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Brände in Russland Es ist wie im Krieg

08.08.2010 ·  Der giftige Qualm in Moskau wird immer dichter, und die Waldbrände breiten sich im ganzen Land immer weiter aus. Russland steht in Flammen - seit mehr als einem Monat. Die Regierung unternahm lange nichts. Jetzt lassen sich die Feuer nicht mehr aufhalten.

Von Kerstin Holm
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Der Sommer ist wie eine Strafe: Der europäische Teil Russlands wird von einer Rekordhitze und -dürre heimgesucht. Ein großer Teil der Ernte ist vernichtet. Die saisonbedingten Wald- und Torfbrände sind zu einem nationalen Desaster geworden. Das Feuer hat mittlerweile mehr als eine halbe Million Hektar Fläche verwüstet und 52 Menschen das Leben gekostet. Es wütet auch in der Umgebung von Moskau, wo ganze Dörfer eingeäschert wurden. Nahe der ukrainischen Grenze bei Branjsk könnte das Feuer radioaktive Abfälle entzünden, die dort den Boden verseuchen, wie Katastrophenminister Sergej Schoigu mitteilte.

Es ist wie im Krieg. In den rauchverhangenen Städten Moskau, Rjasan, Woronesch und Nischni Nowgorod tragen die Menschen Atemmasken. Präsident Dmitrij Medwedjew hat über sieben Regionen den Ausnahmezustand verhängt. Die Meldungen der Feuerwehreinsatzleitung vom Katastrophenministerium, das täglich bekanntgibt, wie viele Siedlungen man vor den Flammen retten konnte, klingen wie Frontberichte. Zehntausend Feuerwehrleute sind im Einsatz, aber die Kräfte reichen nicht aus.

Wegen der giftigen Dämpfe in Moskau zogen Österreich, Kanada und Polen Teile ihres diplomatischen Personals und deren Familien ab. Mehrere Länder, darunter Deutschland und die Vereinigten Staaten, raten von nicht notwendigen Reisen in die Wald- und Torfbrandgebiete ab.

Putin reist in Katastrophengebiete

Noch ist die Apokalypse nicht eingetreten. Brandherde auf dem Testgelände des geheimen Kernwaffeninstituts bei Sarow, dem ehemaligen „Arsamas 16“, wurden mit Hilfe von Hubschraubern gelöscht. Jetzt sind Eisenbahntruppen im Einsatz, die rund um die vierhundert Kilometer östlich von Moskau gelegene Waffenschmiede die Bäume fällen und mit Bulldozern die oberste Erdschicht abtragen. Dafür ging im moskaunahen Kolomna ein Flugzeuglager der Kriegsmarine mitsamt Fahrzeugen und Flugzeugen in Flammen auf, was das Verteidigungsministerium zunächst dementierte und dann doch zugeben musste.

Medwedjew brach deswegen seinen Arbeitsurlaub in Sotschi vorzeitig ab und entließ fünf hohe Militärs, darunter den Chef der seegestützten Luftstreitkräfte, Nikolai Kuklew, und Stützpunktkommandeur Viktor Biront, dessen Basis für die Feuerbekämpfung nicht ausgerüstet war und der selbst, während die Flammen näher rückten, einfach verschwand, wie sich das Staatsoberhaupt ereiferte. Die Militärstaatsanwaltschaft leitete gegen Biront ein Strafverfahren ein. Der behauptet indessen, die von ihm alarmierte Feuerwehr habe ihn und seine Soldaten im Stich gelassen, weil sie mit Löscharbeiten bei Villen reicher Leute beschäftigt war.

Medwedjews Auftritt sollte die lange Passivität der Kremlführung vergessen machen. Die Waldbrände, die schon Ende März begannen, sind vor mehr als einem Monat außer Kontrolle geraten. Doch erst vor einer Woche ließ der Präsident die überlasteten Feuerwehrtruppen durch Armeesoldaten verstärken. Erst letztes Wochenende begann Premierminister Wladimir Putin, Katastrophengebiete zu bereisen und den Brandopfern Geld und neue Häuser zu versprechen. Zuvor hatte er andere Prioritäten. Beispielsweise, mit den zehn aus den Vereinigten Staaten ausgewiesenen Spionen patriotische Lieder zu singen, und ein Biker-Treffen im Sattel einer dreirädrigen Harley Davidson zu schmücken.

Umweltschützer und Wissenschaftler geben Putin eine Hauptschuld an dem Feuerinferno. Denn es war der unter seiner Präsidentschaft mit großem Druck von Lobbyisten 2007 durch die Duma gebrachte neue Waldkodex, der die föderale Forstaufsicht abschaffte, die mit ihrem landesweiten Netz von Inspektoren und kleinen Löschflugzeugen Brandherde schnell erkennen und bekämpfen konnte. Seither sind für Russlands Wälder einerseits ihre Pächter verantwortlich, die vor allem abholzen wollen – wie dies beim umkämpften Wald im nahe Moskau gelegenen Chimki der Fall ist. Andererseits die Regionalverwaltungen, denen – auch dank Putins Zentralisierungspolitik – für einen wirksamen Brandschutz die Mittel fehlen. Das Katastrophenministerium mit seiner weltraumgestützten Überwachungstechnik und den großen Flugzeugen reagiert in der Regel spät und mangels Ortskenntnissen oft chaotisch. Das Keldysch-Institut für angewandte Mathematik der Akademie der Wissenschaften warnte schon vor zwei Jahren in einer Studie zur Katastrophenverhütung, jedes heiße, trockene Jahr könne für das Land zum Verhängnis werden. Die Behörden schlugen die Studie in den Wind.

Flüche über den postsowjetischen Fortschritt

Dagegen nimmt sich für viele der Feuerschutz, den die Sowjetmacht auf dem Land installierte, geradezu vorbildlich vorausschauend aus. Der Blogger „top-lap“, der auf einer Datscha im Landkreis Twer den Sommer verbringt, sprach vielen aus dem Herzen, als er mit einem Wortkunstwerk voller Flüche über den postsowjetischen Fortschritt herzog. Unter den Kommunisten habe sein Dorf drei Feuerwehrteiche besessen sowie einen Löschwagen. Sogar eine Brandglocke habe es gegeben. Doch als die Demokraten kamen, seien die Teiche zugeschüttet worden und das Löschauto verschwunden. Die Glocke wurde durch ein Telefon ersetzt, das nicht funktioniert.

Putin antwortete selbst, trat das erste Mal mit einem Blogger in Kontakt. Er stimme seiner Kritik im Ganzen zu, auch wenn es eine Hitze wie diese unter den Kommunisten nicht gegeben habe. Immerhin versprach Putin dem Sommerfrischler, dessen Gegend von Bränden verschont blieb, er könne sich beim Gouverneur von Twer eine neue Brandglocke abholen. Gouverneur Selenin meldet, im Dorf Wysokoje, dem vermutlichen Wohnort von „top-lap“, sei eine Glocke installiert worden. Eine weitere warte auf den Blogger, der seine Internetmaske nicht gelüftet hat, bei der örtlichen Verwaltung.

Katastrophenminister Schoigu macht freilich auch die Datschenbesitzer selbst für den Niedergang der Feuersicherheit verantwortlich. Es seien ja gerade die privaten Häuschenbesitzer, die keine Teiche graben und die Durchfahrtswege nicht breit genug für Löschfahrzeuge ließen, beanstandet Schoigu. Früher, als Sommerhäuschen einem Staatsbetrieb zugeordnet waren, wachte dessen Leitung über Zufahrtswege, Zisternen und das Vorhandensein von Äxten, Eimern, Spaten. Heute könnten die Aufsichtsbeamten die Siedler, die auf eigenem Grund und Boden leben, zu nichts zwingen.

Ein Dorf brennt innerhalb von fünfzehn Minuten nieder

Die Hauptopfer des Sommers sind jedoch die echten russischen Dörfer, die bisher still vor sich hin starben. Der Schriftsteller Arkadi Babtschenko, der durch sein Tschetschenienbuch „Die Farbe des Krieges“ bekannt wurde, verbringt diese Tage in Mordowien, vierhundert Kilometer südöstlich von Moskau. Er sei über zweihundert Kilometer nur an brennenden, verkohlten oder ausglühenden Wäldern vorbeigekommen. In den meisten Siedlungen lebten vor allem alte Frauen, die kaum noch etwas anbauen, weil es sich nicht lohnt. Jetzt rückt das Feuer in tiefgestaffelten Frontringen gegen sie vor. Das Land sei im Kriegszustand, auf dem Rückzug, schreibt der Literat mit Felderfahrung.

Bei Windrej wurden sieben Dörfer von den Flammen zerstört, zwei davon vollständig. Drei Bewohner kamen um. Die Dörfler versuchen, ihre Häuschen mit wassergefüllten Plastikzubern zu verteidigen. Dem Örtchen Mord-Junki wurde allerdings zeitweilig das Leitungswasser abgestellt, weil einige Bewohner ihre Rechnungen nicht bezahlt hatten. Einmal kommt ihnen über die wie nach Bombeneinschlägen zerlöcherte Landstraße ein Löschauto zu Hilfe. Die Feuerwehr braucht für die zwanzig Kilometer Entfernung eine Stunde. Doch ein Dorf brennt manchmal innerhalb von fünfzehn Minuten nieder. Noch ein paar solcher Sommer, prophezeit Babtschenko, und Russland lebt in Erdhütten.

Zur Brandbekämpfung bei Windrej wird fast ganz Mordowien mobilisiert. Staatsangestellte, die jeden zweiten Tag Feuerfrontdienst haben, werden täglich per Bus herangekarrt. Die meisten sind nur mit Spaten ausgerüstet, wie viele Sowjetsoldaten zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Die Sonne sieht man in diesem Sommer als schmutzig gelben bis roten Fleck im grauen Nebel, der Atemnot und tränende Augen verursacht.

Hundert Meter hohe Flammenwände

Den Wald selbst haben die Leute schon aufgegeben. Die Schneisen, die die Feuerwehr mit Bulldozern gräbt, und wo Helfer die Glut zuschaufeln und mit Wasser besprengen, sollen den Brand zu einem „kontrollierten Unterfeuer“ eindämmen, das nicht auf Häuser übergreift. Das Vordringen des Feuers ist aber nicht zu stoppen.

Die unkontrollierte Hölle bricht allerdings erst los, wenn starke Winde Glutballen hochwirbeln, die sich, in Gestalt riesiger Flammenbälle, als „Oberfeuer“ mit einer Geschwindigkeit von bis zu hundertfünfzig Stundenkilometern fortbewegen. Oberfeuer überquert Straßen, Brandschneisen, sogar Flüsse. In besonders entzündlichen Nadelwäldern entstehen augenblicklich hundert Meter hohe Flammenwände. Die Temperatur steigt kurzfristig auf anderthalb tausend Grad. Dabei entsteht ein Lärm wie von mehreren Flugzeugmotoren. Die modernste Brandschutztechnik widersteht dem Oberfeuer nur für Sekunden. Ein Entkommen ist nahezu unmöglich. Ein Mann aus dem Gebiet Woronesch, der in einem Waldstück Oberfeuer erlebt hatte, sagte, er werde nie wieder einen Föhrenwald betreten können.

Aus den Erholungsheimen bei Rjasan, Lipezk und Woronesch, wo man nur noch krank werden kann, wurden die Urlauber evakuiert. Die Brandopfer kampieren während der Ferien zumeist in Schulen. Zweitausend Häuser wurden schon zerstört, dreieinhalb tausend Menschen obdachlos. Premierminister Putin, der sich in Woronesch mit Brandopfern traf, versprach Angehörigen von Umgekommenen eine Entschädigung von umgerechnet 25 000 Euro. Wer sein Haus verloren hat, soll 50.000 Euro erhalten. Putin versprach auch neue Häuser, die bis Ende Oktober bezugsfertig sein sollen. Damit bei den Bauarbeiten nicht getrickst wird, will der Premier sie rund um die Uhr von Videokameras beobachten lassen.

Giftiger Nebel in der Hauptstadt

Doch vorerst werden für die Videokameras des Staatsfernsehens siegreiche Löscharbeiten gestellt - beispielsweise in der Torfregion zwischen den Dörfern Djadjkino und Woskresenskoje bei Moskau. Der Torfbrand dort war bis zum vorigen Wochenende von fünf Waldarbeitern soweit eingedämmt worden, dass er nur noch in fünf Metern Tiefe glühte. Er muss dann, damit er nicht wieder hochbrennt, nur noch „begossen“ werden. Am Montag rückten zwei Feuerwehrwagen des Katastrophenministeriums sowie sechs Wassertanklaster an, gefolgt von Kamerateams. Unter größten Opfern habe man Djadjkino und Woskresenskoje gerettet, sagt vor der Kamera ein Mann vom Ministerium. Die Waldarbeiter, denen ihr Sieg gestohlen wird, sind ergrimmt. Woskresenskoje war übrigens nie vom Feuer bedroht, erklären sie. Und vor Djadjkino hätten sie gemeinsam mit den Dorfbewohnern die Brandherde erstickt.

Die Torfbrände um Moskau, die vor allem den giftigen Nebel in die Hauptstadt bringen, werden allerdings erst nach langen Regenfällen langsam erlöschen. Die nächsten zehn Tage sollen weiter Rekordtemperaturen herrschen. Inzwischen ist die Moskauer Luft selbst für Gesunde gefährlich. In diesem Juli sollen doppelt so viele Menschen gestorben sein wie sonst.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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