Assistentin werden? Mit 30? Das klingt nicht nach schneller Karriere. Doch Petra Reinold-Brenckmann hat sofort zugesagt, als ihr vor zehn Jahren eine Stelle als Assistentin des damaligen Commerzbank-Vorstands Klaus-Peter Müller angeboten wurde. „Den Anruf werde ich nie vergessen“, sagt die heutige Bereichsleiterin in der Personalabteilung. Die Entzückung von damals hallt noch immer nach. Dreieinhalb spannende Jahre seien das gewesen, eine Zeit, in der sie besonders wertvolle Erfahrungen gesammelt habe. Schon vorher hat sie in verschiedenen Positionen für die Bank gearbeitet, aber als Assistentin sah sie den Konzern aus einer ganz anderen Perspektive und lernte dabei, wie seine einzelnen Teile zusammen agieren. „Man nimmt extrem viel mit. Das lernt man in keinem Seminar“, sagt die Betriebswirtin.
Tatsächlich gilt ein Job als Vorstandsassistent wahlweise als Karriere-Turbo, -sprungbrett oder Königsweg an die Spitze. Unternehmen nutzen die Position gezielt, um zukünftige Führungskräfte nach ihren Bedürfnissen zu formen. Besonders bei Stellen an der Seite von Dax-Vorständen geraten karrierebewusste Jungakademiker daher ins Träumen, vom Ruf sind sie nur vergleichbar mit dem Einstieg bei einer Unternehmensberatung. Während der meist zwei- bis dreijährigen Etappe gelangen Assistenten früh an Einblicke, die ihnen kaum eine andere Position verspricht. Sie lernen bestenfalls von Vorständen, wie „Vorstand sein“ funktioniert - ein klassisches Meister-Schüler-Verhältnis. Die jüngere Wirtschaftsgeschichte beweist zudem, dass ein paar Jahre als „Assi“ der Karriere in der Tat einen gehörigen Schub geben können. Martin Winterkorn, Rüdiger Grube, Jürgen Großmann - alle Teil einer langen Liste ehemaliger Assistenten, die mittlerweile an der Konzernspitze angelangt sind.
Wenig Freiraum
Solch eine Perspektive gibt es aber nicht umsonst. Die Arbeit ist anstrengend und bietet wenig Freiraum. „Mein Tagesablauf war nur selten planbar und sehr stark durch den Kalender meines Chefs gesteuert“, erinnert sich Reinold-Brenckmann. Dafür weiß sie nun, was „da oben“ diskutiert wird und wie man sich auf politischem Parkett bewegt. Müller gilt als begnadeter Netzwerker mit guten Verbindungen bis ins Kanzleramt. „Besonders interessant war es, Einblick in die Vorgänge zu bekommen, die man als Mitarbeiter sonst nie zu Gesicht bekommt“, sagt sie. Ein weiterer Pluspunkt: Auch nach der Zeit als Assistentin blieb der Kontakt bestehen. Müller trifft sich mit allen seinen ehemaligen Assistenten einmal im Jahr zum gemeinsamen Essen.
Aber was machen die Assistenten eigentlich? Es gehe meist um Vorarbeiten, sagt die selbständige Personalentwicklerin Doris Brenner. Termine vorbereiten, Optionen bewerten, die Quintessenz einer Problemstellung herausarbeiten, damit der Vorstand schneller entscheiden könne. „Es geht um die Arbeitserleichterung des Chefs.“ Der Aufgabenzuschnitt kann sich jedoch je nach Unternehmen stark unterscheiden. In manchen Firmen ist der Assistent eher ein gehobener Privatsekretär als ein zukünftiger Abteilungsleiter. „Die Frage ist: Bin ich nur der Kofferträger, oder geht es der Firma darum, künftige Führungskräfte auszubilden“, sagt Brenner. Das solle man vorher genau abklopfen. Drei Jahre als Beameranknipser nutzt keiner Karriere. Beim Gehalt könne man laut Brenner mit 40.000 bis 70.000 Euro jährlich rechnen, je nach eigener Erfahrung und Unternehmensgröße. In manchen Unternehmen seien Assistenten zudem mit eigenen Projekten betraut und nicht nur auf ihren Chef fokussiert. „Das gleicht dann eher einer Stabsstelle.“
An den Hacken des Chefs
So ähnlich war es auch bei Konstantina Kanellopoulos, die ein Jahr als Assistentin von Rolf Buch arbeitete, Chef der Bertelsmann-Tochter Arvato. An den Hacken von Buch, der selbst einmal als Assistent anfing, klebte sie dabei nicht, sondern kreierte ihre heutige Stelle: Sie ist Bereichsleiterin im Kundenservice und verantwortlich für einen Auftrag, dessen Ausschreibung sie damals selbst begleitet hat. Ihr Chef habe sie an ihre heutige Aufgabe herangeführt, gezielt zu interessanten Terminen mitgenommen und mit Verhandlungen betraut. „Dazu kamen aber auch die Alltagsaufgaben“, erzählt Kanellopoulos. Powerpoint-Präsentationen, Terminvorbereitung, kurze Briefings zu aktuellen Themen - klassische Assistentenpflichten eben.
Mit Buch pflegte sie einen intensiven Austausch, der nicht abgebrochen ist. „Bei schwierigen Themen ist er auch heute noch für mich da.“ Ihre Beziehung beschreibt sie als vertrauensvoll: „Entscheidend war, dass wir eine Wellenlänge haben“, sagt Kanellopoulos. Sie habe schnell ein gutes Gespür entwickeln müssen: Was will der Chef? Was interessiert ihn? Was ist wichtig, was nicht? Assistenten dürften nicht erwarten, dass ihnen viel erklärt werde, sagt Personalberaterin Brenner. Vorstände seien oft ungeduldig, wollen schnell Antworten hören. Und: „Autorität darf einen nicht einknicken lassen.“ Ein gewisses Selbstbewusstsein gehöre dazu, um sich unter Managertypen behaupten zu können.
Auch eine vertrauensvolle Beziehung, wie zwischen Kanellopoulos und Buch, ist essentiell - das betont jeder Assistent. Die Insiderinformationen verlangen nach einer Persönlichkeit, welche die selbstverständliche Verschwiegenheit einer Schweizer Bank ausstrahlt. Vom geheimen neuen Produkt, dem skandalösen Zustand einer Abteilung oder den eigenen Macken will kein Vorstand auf den Konzernfluren hören. Sollte die Chemie zwischen Chef und Assistent nicht stimmen, könne der Karriereturbo fehlzünden und sich eher in eine Bremse verwandeln, warnt Brenner. Sei man erst mal ganz oben in Ungnade gefallen, werde es schwer, später aufzusteigen. Der enge Zuschnitt des Jobs auf eine Person sorge für Abhängigkeit: „Der eigene Status leitet sich stärker als in anderen Positionen vom Chef ab.“
Personaler reden oft von „High Potentials“, wenn sie den idealen Vorstandsassistenten beschreiben, jenen jungen Akademikern, deren liebevoll geschnitzter Lebenslauf vor lauter MBA, Elite-Abschlüssen und Auslandsaufenthalten zu platzen scheint. Auch Franz Donner, Personalchef von Zeiss, hält die Assistentenposition für die „Einflugschneise für High Potentials“. Promovierte Naturwissenschaftler oder ehemalige Unternehmensberater seien beispielsweise gern gesehen. Bettina Friedl hat es mit genau so einem Profil geschafft. Seit fast einem Jahr arbeitet sie als Assistentin des Zeiss-Chefs Michael Kaschke. Abitur, Diplom, Promotion - alles hat sie mit 1,0 abgeschlossen. „Ich habe einen guten Prozessor“, sagt die junge Mathematikerin. Nach der Promotion wollte Friedl sich „nicht sofort in operativen Aufgaben verlieren“ und erst mal einen Überblick bekommen. Die Position sei dafür ideal. Im Anschluss würde sie gern im Ausland arbeiten - aber wer weiß: „Man steigt hier mit keinem festen Versprechen ein.“
Ja-Sager-Typen mit guten Noten sind ungeeignet
Doch es sind nicht nur die Menschen mit glattem Einser-Lebenslauf, die sich Chancen auf eine Assistentenstelle ausrechnen können. „Unter 25, Summa cum laude plus Ausland“ sei inzwischen nicht mehr alles, sagt Gero Hesse, Personalmanager von Bertelsmann und Mitgründer des Karrierenetzwerks „careerloft“. Das gesuchte Profil wandele sich: Bewerber mit gebrochenen Lebensläufen, die jedoch fest im Leben stehen, könnten mittlerweile ebenso gut eine Stelle als Vorstandsassistent ergattern. „Unternehmen suchen Leute mit innerem Drive, Dinge zu gestalten“, sagt Hesse. Es gehe darum, zukünftige Führungskräfte zu finden, die auch ein Gespür für Machtstrukturen haben. „Ja-Sager-Typen“ mit guten Noten seien da ungeeignet.
Abseits der Konzerne weht ohnehin ein anderer Wind. Der Schraubenhersteller Würth setzt bei Assistenten vor allem auf eine solide Persönlichkeit. Patric Sattler arbeitete dort nach seinem dualen Studium drei Jahre lang als Assistent von Norbert Heckmann, dem Sprecher der Geschäftsleitung. Inzwischen leitet der 27-Jährige ein Team von sieben Außendienstmitarbeitern. Im Vergleich zu den High-Potential-Dax-Assistenten mag sein Lebenslauf dünn sein, doch passt er so besser in ein Familienunternehmen wie Würth. „Assistenten dürfen hier auf keinen Fall arrogant sein“, umschreibt Bernhard Nebl, Leiter der Personalentwicklung, die Prioritäten in Künzelsau. Ein akademischer Hintergrund sei keine zwingende Voraussetzung, vielmehr zähle „eine empathische Persönlichkeit“.
