Mit Geschenken ist man auf deutscher Seite zurückhaltend geworden. Der Portugiese Armando Rodrigues erhielt 1964 nicht weniger als ein Motorrad, als er als millionster Gastarbeiter auf dem Bahnhof in Köln-Deutz ankam. Heute tut es schon eine Plastiktasche mit hessischen Spezialitäten, und Gastarbeiter nennt Ignacio Úbeda auch niemand mehr. Einen großen Bahnhof am Frankfurter Flughafen bekam der 24 Jahre alte Spanier dieser Tage dennoch bereitet. Denn Úbeda ist die erste spanische Fachkraft, die im Rahmen eines Modellprojektes des Landes Hessen angeworben wurde. Sichtlich eingeschüchtert schüttelte der junge Mann artig Hände und nahm die Begrüßung des hessischen Sozialministers Stefan Grüttner an der Spitze des Empfangskomitees entgegen. Das Programm helfe allen Beteiligten, so die Botschaft des Politikers, arbeitslosen Spaniern wie deutschen Arbeitgebern. Úbeda ist erst der Anfang - 20 Arbeitsverträge sind schon unterschrieben, 100 sollen es werden.
Überall in Deutschland treffen in diesen Tagen junge Menschen vor allem aus Südeuropa ein, getrieben von der Hoffnung auf eine berufliche Zukunft. Im ersten Halbjahr 2012 stieg die Zahl der Ankömmlinge aus Griechenland gegenüber dem Vorjahr um 78 Prozent, aus Spanien und Portugal jeweils um 53 Prozent. Sie sind auf der Flucht vor der Tristesse in ihren Heimatländern. In Griechenland betrug die Arbeitslosenquote zuletzt 27, in Spanien 26 Prozent. Bei den jungen Menschen unter 25 Jahren sind es jeweils sogar weit über 50 Prozent. Der deutsche Arbeitsmarkt schlägt sich dagegen trotz Dauerkrise prächtig, und die größte Volkswirtschaft des Kontinents macht sich mehr Gedanken darüber, woher sie die dringend benötigten Fachkräfte bekommt.
Deshalb sind Arbeitgeber längst auf die Idee gekommen, das Reservoir im krisengeschüttelten Süden anzuzapfen. Ein brisantes Thema, schließlich sind die Folgen fehlgeschlagener Integration aus der Anwerbewelle im vergangenen Jahrhundert noch heute spürbar. Doch diesmal ist vieles anders, sagen Wissenschaftler. Wurde für das Wirtschaftswunder der sechziger Jahre vor allem um geringqualifizierte Kräfte geworben, sind die heutigen Arbeitsnomaden „in der Regel sehr gut qualifiziert, teilweise besser als die meisten Deutschen“, wie der Ökonom Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sagt.
Die deutsche Arbeitsverwaltung versucht, Arbeitgeber mit den gesuchten Fachkräften zusammenzubringen und veranstaltet dazu gemeinsam mit ihren ausländischen Partnerorganisationen Stellenbörsen etwa für Ingenieure oder Fachkräfte im Gesundheitswesen vor Ort. Wer nach Deutschland kommt, soll am besten schon einen Arbeitsvertrag in der Tasche haben. Die zweite Lehre aus der Vergangenheit lautet, den Sprachkenntnissen entscheidende Bedeutung beizumessen. Gerade Spanier legen in diesem Punkt ein erhebliches Engagement an den Tag. Büffelten jahrzehntelang vornehmlich Deutsche die Sprache ihres liebsten Urlaubslands, ist es nun umgekehrt: Die Goethe-Institute von Sevilla bis Barcelona können sich vor der Nachfrage nach Deutschkursen kaum retten.
Die Alternativen zu Hause sind rar
Allerdings ist der Export von jungen Arbeitskräften in Spanien umstritten, und längst betreiben einige Medien populistische Stimmungsmache. Allerdings sind Alternativen zu Hause rar. „Es ist grundsätzlich positiv, wenn arbeitslose junge Leute eine Stelle finden“, sagt María de los Reyes Zatarain del Valle, Leiterin der spanischen Arbeitsvermittlung, und hebt hervor, dass man in einem geeinten Europa lebe.
Mit einem Anruf ihrer Behörde fing auch die Reise von Ignacio Úbeda an. Auf einer Jobmesse in Getafe vor der Toren der Hauptstadt knüpfte der junge Madrilene vergangenes Jahr erste Kontakte zu hessischen Arbeitgebern. Die Veranstaltung sei völlig überlaufen gewesen, sagt Manfred Mauer vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste, der das hessische Anwerbeprogramm mitorganisiert. Viele der 200 Bewerber nahmen mehrere Hundert Kilometer Anfahrt in Kauf. Maurer erinnert sich an gebrochene Lebensläufe, „aber die jungen Spanier waren fast alle hochmotiviert“. Auch Ignacio Úbeda wusste um die Chance, die sich ihm hier bot, „meine Aussichten in Spanien waren sehr gering“. Einig wurde er sich schließlich mit Herwarth Ziegler, der ein Altenpflegeheim in Wölfersheim vor den Toren Frankfurts betreibt. Dort wird der Krankenpfleger derzeit eingearbeitet. Zudem muss er eine Zusatzqualifikation ablegen, denn der Beruf des Altenpflegers ist ein deutsches Spezifikum, das es nur noch in wenigen anderen Ländern gibt.
Ihn plage Heimweh, gibt Úbeda nach seinen ersten Tagen in Deutschland zu. Aber seine Ziele sind klar: „Ich muss jetzt ohne meine Eltern und Freunde klarkommen und weiter Deutsch lernen.“ Sein Arbeitsvertrag ist zunächst befristet, erklärt sein neuer Chef. „Der Vertrag wird automatisch entfristet, sobald Herr Úbeda am Ende des Sprach- und Integrationskurses seine Deutschprüfung besteht.“ Das Arbeitsverhältnis sei auf Dauer angelegt, betont Ziegler. „Wir wünschen uns, dass er sich bei uns wohl fühlt und viele Jahre bleibt.“ Denn der heimische Arbeitsmarkt sei leergefegt. Offene Stellen seien praktisch nur noch durch selbstausgebildetes Personal zu besetzen. In Hessen gebe es für examinierte Pflegekräfte deutlich mehr Stellen als Bewerber, bestätigt Frank Martin von der Arbeitsagentur. „Ohne ausländische Fachkräfte können wir den aktuellen und auch den zukünftigen Bedarf nicht mehr decken.“
Damit den Neuankömmlingen die Eingewöhnung einfacher gemacht wird, gehört zum Anwerbeprogramm auch der Kontakt zu spanischen Netzwerken in der Freizeit. Es sei wichtig, dass sich die Teilnehmer wohl fühlten und ihren Aufenthalt langfristig planten, sagt Verbandsvertreter Mauer, „die sollen hier am besten in Rente gehen.“ Eine Vorstellung, die in den meisten Fällen wohl eher ein frommer Wunsch bleiben wird. Denn viele der Neuankömmlinge dürften ähnliche Pläne schmieden wie Ignacio Úbeda: ein paar Jahre Arbeitserfahrung in Deutschland sammeln und danach zurück in die Heimat. Auch Behördenchefin Zatarain del Valle ist sich sicher: „Viele werden zurückkommen, wenn die wirtschaftliche Situation in Spanien wieder besser ist.“
Berlin als Manko
An Rückkehr denkt Elena Sánchez derzeit nicht, obwohl viele ihrer Hoffnungen sich bislang nicht bewahrheitet haben. Die 35 Jahre alte Diplompsychologin aus Madrid, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hatte sich bis zum Sommer vergangenen Jahres mit zwei Stellen in ihrer Heimat über Wasser gehalten. Als Leiterin des psychologischen Instituts an einer Hochschule in Madrid und im Personalwesen eines Pflegeheims verdiente sie insgesamt nicht einmal 900 Euro im Monat. Deshalb griff sie zu, als ihr über eine Personalvermittlung eine Stelle in einem Pflegeheim in Berlin angeboten wurde. Kaum in Deutschland angekommen, wurde sie jedoch im Januar schon wieder entlassen, weil das Unternehmen verkauft wurde. Seitdem sucht sie eine neue Stelle.
Sanchez spricht gutverständliches Deutsch auf Qualifikationsniveau B2, womit sie in der Lage sein sollte, mit Muttersprachlern flüssig zu kommunizieren. Auch wenn ihr manchmal noch die passenden Worte fehlen. Nach rund hundert bislang erfolglosen Bewerbungen glaubt sie aber, dass für sie diese leichte Sprachbarriere vor allem in kleineren Unternehmen einen Nachteil darstellt. Und noch ein Manko hat sie ausgemacht: Berlin. Der lokale Arbeitsmarkt ist alles andere als aufnahmefähig, die Arbeitslosenquote in der Hauptstadt liegt mit mehr als 12 Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt. „Die meisten Spanier kommen hierher, um Party zu machen“, sagt sie, „ich aber will arbeiten.“ Deshalb bewirbt sie sich mittlerweile auch in Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Trotz der durchwachsenen Anfangserfahrungen rät sie interessierten Landsleuten jedoch nicht von einer Beschäftigung in Deutschland ab. Wichtig sei vor allem die gute und gründliche Vorbereitung: „Das ist schließlich kein Abenteuer.“ Neben den notwendigen Sprachkenntnissen sollte man schon in Spanien einen Arbeitsvertrag abgeschlossen haben. Sanchez’ dringender Rat: „Bloß nicht auf gut Glück nach Berlin gehen.“
Die urbanen Zentren wie Berlin, Hamburg, Frankfurt und Düsseldorf ziehen die meisten Arbeitsmigranten an, wie deutsche Vermittler regelmäßig berichten. Versprechen sich die Zuzügler dort doch den höchsten Freizeitwert im neuen Umfeld. Viele der offenen Stellen werden allerdings von Mittelständlern aus ländlichen Regionen angeboten. Da ist erstmal viel Standortmarketing gefragt. Im Falle von Ignacio Úbeda waren die rund 30 Kilometer zwischen seinem neuen Wohn- und Arbeitsort Wölfersheim und der Rhein-Main-Metropole Frankfurt zumindest kein Hinderungsgrund, wie Projektleiter Manfred Mauer zufrieden feststellt. Allerdings seien in dem Programm auch ein paar Arbeitgeber mit deutlich mehr Distanz zur nächsten Großstadt. „Da könnte schon etwas mehr Überzeugungsarbeit nötig werden werden“, schwant Mauer.
Mehr deutsche Einwanderer in Spanien als spanische Einwanderer in Deutschland
Miguel Westphal (MiguelWestphal)
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Hat Deutschland wirklich etwas gelernt?
Claudia Otlo (claudia.o)
- 16.02.2013, 10:41 Uhr
Die paar Spanier oder Griechen die hierher kommen,
Uwe Borg (Borgward)
- 15.02.2013, 22:00 Uhr
... der fröhliche Helote ...
Svenja Sirisee (Sirisee)
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Schavans rühmliche Hinterlassenschaft von 2,2 Millionen Menschen
Florian Adler (Florianadler)
- 15.02.2013, 19:22 Uhr
