18.02.2012 · Korruptionsskandale und die Finanzkrise haben das Ansehen der Sozialen Marktwirtschaft beschädigt. Wirtschaftsethiker wollen nun aus der Nische heraus.
Von Philip PlickertSeit Jahren schon signalisieren Umfragen, dass in der Bevölkerung die Zustimmung zur marktwirtschaftlichen Ordnung sinkt. Das Bundeswirtschaftsministerium wollte jüngst gegensteuern mit einer Konferenz über "Ethik der Sozialen Marktwirtschaft. Vertrauen - Regeln - Wettbewerb".
Die Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft, vor allem der Freiburger Walter Eucken, haben Wirtschaft und Ethik zusammengedacht. Sie plädierten für eine Wettbewerbsordnung, weil sie das Entstehen und Ausnutzen von Machtpositionen verhindere und weil sie den Menschen freie Entfaltung ermögliche. Eucken betonte damit die moralische Qualität der Wettbewerbsordnung, die er sogar religiös begründete.
Heutige Ökonomen sprechen kaum über Ethik. Ihre zentrale Kategorie ist die Effizienz. Für Fragen der Gerechtigkeit, gar für den Sinn des Wirtschaftens, sehen sie sich nicht zuständig - ein Riesenfehler! Das sagen zumindest Wirtschaftsethiker. Wie alle Bindestrichfächer tut sich die Wirtschaftsethik aber schwer. Sie sitzt zwischen den Stühlen: Die reinen Ökonomen halten Wirtschaftsethik für weich und schwammig; die reinen Ethiker rümpfen die Nase über eine "Bereichsethik" für die Wirtschaft.
In der Gesellschaft, der Unternehmenswelt und in der Politik nimmt das Interesse aber langsam zu. "Die Nachfrage nach wirtschaftsethischer Beratung ist groß", sagt Nils Ole Oermann, junger Professor für Nachhaltigkeitsethik und Vizerektor der Leuphana Universität in Lüneburg. Doch vielfach gebe es "diffuse Vorstellungen, was eigentlich der Beitrag von Wirtschaftsethik sein kann".
Und auch die Wissenschaftler scheinen verunsichert, wo ihre Disziplin eigentlich steht und wo sie hinwill. Deshalb hat Oermann jüngst eine kleine Tagung mit dem Titel "Quo vadis, Wirtschaftsethik?" in Lüneburg organisiert. Unter den Teilnehmern sind klassische Ökonomen und Betriebswirte sowie Politologen, Theologen und Philosophen. Manche spüren Aufwind, andere äußern sich eher pessimistisch.
"Wirtschaftsethik hat Konjunktur, aber keine Wirkung", meint Birger Priddat, Ökonom und Philosoph, der an der Privatuniversität Witten-Herdecke lehrt. Sie habe eigentlich nur einen marginalen Einfluss, bleibe zu oft abstrakt. Zu lange habe sie auf das Setzen besserer Regeln und Anreize vertraut. Doch die regelorientierten Ansätze griffen zu kurz, kritisiert Priddat. Es fehle nicht an Regeln, sondern an Ethos.
Die Wirtschaftswissenschaft dürfe den Menschen nicht nur als kühlen Nutzenmaximierer sehen, sondern ihn wieder mit all seinen Gefühlen und Leidenschaften entdecken. Adam Smith und David Hume, die sowohl Philosophen wie Ökonomen waren, hatten eine umfassende Sicht auf den Menschen. Der Blick des neoklassischen Mainstreams der Ökonomen war dagegen verengt und eindimensional.
Lange Zeit war dieser Mainstream übermächtig - und drückte Kritiker an den Rand. "Von den Ökonomen gab es teilweise eine richtige Feindseligkeit gegen die Wirtschaftsethik", sagt Peter Koslowski, Philosoph an der Freien Universität Amsterdam. Immerhin gibt es seit der Finanzkrise mehr Nachdenklichkeit. "Der Rechtfertigungsdiskurs in der Wirtschaft nimmt zu", sagt der Berliner Theologe Rolf Schieder und fügt hinzu. "Es gibt einen großen Markt für Wirtschaftsethik."
Während an vielen BWL-Fakultäten mittlerweile Ethikkurse angeboten werden, tut sich in der VWL weniger. Höchstens auf dem Feld der Institutionenökonomik wird über die Bedeutung von Werten, soziale Normen und "belief systems" geforscht. In der klassischen Ökonomik ist das kaum angekommen. "Mit Ethik kann man nicht gut eine wissenschaftliche Karriere planen", sagt Markus Beckmann, Professor für "Social Entrepreneurship" in Lüneburg. Mit wirtschaftsethischen Ansätzen komme man nicht in die wichtigen Journale und habe es schwer an den Universitäten.
Ausnahmen sind die anthroposophisch geprägte Hochschule Witten-Herdecke, die katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt sowie die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die alle Schwerpunkte in der Wirtschaftsethik bildeten. In Eichstätt lehrte viele Jahre Karl Homann, einer der Pioniere des Fachs, dessen Schüler Ingo Pies und Andreas Suchanek heute zu den bekannteren Namen zählen. "Es ist wohl kein Zufall, dass sich vor allem weltanschaulich oder religiös orientierte Hochschulen des Themas annehmen", sagt Koslowski.
In den Vereinigten Staaten gehören Ethikkurse schon seit Jahren zur Standardausbildung von Managern. Seit den Bilanzfälschungsskandalen bei Enron und Worldcom sind sie in vielen MBA-Programmen verpflichtend. Auch in Deutschland gibt es immer mehr Lehrstühle für Unternehmensethik, Corporate Governance und Nachhaltigkeitsmanagement. Früher konnte der Nobelpreisträger Milton Friedman noch sagen, die "soziale Verantwortung" von Unternehmen liege allein darin, Gewinne zu machen. Heute würde das kein Manager mehr zu sagen wagen. Fast jedes größere Unternehmen hat eine "Unternehmensphilosophie" formuliert und bekennt sich zu "Corporate Social Responsability".
Das soll zum einen die eigenen Mitarbeiter motivieren und ist zugleich ein Signal nach außen, an zunehmend kritische Kunden und die Politik. Seit einigen Jahren, vor allem nach dem Siemens-Korruptionsskandal, sind die Gesetze gegen korrupte Praktiken deutlich verschärft worden. Welcher Vorstand die "Compliance", also das Befolgen der Regeln, oder die Sorgfaltspflichten ("due diligence") nicht ernst nimmt, der riskiert hohe Strafen für sein Unternehmen und steht potentiell schon mit einem Bein im Gefängnis, sagt Josef Wieland vom Institut für Wertemanagement an der Hochschule Konstanz.
Im Falle von Siemens wurde nach der Aufdeckung der schwarzen Kassen fast die komplette Führung ausgetauscht. Heute hat der Konzern eine Compliance-Abteilung mit mehreren hundert Mitarbeitern aufgebaut. Peter Koslowski, der den Arbeitskreis Compliance und Ethik in Finanzinstitutionen leitet, ist indes bitter enttäuscht. "Die Compliance Officer haben versagt." Als es um den Handel mit riskanten, kaum verständlich strukturierten Wertpapieren ging, habe sich keiner dem Wunsch des Vorstands zu widersetzen gewagt.
keine Chance
Richard Löwe (RichardL)
- 18.02.2012, 08:09 Uhr