22.12.2011 · Sieben junge Frauen haben einen Verein gegründet, der bei der Wahl des richtigen Studienfaches hilft. Sie unterstützen Schulabgänger, denen Vorbilder fehlen.
Von Deike UthenwoldtWie soll es nach der Schule weitergehen? Diese Frage bereitete Nele Schrörs weit mehr Sorgen als das Abitur selbst. „In meiner Familie bin ich die Einzige, die das Gymnasium besucht und erfolgreich abgeschlossen hat“, sagt die Tochter eines Lageristen und einer Kindergärtnerin. Da gab es keine Vorbilder und wenig Ideen, was mit der allgemeinen Hochschulreife anzufangen sei, und schon gar keinen Überblick über die verschiedenen Studienrichtungen. „Die Aussicht, allein eine Entscheidung treffen zu müssen, setzte mich sehr unter Druck“, erzählt die junge Frau aus Dahlenburg in Niedersachsen. Auch eine öffentliche Berufsberatung an der Schule half nicht weiter: „Es wurde kaum auf mich als Person eingegangen.“
Die Eltern von Nele Schrörs hörten sich im Bekanntenkreis um und landeten bei der Hamburger Karriereberatung Struss und Partner. Deren Geschäftsführerin Ragnhild Struss war als Kind von Neles Mutter betreut worden und wollte etwas zurückgeben. Seitdem hat sie sich nicht nur um Nele gekümmert; sie dachte sich gleich ein allgemeines Angebot für Studenten aus, die sich eine professionelle Karriereberatung nicht leisten können. „Ich hatte früher schon gelegentlich kostenlos beraten, aber Nele gab den Anstoß, das offiziell zu machen.“ Die Diplomkauffrau hat in diesem Sommer den Verein „Step up! Karrierewege“ gegründet, gemeinsam mit sechs jungen Frauen, die sich alle gesellschaftlich engagieren wollen und mit denen Struss an der European Business School in Oestrich-Winkel studierte. Die Idee: junge Menschen, egal ob Realschüler oder Abiturienten und unabhängig von ihrer Herkunft, in der Wahl einer passenden Ausbildung oder eines Studiums zu unterstützen und die ersten Ausbildungsjahre mit Mentoring, Bewerbungstrainings und Büchergeld zu fördern.
Nicht nur Bildung und Einkommen korrelierten in Deutschland positiv, betont Initiatorin Struss, Berufswege und Herkunft auch: „Was ich kenne, bevorzuge ich“, weiß die Organisationspsychologin. Daher rate tendenziell die Handwerkerfamilie ihrem Sprössling: „Mach erst mal was Richtiges“ und sorge sich um Ausbildungskosten, Akademikerarbeitslosigkeit und Entfremdung. „Es gibt eine Angst vor dem Elfenbeinturm und der theoretisierenden Welt.“ Gegen dieses Klischeedenken setze Step up professionelle Beratung und branchenspezifische Insider-Informationen; dafür stünden die sieben Gründungsmitglieder und ein Netzwerk aus Mentoren bereit.
„Step up fehlte einfach am Stipendienmarkt“, glaubt Gründungsmitglied Kristina Struse. Während Stiftungen und Mentoringprogramme in der Regel erst nach der Studienwahl ansetzten, stelle Step up die Weichen schon vorher. Zunächst werden zwölf Stipendiaten im Jahr gefördert, ein Ausbau auf fünfzig Kandidaten ist langfristig angestrebt. „Es ist ein Wert, sich der eigenen Talente bewusst zu werden“, sagt Struse. Die Zweiunddreißigjährige unterstützt den Verein von Genf aus. Die anderen Geschäftsfrauen sind über ganz Deutschland verteilt; gefördert wird überregional: Bewerben könnten sich Schulabgänger, die Bafög bekommen können, erklärt Ragnhild Struss. Die ebenfalls Zweiunddreißigjährige verlangt aber keine Kontoauszüge, wohl aber Lebenslauf, Zeugnis und zwei kurze Aufsätze. Die Themen: „Warum ich das Stipendium unbedingt möchte“ und „Was bedeutet Karriere für mich“.