http://www.faz.net/-icu-8j0u8

Kampf um Premier-Posten : Boris Johnson hat seine Favoritin gefunden

  • Aktualisiert am

Sich selbst traut er den Posten des Premierministers nicht zu, nun hat sich Boris Johnson für der Staatssekretärin Andrea Leadsom ausgesprochen. Bild: dpa

Die britischen Konservativen suchen einen Nachfolger für Premierminister David Cameron. Fünf Politiker kandidieren. Boris Johnson hat in dem Gerangel schon Stellung bezogen.

          Im Kampf um den Posten als Premierminister und Nachfolger von David Cameron haben sich seit dem Brexit-Votum der Briten einige Kandidaten der konservativen Partei in Stellung gebracht. Lange Zeit galt Boris Johnson als Favorit auf das Amt, doch nachdem der ehemalige Londoner Bürgermeister überraschend eine eigene Kandidatur ausgeschlossen hatte, war mit Spannung erwartet worden, wem er seine Unterstützung zusprechen würde.

          Nun hat Johnson der Staatssekretärin Andrea Leadsom seine Unterstützung zugesagt. Leadsom werden gute Chancen auf das Amt zugesprochen. „Andrea Leadsom hat den Schwung, den Antrieb und die Entschlossenheit, das Land anzuführen“, schreibt Johnson in seiner Stellungnahme, „sie versteht die Finanzwelt besser als fast alle anderen im Parlament.“ Leadsom sagte am Montag, sie werde den EU-Austritt des Landes „hart verhandeln“.

          Dem früheren Bürgermeister von London wurden selbst lange Zeit Ambitionen auf das Amt des Premierministers nachgesagt. Im Wahlkampf um den EU-Austritt der Briten war Johnson einer der stärksten Brexit-Befürworter. Nur wenige Tage nach dem Votum überraschte Johnson, als er eine eigene Kandidatur ausschloss. Er erklärte, er werde nicht für den Posten kandidieren, weil er nicht die richtige „Person“ für diese Aufgabe sei. Intern heißt es jedoch, sein früherer Unterstützer, der britische Justizminister Michael Gove, habe hinter Johnsons Rücken innerhalb der konservativen Partei intrigiert, woraufhin Johnson sich zurückzog.

          Nett, zuverlässig mit einem guten Sinn für Humor: Boris Johnson hat sich für Andrea Leadsom entschieden.

          Die britischen Konservativen beginnen an diesem Dienstag ihre Auslese der Kandidaten für die Nachfolge von Parteichef und Premierminister David Cameron. Fünf Politiker haben ihren Hut in den Ring geworfen. In drei Wahlgängen stimmt die Unterhaus-Fraktion über die Kandidaten ab, wobei jeweils derjenige mit den wenigsten Stimmen aus dem Bewerberfeld ausscheidet. Weitere Wahlgänge folgen am Donnerstag und am 12. Juli. Die dann übrig gebliebenen zwei Kandidaten werden in einer Urabstimmung unter den 150.000 Parteimitgliedern gegeneinander antreten. Der Sieger soll am 9. September bekanntgegeben werden.

          Als aussichtsreichste Kandidatin gilt Innenministerin Theresa May, die vor dem Brexit-Referendum für einen Verbleib der Briten in der EU geworben hatte. Als ihre härteste Konkurrentin gilt Energie-Staatssekretärin Andrea Leadsom, die anders als May den Ausstieg so schnell wie möglich umsetzen will. Weitere Bewerber sind die beiden Brexit-Hardliner Justizminister Michael Gove und der ehemalige Verteidigungsminister Liam Fox. Auch der walisischer Abgeordnete Stephen Crabb, der ebenfalls aus dem Lager der Brexit-Gegner stammt, hat seine Kandidatur bekanntgegeben.

          Die fünf Kandidaten

          Theresa May: Die Innenministerin hat nach den Quoten der Buchmacher die besten Chancen, Nachfolgerin von Cameron zu werden. Dabei trat die 59-Jährige für den Verbleib in der EU ein. Die Tochter eines Vikars der Anglikanischen Kirche startete ihre Karriere nach einem Oxford-Studium an der Bank of England. 1997 wurde sie ins Parlament gewählt. Fünf Jahre später stieg sie zur ersten Vorsitzenden der Tories auf, nachdem sie sich um die Reform der Partei verdient gemacht hatte. Anerkennung erwarb sie sich auch mit der Leitung des Innenministeriums seit nun sechs Jahren - seit Hundert Jahren ist sie damit die am längsten an einem Stück amtierende Innenministerin in dem als schwierig geltenden Ressort. May versuchte sich als Brückenbauerin zwischen Gegnern und Anhängern des Brexit zu positionieren. Das Ergebnis des Referendums will sie nicht anfechten: "Brexit bedeutet Brexit", sagte sie unmissverständlich. Es dürfe keine Versuche geben, doch noch in der EU zu bleiben. Auch ein zweites Referendum dürfe es nicht geben.

          Michael Gove: Der in Schottland groß gewordene Justizminister arbeitete nach seinem Studium in Oxford als Journalist für die BBC und die Zeitung "Times", wo er es zum stellvertretenden Herausgeber brachte. Zudem war der 48-Jährige Vorsitzender der Politik-Instituts Policy Exchange, bevor er 2005 Parlamentsabgeordneter wurde. Neben Johnson war er eine der führenden Figuren der Brexit-Kampagne. Vergangene Woche sprach er Johnson öffentlich die Eignung für das Amt des Premierministers ab und trug damit maßgeblich zum Rückzug des Brexit-Gewinners bei. "Die Briten haben (...) für den Wechsel gestimmt", erklärte er in einem Namensbeitrag für den "Spectator". Damit gebe es die klare Anweisung, die EU zu verlassen und die Vorherrschaft des EU-Rechts zu beenden.

          Stephen Crabb: Der 43 Jahre alter Waliser stammt aus einfachen sozialen Verhältnissen. Aufgewachsen ist er bei seiner alleinerziehenden Mutter in einer Sozialwohnung. Sein Studium finanzierte er durch einen Job als Bauarbeiter. Er arbeitete im Vertrieb, bevor er 2005 ins Parlament gewählt wurde. Crabb trat zwar für den Verbleib Großbritanniens in der EU ein, akzeptiert aber den Ausgang des Referendums: "Das britische Volk will die Einwanderung unter Kontrolle bringen (...) Für uns ist das eine rote Linie", erklärte er. Es komme jetzt bei den Verhandlungen mit der EU darauf an, den Zugang Großbritanniens zum EU-Binnenmarkt zu erhalten.

          Liam Fox: Der studierte Mediziner ist in Schottland aufgewachsen und wechselte 1992 von seiner Tätigkeit als Militär-Arzt ins Parlament. Der 54-Jährige gehört dem rechten Flügel der Tories an und zählt zu den Brexit-Befürwortern. Seine politische Karriere erhielt 2011 einen Knick, als er nach nur einjähriger Amtszeit als Verteidigungsminister zurücktrat. Ihm wurden enge Kontakte zu einen Geschäftsmann vorgeworfen, der sich als sein Berater ausgab. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für uns einen Platz im gemeinsamen Markt gibt, wenn das mit unbeschränkten Reisemöglichkeiten verbunden ist", bekannte er bei seiner Bewerbungsrede mit Blick auf die EU.

          Andrea Leadsom: Die Energie-Staatssekretärin und Brexit-Befürworterin arbeitete nach ihrem Studium der politischen Wissenschaften an der Warwick Universität 25 Jahre lang im Bankensektor. Die 53-Jährige war unter anderem für Barclays und als Fondsmanagerin für Invesco Perpetual tätig. 1995 half sie dem Chef der Bank of England, Eddie George, bei der Abwehr der Folgen des Kollapses der Barings Bank. 2010 wurde sie Abgeordnete und arbeitete zunächst in gehobener Stellung im Finanzministerium. "Ich sehe große Chancen durch den Ausgang des Referendums", twitterte Leadsom. Großbritannien könne viel besser in der Welt dastehen. Sie hat sich für rasche und kurze Brexit-Verhandlungen ausgesprochen. In britischen Medien wird sie als aussichtsreichste Konkurrentin von May im Kandidaten-Wettbewerb bewertet.

          Weitere Themen

          Die Hoffnung stirbt zuletzt

          Mega-Demo zum Brexit : Die Hoffnung stirbt zuletzt

          Während die Austrittsverhandlungen zwischen der EU und Großbritannien immer noch keine sichtbaren Fortschritte bringen, gehen in London über eine halbe Million Menschen auf die Straße. Die Stimmung ist hoffnungsvoll.

          Topmeldungen

          Brexit : Einlenken, oder für immer schweigen

          Zum ersten Mal steht auf Papier, was der Brexit wirklich bedeutet. Jetzt sollen die Minister in London abstimmen. Verweigern sie Premierministerin May die Gefolgschaft, waren die erbitterten Austrittsverhandlungen vergebens. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.