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Veröffentlicht: 26.05.2004, 10:54 Uhr

Wirtschaftskrieg Von der Kunst, den Gegner aufzuhalten

Militärische Planung, ökonomisch gedacht: Die Ecole de Guerre Economique in Paris ist die einzige Wirtschaftsschule in Europa, die sich damit beschäftigt, wie Gerüchte gestreut und abgewehrt werden können.

von Hans-Martin Barthold

Es ist das Jahr 480 v. Chr. Das persische Heer eilt von Schlacht zu Schlacht. Nichts und niemand scheint es aufhalten zu können. Dem Athener Feldherrn Themistokles, militärisch hoffnungslos unterlegen, hilft nur noch eine List. Mit einem Kassiber macht er Xerxes glauben, er selbst und viele andere Griechen stünden auf seiner Seite. Der Perserkönig fällt auf den Schwindel herein. Dem vermeintlichen Sieg ganz nah, läßt er seine großen und schwerfälligen Schiffe arglos in den engen Sund von Salamis einfahren - und verliert in diesem Hinterhalt seine gesamte Flotte.

Des barmherzigen Weichzeichners der historischen Rückschau entkleidet, entpuppt sich Themistokles List als schlichte Täuschung und banaler Betrug. Darin, ist Christian Harbulot fest überzeugt, habe sich die Welt trotz aller Zivilisationssprünge seit zweieinhalbtausend Jahren nicht geändert. Mehr noch, behauptet er, bestimmten solche unfairen Attacken viel öfter das Geschehen auf den Schauplätzen des globalisierten wirtschaftlichen Wettbewerbs. Woher Harbulot seine Einsichten hat? Er beschäftigt sich von Berufs wegen mit miesen Tricks in der Wirtschaft. Harbulot ist Direktor der im noblen siebten Pariser Arrondissement gelegenen Ecole de Guerre Economique (EGE), die der Ecole Supérieure Libre des Sciences Commerciales Appliquées angehört. Diese Schule bietet als europäisches Gegenstück zur School of Information Warfare der Georgtown University in Washington D.C. den Weiterbildungs-Studiengang "Business Intelligence-Strategies" an.

Absolventen keine Wirtschaftsguerrilleros

Bernd-Oliver Bühler ist deren erster deutscher Absolvent, aber dem Bild eines modernen Wirtschaftsguerrilleros entspricht er so ganz und gar nicht. Wie sollte er auch, wo er doch weder in den Umgang mit Wanzen noch in den mit Abhöranlagen oder Mikrofilmen eingeführt wurde. Statt dessen qualifizierte ihn das Curriculum der EGE für eine saubere Analyse des Marktes, lehrte ihn die dort über Sieg oder Niederlage bestimmenden Machtmechanismen. "Dabei", erklärt er, "zählen Informationen heute zu den wichtigsten strategischen Ressourcen." In ihren Besitz zu gelangen, sie zu sichern und für unternehmerische Entscheidungen nutzbar zu machen sei eine Aufgabe von steigender Bedeutung. "Und wird gleichwohl von vielen Unternehmen noch immer sträflich vernachlässigt", kennt Klaus-Dieter Matschke als Chef der Frankfurter Unternehmensberatung KDM Sicherheits-Management die ebenso erstaunliche Sorglosigkeit wie Großzügigkeit vieler deutscher Top-Manager. Mindestens genauso gut weiß er, daß das Prinzip Hoffnung hier nur selten zum Erfolg führt. "Am Ende kostet es in den allermeisten Fällen mehr Geld, als man einzusparen glaubte."

Tatsächlich erweist sich das Thema als in hohem Maße tabuisiert, weswegen die Berufschancen der Absolventen sich hierzulande einer genauen Einschätzung bislang entziehen. Öffentlich diskutieren mögen das Problem deshalb nur wenige. Martin Post, bis 1998 im Vorstand von VW für das Asiengeschäft verantwortlich, aber gibt zu, daß dynamische Marktabschottungen, Destabilisierungsversuche, auch gezielte Desinformationen und Gerüchte durchaus zum Wirtschaftsalltag gehören, in manchen Regionen dieser Welt mehr, in anderen weniger. "Leider", kommentiert er. Und Jürgen Zeiger, ehemaliger Abteilungspräsident des Bundeskriminalamtes, schätzt die durch solche "Aktionen" bundesrepublikanischen Firmen entstehenden Schäden auf gute 75 Milliarden Euro jedes Jahr.

Namhafte Referenzunternehmen

Französische Firmen, oft allerdings selbst keine Musterknaben in Sachen des guten Benimms, gehen mit dem Problem des unlauteren Wettbewerbs mittels (Falsch-)Informationen inzwischen sehr viel offensiver um. Was den Absolventen der Ecole de Guerre Economique im Nachbarland beste Arbeitsmarktchancen beschert. Die Schule nennt als Referenzunternehmen immerhin Namen wie Alcatel, Alsthom, Axa, Cap Gemini, Crédit Agricole, Crédit Lyonnais, Vivendi, KPMG oder L'Oréal. Im Ranking der Zeitschrift "L'étudiant" erreichte man in der Rubrik "Aufbaustudiengänge: Business Intelligence & Knowledge Management" sogar den ersten Platz. Christoph Maas, diplomierter Medienwirtschaftler mit mehrjähriger Berufserfahrung und jetzt Student an der EGE, bestätigt das anspruchsvolle Niveau des Curriculums. Das technische Handwerkszeug für ein erfolgreiches Krisenkommunikationsmanagement habe er bereits von seinem Erststudium mitgebracht. "Doch die für die Strategieplanung wichtigen Marktzusammenhänge und Machtstrukturen beginne ich erst durch die Lehrveranstaltungen hier richtig zu verstehen", beschreibt er den Mehrwert des Studiums in der Pariser Rue Chevert.

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