Deutschlands Studenten sind aktuellen Umfragen zufolge weniger karrierehungrig als früher. Gleich mehrere neue Befragungen zeigen, dass Spaß im Beruf und ein erfülltes Privatleben für die jungen Menschen eine höhere Priorität bei der Stellensuche haben als Einkommen und inhaltliche Herausforderungen. So zeigt die neueste Absolventenstudie des Beratungsunternehmens Kienbaum Communications, die der F.A.Z. vorab vorliegt, dass 71 Prozent der Studenten Familie und Freunde als wichtigste Werte und Ziele in ihrem Leben empfinden – weit vor Erfolg und Karriere. Die eigene Selbstverwirklichung, also letztlich der Spaß an der Arbeit, ist das zweitwichtigste Kriterium.
Eine repräsentative Umfrage des Allensbach-Instituts im Auftrag des Reemtsma-Begabtenförderungswerks deutet in eine ähnliche Richtung. Dort nannten die Studenten die Arbeitsplatzsicherheit als wichtigstes Kriterium bei ihrer Stellensuche: 70 Prozent der befragten jungen Menschen antworteten, dass die Sicherheit ihrer Stelle „ganz besonders wichtig“ für sie sei. Immerhin 59 Prozent legen Wert auf den Spaßfaktor bei der Arbeit, sagten also, der Beruf solle ihren Neigungen entsprechen. 55 Prozent achten besonders darauf, dass sie eine Stelle mit Zukunft antreten. 51 Prozent der befragten Studenten nannten außerdem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als ein „ganz besonders wichtiges“ Kriterium bei der Stellensuche. Damit rangiert dieser Punkt noch vor dem Punkt „hohes Einkommen“ und vor dem Kriterium „herausfordernde Tätigkeit“.
Herausforderung für die Arbeitgeber
In Zeiten des demografischen Wandels, in denen geeignete Bewerber vielerorts knapper werden, seien solcherlei Studienergebnisse eine immense Herausforderung für die Personalabteilungen, sagte der Geschäftsführer von Kienbaum Communications, Erik Bethkenhagen. Wenn die Work-Life-Balance wichtiger sei als das schnelle Geld müsse sich die Ansprache der Bewerber stark verändern. Lieber flexible Arbeitszeiten anbieten als schnelle Gehaltserhöhungen, heißt das etwa. „In manchen Berufen ist es dank moderner Kommunikation mittlerweile egal, ob man zu Hause arbeitet, am Badesee oder im Café“, sagt Bethkenhagen. „Da kann es dann im speziellen Fall auch klug sein, einem Bewerber anzubieten, dass er um 16 Uhr das Büro verlassen kann, Hauptsache er bringt seine Leistung.“ Manche Unternehmen könnten vielleicht auch mit einem guten Standort punkten oder mit ihrer Internationalität. Fest stehe aber: „Ein hohes Gehalt anzubieten, reicht meist nicht mehr.“
Eine bessere Ansprache junger Akademiker könnte noch aus einem weiteren Grund für die Arbeitgeber wichtig werden: Die Studenten interessieren sich in hohem Maße für eine berufliche Karriere im Ausland. Das ist ein weiteres Ergebnis der Allensbach-Forscher. Mehr als jeder zweite Student kann sich gut vorstellen, nach seinem Abschluss im Ausland zu arbeiten. 57 Prozent sagten, eine Tätigkeit außerhalb Deutschlands sei entweder konkret geplant oder komme zumindest in Frage. Immerhin 38 Prozent der Studenten mit konkreten Auswanderungsplänen wollen auch dauerhaft im Ausland bleiben. Trotz der derzeit relativ guten Wirtschaftslage in Deutschland seien die Studenten geteilter Meinung darüber, ob Deutschland als Arbeitsort für Akademiker in den letzten Jahren an Attraktivität gewonnen oder verloren hat. Fast jeder Zweite äußerte sich in dieser Frage unentschieden.
Vor dem Hintergrund der Finanzkrise müssen wohl vor allem die Personaler der Banken und Versicherungen künftig besonders um gute Bewerber buhlen. Die Allensbach-Forscher befragten die Studenten nämlich auch danach, welche Branchen ihnen als reizvolle Arbeitgeber erscheinen. Dabei kam heraus: Deutlich weniger interessant als früher finden die Studenten eine Arbeitsstelle in einer Bank. 58 Prozent der Befragten glauben, dass die Finanzinstitute an Attraktivität als Arbeitgeber verloren haben. Ihren Ruf verschlechtert haben außerdem Tätigkeiten in Versicherungen und im Bereich Politik, in Verbänden oder Organisationen. Viele Studenten halten dagegen Arbeitsstellen in der Energiebranche für interessant. Berufe im Bereich Energie haben nach Meinung von 57 Prozent der befragten Studenten in den letzten Jahren an Attraktivität gewonnen. Das Allensbach-Institut macht dafür die Energiewende verantwortlich. Mehr Anziehungskraft als früher haben für die Jung-Akademiker außerdem die Telekommunikations- und Computerbranche und der Maschinenbau.
