fall müssten dafür die Vorbereitungen jetzt mit voller Kraft und hohem finanziellen Einsatz beginnen. Ansonsten drohe eine „Horrorshow“ in der Zollabfertigung, warnt der britische Rechnungshof.

          Treffen von May und Juncker : Endlich Dampf machen

          Aber die Regierung in London ist sich uneins: Der Finanzminister Philip Hammond sagte kürzlich, er wolle „bis zum letzten Moment“ warten, bevor er Geld für solche Notfall-Vorbereitungen ausgebe. Brexit-Hardliner forderten daraufhin seinen Rücktritt. Auf längere Sicht rechnen Ökonomen durch die WTO-Handelshürden mit einem Rückgang des Handels zwischen der EU und Großbritannien – worunter beide Seiten leiden würden. Volkswirte der London School of Economics prognostizieren, das britische Handelsvolumen mit der EU würde binnen zehn Jahren um rund 40 Prozent schrumpfen. Zwar sind die EU-Außenzölle im Schnitt gering, sie variieren jedoch stark. Die irische Denkfabrik ESRI kommt in einer detaillierten Analyse zum Ergebnis, dass der Handel mit Textilien und Nahrungsmitteln „annähernd ausradiert“ und der Autohandel sich mehr als halbieren werde.

          Gravierende Folgen für deutsche Wirtschaft

          Auch für die deutsche Wirtschaft wären die Folgen wohl gravierend: Großbritannien ist nach den Vereinigten Staaten und Frankreich der drittgrößte Abnehmer deutscher Warenexporte. Einschließlich Dienstleistungen erreichte der gegenseitige Handel 2016 ein Volumen von mehr als 200 Milliarden Euro. Das Institut der Deutschen Wirtschaft befürchtet, dass ein Brexit mit anschließendem WTO-Handel komplexe internationale Lieferketten deutscher Unternehmen „sprengen“ würde. Betroffen wäre vor allem der Fahrzeugbau, die Metallbearbeitung und die Chemieindustrie.

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          Das Häuflein der Brexit-Optimisten unter den Wirtschaftsexperten ist dagegen klein: „Ein No-Deal-Szenario braucht nicht die Katastrophe zu sein, die viele befürchten“, glaubt etwa Julian Jessop, der Chefökonom der liberalen Londoner Denkfabrik Institute for Economic Affairs. Zwar räumt auch er Probleme ein: Finanzunternehmen sind die wichtigste Exportbranche der Briten, doch ausgerechnet für solche Dienstleistungsgeschäfte gewährleistet das WTO-Regelwerk keinen Marktzugang nach Europa. Aber im Warenhandel könne Großbritannien einen möglichen „Zollkrieg“ mit der EU nach dem Brexit gewinnen: Schließlich führe das Land sehr viel mehr Güter aus dem europäischen Ausland ein, als diese umgekehrt aus Großbritannien importierten. London könnte deshalb mit höheren Einnahmen aus Einfuhrzöllen rechnen als die EU.

          Liberale Brexit-Befürworter wie Jessop befürworten jedoch einen anderen Weg: Er plädiert dafür, nach dem Brexit auf radikalen Freihandel zu setzen – und die Einfuhrzölle für alle Handelspartner zu senken, statt neue Zollhürden zur EU zu errichten. Ob es für eine solche Turbo-Globalisierung in Großbritannien derzeit eine politische Mehrheit gäbe, ist allerdings ziemlich fragwürdig.

          Quelle: F.A.Z.

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