http://www.faz.net/-gyl-95lmb

Anders arbeiten : Zur Hölle mit dem Großraumbüro

Jede Menge sinnentleerte Arbeitsstunden

Spätestens kurz vor Schichtende müssen all die Gesprächsmitschriften und Studien ohnehin zu einem Stapel verdichtet werden und kommen in den eigenen Rollcontainer – um am nächsten Tag wieder entflochten zu werden. Wer schnell ist, schafft das in fünf Minuten; scheinbar kaum der Rede wert. Da allerdings 30 Redakteure jeden Tag auf diese Weise fünf Minuten verschwenden, kommen je Großraum weitere 2,5 sinnentleerte Arbeitsstunden zusammen.

Apropos Effizienz: Wer in einem Großraumbüro konzentriert arbeiten will, braucht die Fähigkeit, seine Umwelt ausblenden zu können. Das muss keine angeborene Gabe sein, die Fähigkeit lässt sich trainieren. Meine Frau kann ein Lied davon singen, wie gut ich störende Alltagsgeräusche mittlerweile ausblenden kann. Manchmal aber hilft selbst jahrelange Übung nichts. Ein bestimmter Kollege etwa, der dutzendfach am Tag telefonierte, brachte mit seiner außergewöhnlich mächtigen Stimme die Arbeit im Großraumbüro regelmäßig zum Erliegen. Der Kollege machte das keineswegs mit Absicht, seine eindrucksvolle Stimme gab es eben nicht leiser. Das Ergebnis aber waren Zwangspausen bei allen übrigen Kollegen.

Der permanent hohe Geräuschpegel ist übrigens in jedem Großraumbüro ein Problem. Einer meiner alten Chefs kam nach unzähligen Beschwerden zum gleichen Ergebnis und ließ zwei schalldichte Interviewkabinen nachträglich in den hinteren Teil des Newsrooms einbauen. Mancher Kollege blieb stundenlang darin sitzen, um endlich ungestört arbeiten zu können. Dem nachträglichen Einbau der Kabinen folgte die nachträgliche Einführung von Aufenthaltsregeln für diese. Die neue, hippe Arbeitswelt hatten sich alle anders vorgestellt.

Noch schlimmer aber lief es bei einem anderen Arbeitgeber, der für einige hunderttausend Euro ebenfalls einen vermeintlich coolen Newsroom bauen ließ. Die Mitarbeiter saßen in U-Formation darin, so dass sich alle während der Arbeit direkt anschauen konnten. Allerdings hatte der Verlag den Fehler gemacht, den neuen Newsroomern ihre alten Ein- bis Zweimannbüros vorerst zu lassen. Das Ergebnis war vorhersehbar: Von den zwanzig Arbeitsplätzen im Großraum waren außerhalb der Konferenzzeiten höchstens drei besetzt. Nach etwa drei Wochen gähnender Leere befahl der Chefredakteur eine „Anwesenheitspflicht“ im Newsroom. Allerdings war er selbst zu selten anwesend, um sie durchsetzen zu können. Am Ende blieb der neue Newsroom, nicht aber die Anwesenheitspflicht.

Manchmal ist es im Großraum allerdings auch lustig, bei einigen Telefonaten der Kollegen hört man nur zu gerne zu. Schon viele Jahre her – aber immer noch unvergessen – sind beispielsweise die Gespräche, die ein sehr spröder Vorgesetzter täglich gegen 16 Uhr mit „Mausi“ zu Hause führte. Die Gespräche mit „Mausi“ inspirierten zahllose Kollegen in der Kantine zu humoristischen Höchstleistungen.

Kollegen, die sich mit ihren Handys in freie Ecken drücken

Leider gilt das bisweilen auch für die eigenen Gespräche. Jeder Großraumbewohner lernt recht schnell, dass private Gespräche während der Arbeitszeit nicht lange privat bleiben. Irgendeiner hat garantiert zugehört und erinnert sich bei passender Gelegenheit daran, dass er im Nachrichtengeschäft arbeitet. Aus diesem Grund finden sich vor den Newsräumen dieser Welt meist ein bis drei Kollegen, die sich mit ihren Handys in freie Ecken drücken. Zugegeben: Ein Newsroom ist sinnvoll, wenn es darum geht, in kurzer Zeit mit vielen Beteiligten eine Lösung zu finden. Man kann auf Zuruf Arbeit delegieren und zusammenführen.

Nicht sinnvoll ist ein Newsroom, wenn es nur darum geht, ihn als Showroom für Besuchergruppen zu missbrauchen oder die Mitarbeiter aus reinen Kostengründen zusammenzupferchen. Den Einsparungen stehen oft erhebliche Produktivitätseinbußen gegenüber. In einer Umfrage des Fraunhofer-Instituts befanden drei von vier Angestellten, dass Einzel- oder Zweierbüros die Produktivität steigern. Nur jeder Vierte behauptet das von Büros mit mehr als 25 Schreibtischen.

Falls Ihnen dieser Artikel gefallen hat, könnte das übrigens daran liegen, dass ich nach besagten acht Großraumjahren in ein Einzelbüro am Ende des Ganges umziehen durfte. Der Schreibtisch ist ordentlich, die Tasse sauber, die Monitore funktionieren und konzentrieren kann ich mich auch. Das Leben ist herrlich.

Quelle: F.A.S.

Weitere Themen

Wie viel darf das Leben kosten? Video-Seite öffnen

Heilung durch Medikamente : Wie viel darf das Leben kosten?

Immer mehr Pharma-Konzerne lancieren Medikamente, die Leben retten können- zu astronomischen Preisen für die Patienten. Wer 40.000 Euro übrig hat, kann sich von einer Leberzirrhose bei Hepatitis C heilen lassen. Sind solche Preise gerechtfertigt und dürfen Firmen immer höhere Milliardengewinne auf Kosten der Erkrankten einfahren?

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

Topmeldungen

SPD-Spitze auf Parteitag : Ein Problem namens Schulz

Die SPD wird mit der Union über eine große Koalition verhandeln – doch nach dem Auftritt des Parteichefs klatschen die Delegierten nur 60 Sekunden. Von Andrea Nahles dagegen sind sie begeistert. Sie hält die Rede, die Schulz hätte halten müssen.

Türkeis Offensive in Syrien : Der vergiftete Olivenzweig

Die Türkei hat ihren zweiten Feldzug im Norden Syriens begonnen. Doch diesmal geht es nicht gegen den Islamischen Staat. Die neuen alten Gegner sind die Kurden. Das hat auch Auswirkungen auf die Beziehungen zu Russland.

Handball-EM : Das große Dilemma der Deutschen

Die Handballer zeigen gegen Dänemark die beste Leistung im Turnier. Trotzdem gibt es die erste Niederlage bei der EM. Der Einzug ins Halbfinale ist für die Deutschen nun in weiter Ferne.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.