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Bevölkerungsforscher Schneider „Nirgendwo sonst stehen Eltern so unter Druck“

Die niedrige Geburtenrate in Deutschland hänge auch mit den hohen Ansprüchen zusammen, die Eltern an ihre Kinder stellen, sagt der Bevölkerungsforscher Norbert Schneider. Damit wachse das Risiko des Scheiterns. Ein Interview.

© dapd Vergrößern

Herr Schneider, Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate. Eine Frau bekommt bei uns im Durchschnitt 1,39 Kinder. In einer Studie Ihres Instituts heißt es, dass das kulturelle Leitbild der „guten“ Mutter, die ganz daheim bleibe, dafür mitverantwortlich sei. Warum ist dieses Bild in Deutschland stärker ausgeprägt als anderswo?

Wir gehen davon aus, dass die Entscheidung für Kinder von drei Faktoren beeinflusst wird: von finanziellen, von strukturellen - gibt es Betreuungsangebote? - und von kulturellen. Die Bedeutung der kulturellen Faktoren wurde bisher unterschätzt. Vorstellungen über Elternrollen gehören dazu, aber auch das Bild, das wir von einer „guten“ Kindheit haben. Da gibt es massive Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Zusammen mit Schweden hat Ostdeutschland in dieser Hinsicht die am wenigsten traditionelle Orientierung, während Westdeutschland zusammen mit Polen und einigen anderen Ländern besonders traditionelle Wertemuster aufweist.

Aber Ostdeutsche haben deshalb nicht mehr Kinder.

Ja, denn die ökonomische Lage vieler Paare ist dort nicht die beste. In Ostdeutschland sieht man darüber hinaus, dass allein eine gute Infrastruktur zu keiner hohen Geburtenrate führt: Dort gibt es quasi eine Vollversorgung mit Betreuungsangeboten vom zweiten bis zum zehnten Lebensjahr. Im Westen hingegen ist die seit 40 Jahren niedrige Geburtenrate keine Frage der Ökonomie, sondern von Struktur und Kultur. Leider haben wir in der Vergangenheit vor allem mit finanziellen Hilfen für Familien versucht, die Geburtenrate zu heben. Das hat nicht funktioniert.

Warum ist gerade in Westdeutschland das kulturelle Leitbild so geburtenfeindlich?

Hier herrscht die Überzeugung, dass Kinder sich nur dann optimal entwickeln, wenn sie im Wesentlichen von der Mutter betreut werden. Das hat mit den Geschlechterrollen zu tun, die nach wie vor sehr traditionell sind und die in dieser Form von zahlreichen gesellschaftlichen Institutionen gestützt werden. Immer mehr Frauen wollen die alleinige Verantwortung für das Kind aber nicht mehr annehmen. Das Ganze wird flankiert von einem hohen Grad an Perfektionismus: Nur die Eltern sind erfolgreich, deren Kind auch das Abitur schafft. Dadurch werden die Hürden für gelingende Elternschaft immer höher gehängt. Das führt zu einer wachsenden Verunsicherung von Eltern, die wir empirisch messen können. Deutsche Eltern befürchten viel stärker als alle anderen, in der Erziehung Fehler zu machen.

Warum setzen sich Eltern in Deutschland derart unter Erfolgsdruck?

Natürlich wollen Eltern überall auf der Welt das beste für ihre Kinder - aber nicht in einem solchen Maße wie bei uns. Die Erwartungen an die Erfolge der eigenen Kindern sind enorm, und damit steigt auch das Risiko des Scheiterns. Die Gelassenheit und das Vertrauen, dass unsere Kinder ihren Weg gehen, egal, ob wir sie nun in die Klavierstunde fahren oder täglich mit ihnen Vokabeln lernen, fehlen uns. Das hat mit spezifischen deutschen Tugenden zu tun: Wir sind wirtschaftlich so erfolgreich, weil wir uns mehr anstrengen als andere Nationen. Unser Überengagement im Beruf erschwert wiederum die Vereinbarkeit: Uns fehlt schlicht Zeit für Kinder. Zum anderen übertragen wir den Perfektionismus des Berufslebens ins Private: sowohl in die Kindererziehung als auch in die Partnerschaft. Die Erwartungen, die Menschen an ihre Partner haben, sind so überzogen, dass sie die Stabilität vieler Ehen bedrohen - auch das ist schlecht für die Familiengründung.

22713114 © BiB Vergrößern Der Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Prof. Dr. Norbert Schneider

In Frankreich sind Familien mit drei Kindern normal, in Deutschland die Ausnahme. Welchen Anteil daran hat das französische Steuerrecht, in dem Kinder mittels des Familiensplittings die Steuerlast stark verringern?

Geld zeugt keine Kinder. Der Unterschied in der Geburtenrate zwischen Frankreich und Deutschland ist kulturell bedingt. In Deutschland gilt eine Familie mit drei Kindern als abweichend von der Norm, und das ist hier eher negativ konnotiert. Fast muss man sich dafür rechtfertigen.

In Deutschland stieg selbst nach der Einführung des Elterngeldes die Geburtenrate nicht spürbar an - obwohl dieser Effekt erhofft wurde.

Wir geben drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Familien aus, einen großen Teil als Geldleistungen. Andere Länder investieren mehr in die Betreuungs-Infrastruktur. Hier müssten wir mehr tun. Zugleich sollten wir aufhören, über weitere Zahlungen an Familien nachzudenken und über Elternschaft als Armutsrisiko zu debattieren. Faktisch geht es um einen Kulturwandel, den die Bundespolitik nur zum Teil beeinflussen kann: Er muss in Betrieben und Kommunen stattfinden. Arbeitgeber sind gefordert, die private Seite ihrer Arbeitnehmer stärker zu sehen. Teilzeitbeschäftigte gelten bei uns als „minderengagiert“ und „minderinteressiert“. Das ist falsch und muss sich ändern.

Darf die Politik denn überhaupt die Geburtenrate aktiv beeinflussen wollen?

Elternschaft ist keine Bürgerpflicht. Doch mit der Geburtenrate von derzeit 1,4 Kindern pro Frau ist jede Generation um ein Drittel kleiner als ihre Vorgängergeneration. Langfristig können wir damit nicht zufrieden sein. Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung sind so massiv, dass sie sich nur schwer bewältigen lassen.

Das Gespräch mit dem Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden führte Uta Rasche.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 09.01.2013, 14:31 Uhr

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Von Christoph Becker

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